Die Unnormalen XII

– Sie – 

Ich schlafe wieder nicht wirklich. Ich habe meinen Kopf an seiner Schulter und meine Fingerspitzen unter seinem Sweatshirt beginnen zu brennen. Wenn ich meine Augen geschlossen halte, dann kann ich mir alles um mich herum, jeden Moment mit ihm zusammen viel stärker, viel intensiver, viel besser einprägen. Dann kann ich es genießen, bei ihm zu sein und seine Aufmerksamkeit zu haben.

Es ist unglaublich, wie wenig sich zwischen uns geändert hat und wie froh ich darum bin. Ein kleiner Seufzer entschlüpft mir, weil ich tief eingeatmet habe. Vorsichtig wandert seine Hand zu meiner Hand und legt sich unter dem Sweatshirt auf sie. Erst in diesem Moment fällt mir auf, dass meine rechte und seine linke, die auf seinem linken Oberschenkel liegen, schon längst ineinander verschlungen sind.

Wir wirken auf alle anderen wie ein Pärchen. Ich lächle. Alle haben den falschen und doch den richtigen Eindruck.

Ich bin irre.

Als wir in dieser ersten Kneipe gewesen sind, hat mich ein Surfertyp angesprochen und hat sein Interesse an mir ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht, aber wie früher war für mich jeder andere Typ in unserer Umgebung uninteressant. Egal, wie viele Typen ich kennenlernte, wenn er nicht dabei war: Sobald er sich in meiner Nähe befand, waren alle anderen Männer zur Unwichtigkeit verdammt. Das ist wieder etwas, auf das die Zeit keinen Einfluss nehmen konnte.

Dann, der Polizist… Ich habe dem Bullen angesehen, dass er sich wunderte, was ich mit einem solchen Idioten zu tun haben kann, der so gar nicht zu meinem Outfit passt. Ich meine, ja, ich sehe heute Abend eher chic und elegant aus, wohingegen er sich nicht gerade in Schale geworfen hat. Andererseits hat er in meinen Augen aber genau das getan, denn er hat die Klamotten an, die mir am besten an ihm gefallen. Also was will ich mehr?

Nachdem wir die Altstadt hinter uns gelassen haben, sind wir mit einer Straßenbahn zum Rhein gefahren. Es war nur noch eine halbe Stunde bis zwölf und ich wollte ihn in diesen Minuten um zwölf Uhr herum ganz für mich haben. Deswegen habe ich von den Leuten weggelotst. Ich nehme an, dass er weder so dumm noch so betrunken war, um das nicht zu bemerken, aber er hat nichts in diese Richtung gesagt. Natürlich ist am Rhein nicht wirklich ein Platz zu finden, an dem man eine gute Aussicht hat und trotzdem nicht von Menschen umgeben ist. Aber irgendwie haben wir es fertig gebracht, eine Bank aufzutreiben, die uns den Blick auf eine Brücke freigab, auf der sich schon einige hundert (?) Menschen versammelt hatten, und die wir doch für uns hatten. Wir haben uns hingesetzt und er hat augenblicklich seinen Arm um mich gelegt. Sein Kopf legte sich etwas auf meine Haare und mir fiel die Flasche aus der Hand, weil ich meine Hand bei ihm und nicht an der Sektflasche haben wollte, die aber zumindest noch geschlossen gewesen ist.

„Ich bin froh, dass wir hier sind“, habe ich gesagt und keine Antwort von ihm bekommen. Nach einigen schweigsamen Momenten habe ich ihn gefragt: „Findest du es scheiße hier? Ist es dir zu kitschig, oder…“

„Nein, nein. Es ist ein guter Platz“, hat er gesagt und abwesend geklungen.

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