Die Unnormalen I

– 1 – 

Sie

Mein Kopf ist auf seine Oberschenkel gebettet. Langsam beginnen die Geräusche um mich herum hinter einem Vorhang zu verschwinden und eins zu werden.

„Ist dir kalt?“ erkenne ich seine Stimme in dem immer undeutlich werdenden Lärmpegel, den auch eine morgenfrühe Silvester- bzw. mittlerweile Neujahrsnacht noch auf einem Großstadtbahnhof besitzt.

Ich versuche den Kopf zu schütteln, aber entweder nimmt er das als Nicken oder wäre so oder so fürsorglich gewesen. Auf jeden Fall spüre ich, dass er meinen Mantel an meinen Beinen und meiner Hüfte enger um mich legt. Anschließend bleibt seine Hand locker auf meiner Taille liegen. Bevor ich tiefer einschlafe, schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Solche kleinen Gesten habe ich in den vergangenen Jahren vermisst.

Er

Ich zünde mir eine Zigarette an und sehe mich im Düsseldorfer Bahnhof um. Ziemlich dumm von uns, dass wir uns nicht besser über den Zugfahrplan informiert haben und nun hier auf dieser beschissenen Bahnhofsbank oben an einem der zugigen Gleise sitzen. Wir hätten uns auch in eines der wenigen Schnellrestaurants setzen können, die in einer solchen Nacht schon oder noch geöffnet haben, aber es war kaum Platz. Unten an den U-Bahn-Gleisen war es zwar wärmer, aber die paar Bänke, die sie dort haben, waren schon besetzt. Und deswegen sind wir hier gelandet. Ich sehe auf sie herunter. Ihr gleichmäßiger ruhiger Atem verrät mir, dass sie wahrscheinlich bald einschläft oder vielleicht schon eingeschlafen ist. Vorsichtig nehme ich eine Strähne aus ihrem Gesicht und klemme sie hinter ihr Ohr. Dann wandert meine Hand wieder auf ihre Taille zurück, wo sie ziemlich gut liegt.

Vor ein paar Stunden habe ich aufgehört mich zu fragen, was ich eigentlich mit ihr zusammen hier in dieser Stadt, die ich nicht mag, zu suchen habe. Irgendwann ist es egal gewesen. Weiß nicht, ob das am Alkohol gelegen hat oder an ihr. Es wäre beruhigender zu denken, dass es an ersterem lag. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es die Wahrheit wäre.

Als sie vor ein paar Tagen, genauer an Weihnachten, auf einmal vor mir stand, da habe ich … Na ja, es ist nicht so, dass es mir vorher nicht schon mal ab und zu aufgefallen wäre, dass ich an sie denke und dass ich mit ihr reden würde, wenn ich zufällig auf sie treffe. Ich hab gedacht, dass wir uns mal austauschen könnten, dass wir mal sehen könnten, ob wir uns immer noch miteinander verstehen. Wirklich, das ist alles gewesen. Vermisst habe ich sie nicht. Dafür ist alles zwischen uns vor so langer Zeit passiert… So lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Fünf Jahre und länger.

Ja, und an Weihnachten stand sie vor mir. Ohne Geschenk, aber mit verheulten Augen, von denen ich nichts wissen wollte und zu denen sie mir nichts gesagt hat. Sie hat mich angesehen und gelächelt.

… to be continued…

Copyright Stefanini

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