Warum unser Bildungssystem krankt (3)

3. Wegen der Lehrerausbildung und des -einstellungsverfahrens

Lehrerausbildung endet bei uns nicht mit den Studenten und dem, was die Universitäten vermitteln. Unsere zum Teil unwilligen und pädagogisch nicht wertvollen (um nicht direkt „wertlos“ sagen zu müssen) Lehramtsanwärter haben die Unilaufbahn nun also durchschritten. Sie haben sich durch ihre Seminare gehangelt und eine Winzigkeit an Fachwissen aufgesaugt. Und nun ist der nächste Schritt das Referendariat.

In NRW war es bis vor zwei Jahren noch zweijährig, mittlerweile ist es um ein halbes Jahr verkürzt und dieses halbe Jahr ist in die Unilaufbahn verlegt worden – nun muss der Staat ein halbes Jahr weniger finanzieren. (Und sowieso möchte das Land am liebsten gar keine Lehrerbildung mehr mit Gehalt bedenken und darum soll die gesamte Ausbildung in die Zeit an der Uni gepresst werden … ) Wie allerdings Uni, Schule und Lehrerseminare (jetzt: Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung) miteinander zusammenarbeiten, ist ein weites Feld. Da werden tausendfach Inhalte, die die Uni bereits in den Pädagogik- und Fachdidaktikseminaren abgearbeitet hat, während des Praxissemesters an der Uni und noch einmal während des Referendariats in den Zentren für Lehrerbildung besprochen. Warum? Weil wir alle auf einen Stand kriegen müssen. Und da auch Referendare aus anderen Bundesländern zu uns kommen, ist die Ausbildungsgrundlage sehr unterschiedlich. (Denn Bildung und damit Lehrerbildung ist nun einmal Länderhoheit. Dazu wann anders mehr.)

Kann man keinen Katalog für die gesamte Lehrerausbildung entwerfen? Muss man „Was ist guter Unterricht?“ und „Wie wird/ist man eine gute Lehrerpersönlichkeit?“ wirklich noch einmal während des Refs beprechen? Das sind Grundlagen, die in der Uni zu legen sind. Während des Refs geht es um Unterrichtspraxis, um Anleitungen zum direkten Unterrichten; nicht mehr um irgendwelche allgemeinpädagogischen Basiskenntnisse. Also: Die Verzahnung der einzelnen Ausbildungsschritte stimmt nicht.

Es ist wahrscheinlich nicht falsch, die Ausbildung der künftigen Lehrer in die Unizeit zu legen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, eine vernünftige Erwachsenenbildung bei Lehramtsanwärtern hinzukriegen: Auf der einen Seite stehen sie vor Schülern und müssen den Lehrer geben; auf der anderen Seite müssen sie sich unterordnen und werden von den Seminarleitern, die den Spagat nicht schaffen, immer noch eher selbst wie Schüler/Studenten behandelt, obwohl sie im Grunde ein Zwischending sind.

Wenn man dann diese Ausbildung durchlaufen hat und die Ausbildungsschule einen nicht übernehmen kann, bewirbt man sich „schulscharf“ auf von den einzelnen Schulen ausgeschriebene Stellen. Steht in der Anzeige „Lehrer Deutsch / Geschichte mit Trainerlizenz für eine Sportdisziplin im Nachmittagsbereich gesucht“, weiß man: Die haben schon einen Anwärter, müssen aber so spezifisch wie möglich ausschreiben, damit sie ihren Wunschkandidaten kriegen. Hat man selbst zwar keinen Trainerschein aber einen Notenschnitt von 1,2 und bewirbt sich dennoch auf die Stelle, muss die Schule einen einladen, sofern der eigene Kandidat einen schlechteren Schnitt hat. Alle bis zu dessen Schnitt müssen eingeladen werden, um dann irgendeinen Vorwand zu finden, warum die anderen weniger gut als der eigene Kandidat sind. Bewerbern werden (in der Bezirksregierung Köln) die gleichen Fragen vorgelegt, man bekommt fünf Minuten Zeit zum Überlegen, dann antwortet man auf die Fragen. Um (angebliche) Fairness und Gleichberechtigung aller zu erreichen, darf kein persönliches Gespräch zustande kommen. In der Bezirksregierung Düsseldorf habe ich davon folgende Variante erlebt: „Hier ist Ihr Thema. Sie haben zwanzig Minuten, um einen fünfminütigen Vortrag vorzubereiten. Anschließend werden wir reihum vorgefertigte Fragen stellen.“

Ich kann durchaus verstehen, dass eine Schule den Lehrer haben will, den sie kennt, und deswegen für ihn ausschreibt. Dieses pseudofaire Verfahren der Bewerbungsphase ist das, was mich aber zum einen aufregt. Zum anderen ist es, dass Lehrer überhaupt nach ihren Abschlussnoten eingeladen werden. Es sind nicht die Noten, die einen guten Lehrer ausmachen. Es ist das Menschliche, die Persönlichkeit. Aber die soll ja nach Möglichkeit beim Bewerbungsverfahren komplett außen vor sein. Damit es für alle fair ist.

Natürlich ist es nicht fair. Weil die Schulen ihren Kandidaten wollen. Weil die Noten des Examenstages ca 30% der Endnote ausmachen – wehe, man hatte da einen schlechten Tag … Weil … Aber alle tun so als ob.

Als ich einmal nach einem Bewerbungsgespräch sagte: „Ich weiß ja, dass Sie Herrn Soundso als Referendar haben und die Stelle für ihn ausgeschrieben ist“, hörte ich: „Ach was, das hat nichts zu heißen“ – Weil man sich vielleicht nicht direkt strafbar, aber doch anfechtbar macht, wenn man ehrlich wäre.

11 Gedanken zu “Warum unser Bildungssystem krankt (3)

  1. Ja, so sind „SIE“! Parallel zur Gesellschaft versuchen „SIE“ als Bildungselite zu bestehen, obwohl „SIE“eigentlich längst überholt wurden. Sie bewerten die Defizite der Anderen und scheinen dadurch unfehlbar zu sein. Hüte dich davor wenn „Sie“ sagen, sie sind fair! Glaube Ihnen nicht wenn „Sie“ sagen, sie meines es ehrlich. Sei wachsam wenn „Sie“ sagen, sie machen das nur für die Kinder! Sei dir immer bewusst, dass es wenige ehrliche ……. gibt. Viel Glück auf deinem Weg! M.

  2. Ich werde ja schon gleich wieder aggressiv, wenn ich das lese. Das ist typische Schulverwaltung, wie ich sie kennenlernte. Nach außen hin so tun, als ob alles strukturiert und fair abläuft bzw. alles objektiv bewertet wurde und untereinander, also im inneren klüngeln, sich absprechen und subjektiv entscheiden. Gut, dass ich da erst mal raus bin 🙂

  3. Vielleicht kommst Du noch dazu:
    Aber den letzten Schlag bekommen engagierte Junglehrer, wenn die älteren Kollegen ihnen die „Flausen austreiben wollen“ und zu zeigen beginnen „wie man mit dieser Jugend umgehen muss.“
    Ich finde es schwierig mit einer demokratischen Erziehung in einem (zumindest in Bayern) noch stark autoritären Schulstil einen Weg zu finden. Wenn man den jungen Lehrern das Bemühen anmerkt und sie nach einem halben Jahr weg sind, weil die alten Stühle, mit alten Thesen stur verteidigt werden.

    1. In NRW würde ich mir fast wünschen, dass es autoritärer zugeht. Nicht, weil ich der Meinung bin, die Junglehrer haben schlechte Ideen. Aber wie ich schon an den Studenten gezeigt habe: Viele von ihnen gehen mit falschen Voraussetzungen an den Beruf heran.

      Man kann über das bayrische System sagen, was man will: Bei PISA liegen die bayrischen SchülerInnen von Beginn an (also 2002) weit vorne: http://www.tresselt.de/images/pisa.h1.jpg Und das spricht nun einmal für das alte bayrische System und nicht für den umgeworfen Unterricht, zu dem ich im nächsten Artikel kommen werde.

      1. Das ist sicher ein wichtiges Argument. Aber Pisa wird mir oft zu hoch gehalten, weil es sich sehr an den messbaren, aber nicht an den fühlbaren Argumten orientiert. Kinder sind keine Maschinen, deren Leistung man mit nüchterner Leistungskontrolle erfassen kann. Viel spannender wäre die Frage, wie ein System das tatsächliche Potential seiner Schüler aktiviert.
        Wir sind in BW und da ist die Mischung aus klare Linie und Blick für die kindliche Entwicklung viel besser gelungen. Auch hier nur als individuelle Erfahrung.
        Ein spannendes Buch, welches ich nur in Auszügen kenne ist http://www.amazon.de/Vater-Mutter-Staat-Ganztagsbetreuung-Wirtschaft/dp/345328061X
        Aktuell auch in der letzten Ausgabe des Focus ein Thema (nicht meine Zeitschrift, aber der Artikel war gut).
        Danke für diesen Themenblock finde ich gerade sehr spannend zu lesen.

  4. Da merkt man, wie viel uns wirklich an guter und schülergerechter Bildung liegt…

    Danke für diese Serie, ich finde sie sehr interessant – auch wenn ich natürlich hoffe, dass sie eines Tages überholt sein wird, weil sich das Bildungssystem grundlegend bessert (man darf ja noch träumen…).

  5. Pingback: Wir lernen: Selbstständigkeit | Gescheuchten Igel

  6. Pingback: Blogparade: Lehrer von morgen heute denken. | Dejan Mihajlovic

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