Die Unnormalen XI

– Er –

Unser Zug fährt ein und ich wecke sie auf. Für ein paar Minuten war sie wieder weggedämmert. Ziemlich verschlafen folgt sie mir in das Zugabteil und lässt sich neben mich auf einen der Sitze fallen.

„Willst du nicht lieber gegenüber sitzen?“

„Wieso?“ fragt sie unwirsch und verschlafen. Nur eine Minute später fällt ihr Kopf auf meine Schulter und bevor der Zug anfährt, ist sie eingeschlafen. Ihre Hand allerdings ist noch schnell unter meine Jacke und unter mein Sweatshirt gekrochen und nur der dünne Stoff des T-Shirts trennt uns. Ich kann jede Fingerspitze fühlen.

Der Zug hat noch ein paar Minuten Aufenthalt und während sie schläft, sehe ich die Leute auf dem Bahnhof an: Ähnlich betrunken wie die von eben…

Aus der Kneipe waren sie schnell verschwunden, nicht ohne als Mitbringsel einen Bierkrug mitzunehmen. Sie waren zur Altstadt weitergezogen. Die längste Theke der Welt war gut besucht, laut, mit Leuten jeglichen Alters voll. Sie hatte sich neben einem vermummten Polizisten, der kurz vorher irgendwelche Typen abgekanzelt und zusammengeschnauzt hatte, hingestellt und gesagt: „Mach ein Foto von uns.“

Eigentlich hatte er erwartet, dass der Polizist sie zusammenscheißen würde, aber sie hatte sich nur in ihrer liebenswertesten Art zu dem Bullen gewandt und gemeint: „Darf er doch, oder?“

Und der Polizist hatte seine Sturmhaube tief ins Gesicht gezogen und erwidert: „Jetzt schon“, dann hatte er seinen Arm um ihre Schulter gelegt und gepost.

„Siehste, jetzt haben wir schon Freunde gefunden“, hatte sie gemeint, als sie sich vor eine der Bierschänken gestellt hatten.

„Ja, nen beschissenen Polizisten“, hatte er abfällig gesagt, doch sie hatte nur gelacht.

„Wenn du dich gleich doch noch prügeln willst, haben wir zumindest jemanden bei der Polizei, der uns kennengelernt hat.“

„Süße, ich prügel mich nie, wenn du dabei bist.“

„Ja, weil ich dich zurückhalte…“

„Eben.“

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3 Kommentare zu „Die Unnormalen XI

  1. Bist Du mitten in diesem Kapitel aus der Er-Wahrnehmung, also seine Stimme (erste Person) in die neutraler-Beobachter-Stimme (dritte Person) gerutscht?
    Darf ich fragen wieso? Mit oder ohne Absicht?

    1. Das war beabsichtigt, weil es eine Rückblende ist. Die drei Punkte weisen darauf hin. Es hätte aber nicht sein müssen, zumal ich ja auch als Er-Erzähler in der Perspektive des Ers bleibe…

      1. Verstehe. Danke für die Aufklärung. Für mich als Leser war es interessant, den Spannungswechsel bei und nach diesem Bruch zu erleben.

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