Die andere Kurve

Eine unscharfe Sekunde. Nur der Augenblick, in dem der Lieferwagen eines Handwerkers um die Kurve fuhr. Nur in diesem Moment erhaschte sie einen Blick auf dessen Beifahrer. Dunkelhaarig mit Bart und Achsel-Shirt. Letzteres war so gar nicht seins eigentlich, aber sonst war er es. In ihrem Kopf war er es. Und plötzlich meinte sie zu wissen, dass er als Handwerker viel glücklicher geworden wäre, als er es als dauernd gestresster Investmentbanker war.

Freischulbad

Freibad hatten wir heute in der Schule. Mottowoche nennt sich das ja seit vielleicht fünfzehn Jahren – zumindest war es mir vorher nicht bekannt – und nachdem wir in den vorangegangenen zwei Tagen schon einfach in den Unterricht hereinplatzende Zehner und Dauerbeschallung durch laute Musik sowie Handyvideodreh im Lehrerzimmer ertragen mussten, wurden heute nicht nur ein paar Wasserpistolen gefeuert, sondern ganze Gewehrsalven plus Bomben plus Wasserflaschen und Wassereimer geleert. Leider letzteres auch über einer Lehrerin.

Weiterlesen „Freischulbad“

Zum Freibad

Ins Freibad! Oh ja! Schwimmen. Und mit meinen neuen Freundinnen hin! Ach, darf ich, bitte? Ich bezahl es auch alles selbst! Oh, danke, danke, Mama! Natürlich bin ich vorsichtig!

Ich schnappe mir mein Sparschwein und die Münzen kullern heraus. Fünf, zwei, ein, ein, fünfzig, fünfzig, fünfzig, zehn, zehn, zehn, zehn, zehn, zehn, fünf. Etwas mehr als elf Mark. Das wird doch reichen, oder? Oh, ich werd abgeholt!

Das Geld klimpert in meiner Hosentasche auf dem Weg zum Bad. Die Sonne scheint, es ist schön warm und die Erwachsenen machen ihre Gärten. Wie immer eigentlich. Und wir lachen und reden. Aber das Geld wiegt schwer. Ob ich reinkomme? Ob es genug ist? Ob ich vielleicht auch ein Eis dafür bekomme?

Puh. Nur einsfünfzig Eintritt! Und jetzt kann ich für fast zehn Mark Süßes kaufen!!!

Drei und Zehn

Eben hatte ich die Idee, dass … nein, anders. Oft überfliege ich Nachrichten nur, lese die Überschriften und die Kurzzusammenfassungen, halte das aber auch gar nicht für Bildung oder gute Information und bin dann oft erschrocken, dass es meistens reicht, um bei Gesprächen zumindest ein paar Wortmeldungen zu landen. Zum Beispiel interessiere ich mich null für Fußball. Schon als Opa damals das grüne Fernsehbild verfolgte, auf dem man den Ball suchen musste, blieb ich höchstens dabei, weil ich Zeit vor dem Zubettgehen schinden wollte. Wirklich, ich bin super informiert, wer gegen wen spielt, wie zahlreiche Spiele ausgehen, wo es Überraschungen gegeben hat, wer absteigt und welche Wechsel anstehen. (Nur wie viel jemand durch Fußballspielen verdient, will mir nicht im Kopf bleiben.) Und dabei lese ich wirklich nicht mehr, als die Zeit-/Spiegel-Startseiteninfos.

Weiterlesen „Drei und Zehn“

Sommerabend

Dachterrasse mit Hinterhofausblick und viel, viel blauem Himmel. Die Beine angewinkelt auf dem großen Schlafsofa, das dort unter dem Pavillon steht. Der zweite Fernseher, meistens funktionstüchtig, läuft mit der Lieblingssendung.

Es ist warm und wohlig und schön da oben. Mit ihm und ihr. Mitten in der Stadt ein Ruhepol. Mitten im Leben ein Innehalten.

Wir sind verwöhnt, sagt sie ihm. Und er nickt.

Underground

Das Herz ein bisschen underground. Ein bisschen versteckt und verschroben. Und für das Kaputte und Verletzte immer offen. Mit diesem Helferdrang drin und der Hoffnung darauf, dass es etwas bessern kann. Das Herz ein bisschen underground und manchmal auch negativ-stimmig, weil Hoffnungklammern mit Hoffnungenttäuschen einhergehen kann. Worte findet es oft, aber die Ausrufezeichen fehlen, und die Schreibweise wirkt vielleicht manchmal drückend und zweifelnd und hinterfragend in dieser smileybelasteten Welt.

Was es sagen will, das muss es schreiben, das Herz, weil es die Zunge nicht überwinden kann oft. Freudetanzend und weltumarmend waren immer nur die Worte, nie die Taten. Aber das Lächeln, das war beides wohl auch. Und kann es immer noch sein. Ist es immer noch.

Ist in die Welt hinausposaunen, ohne dafür Geld und Reichtum und Karriere zu erhalten dümmlich oder extravagant oder beides? Oder ist es nicht einfach nur? Muss es nicht so sein, dass wir schreiben, weil die Worte aus dem Kopf müssen in die Welt hinein, die sich dann ihren Teil dazu denken kann, wenn sie sie aufnehmen möchte?

Lieber ehrlich und direkt und underground als anders.

(Angeregt vom Bloke. Danke fürs Nominieren. Auch wenn ich auf deine Fragen nicht eingegangen bin, sondern deine Antwort nutzte, um zu denken.)

Nachruf auf den Roten

Nach 12 Jahren musste ich dich im Alter von 23 Jahren nun doch abgeben. Als ich dich zu deinem letzten Platz fuhr, sah ich den halbvollen Tank an und dachte: Oder doch weiter? Leerfahren oder weitere Meinungen einholen oder gar einfach zu viel Geld investieren? Loslassen wollte ich nicht. Und du fuhrst ja noch. Du fuhrst und fuhrst und fuhrst. Einwandfrei gestartet in den letzten zwei Jahren. Egal, wie lange du gestanden hast und auf mich warten musstest, wenn ich den Schlüssel drehte, warst du bereit.

3500 Euro hast du uns damals gekostet, 140.000 Kilometer hast du mich gefahren. Über Belgien nach England, Dover, Rye, Arundel, Salisbury, Nottingham, Lincoln, York, Whitby, Scarborough, York, Hadrians Wall, Edinburgh, Inverness, Oban, Glasgow, York, Cambridge, Canterbury, Dover, nach Hause, nach München, Weinheim, Cuxhaven, auf meine Mitteleuropareise nach Hamburg, Lübeck, Schwerin, Berlin, Quedlinburg, Goslar, Bad Harzburg, Dessau, Eisenach, Gotha, Naumburg, Weimar, Leipzig, Dresden, Königstein, Krivoklar, Prag, Wien, München, St. Gallen, Konstanz, Straßburg, Freiburg, Weinheim, Gießen, nach Hause, noch mal nach England, diesmal bis Cornwall und zurück, wieder nach Berlin, nach Marburg, Bremerhaven, zur Fortbildung nach Mannheim, zur Disco nach Heinsberg, immer wieder nach Köln, nach Mönchengladbach, liegengeblieben bist du in Göttingen, zur Arbeit hast du mich täglich gebracht nach Düren, nach Monschau, nach Eupen …

Unfälle habe ich mit dir gebaut, eine Person auf der Motorhaube gehabt, Laternenpfähle in die Stoßstange gehauen und andere Leute haben dich angestupst, aber alles hast du ausgehalten. Regen mochtest du nicht immer und verschlucktest dich manches Mal an irgendwelchen undichten Stellen. Aber wir haben es doch immer wieder hinbekommen. Du hast meine Mixtapes, die letzten „neuen“ von vor drei Jahren, abgespielt, warst aber am Ende auf einer Box taub, hast meine Haare im Wind wehen sehen, obwohl die Schiebedachöffnung in den letzten Jahren geschlossen bleiben musste …

Ich hänge mein Herz immer auch an meine Autos. Und wenn eines davon mir Freiheit geschenkt hat, dann bist du es gewesen.

Trotzdem

Es war ein schöner Tag. Mit Freunden und Kindern. Familiär, ohne dass Familie dabei gewesen wäre. Wir suchen uns unsere zweiten Familien durch unsere Freundschaften, kümmern uns umeinander, zänkern miteinander, witzeln übereinander, wie es mit Geschwistern wäre, und nehmen den anderen trotzdem so an, wie er ist.

Es war ein schöner Tag. Entgegen den Wettervorhersagen. Trotz der zerbröselnden Welt. Trotzdem. Weil mit Freunden zusammen sein und Kinder zu beobachten, das Wichtige wieder in die richtige Perspektive rückt.