Der Ungebundene VIII

Am folgenden Morgen hätte sie es vielleicht bereuen sollen, nachgegeben zu haben, aber als sie sich gerade aus seinen Armen lösen und aufstehen wollte, merkte sie, dass auch er schon wach war, und sie begannen ihr Spiel von vorne. Es war zu einfach, zu sehr, wie es sein musste. Wie furchtbar ist es eigentlich, jemandem sich so geben zu können, von dem man wusste, dass er einem mehr bedeutete, als man ihm? Sie hatte sich schon zu oft den Kopf darüber zerbrochen. Sie wollte nicht mehr, sie wollte nicht mehr nachdenken darüber.

Vor ein paar Tagen war sie zuhause in ihrem Bett aufgewacht, alleine, an einem Wochentag. Und der erste Gedanke, der ihr kam, war die Vorstellung, mit ihm zu schlafen. Da hatte sie gewusst, dass sie, obwohl sie ihm gesagt hatte, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen konnte, wieder mit ihm Sex haben würde. Viel zu intensiv, viel zu nah war ihr sein Körper in dieser Vorstellung, so nah, dass sie ihn beinahe fühlen konnte. Sie glaubte nicht an Übersinnliches und an den 6. Sinn – eigentlich. Aber sie glaubte daran, dass das Unterbewusstsein erahnen konnte, was passieren würde, weil es die Wahrscheinlichkeiten abwog und dabei die Wünsche mit berücksichtigte. Und bei ihr war das Unterbewusstsein an einer weniger unbewusste Stelle als bei anderen Menschen, daher ließ es manchmal solche intensiven Bilder vor ihrem inneren Auge hochsteigen, die ihr einen Moment in der Zukunft zeigten.

„Neben dir aufzuwachen hat mir gefehlt“, flüsterte Marc in ihr Ohr.

Und sie sagte ihm nicht, dass es ihm nicht hätte fehlen müssen, weil es immerhin seine Entscheidung war, nicht mit ihr zusammen sein zu wollen und er das gemeinsame Aufwachen, wenn sie zusammen wären, regelmäßig haben könnte. Sie sagte nur: „Mir auch“, und pellte sich dann langsam aus dem Bett. „Ei?“

„Nee, danke. Pfannkuchen.“

„Dann müssen wir in das Bistro gehen, an dem wir gestern Abend vorbeikamen.“

„Das ist der Plan“, sagte er und folgte ihr mit seinen Blicken, was sie ein bisschen nervös machte, weil er freie Sicht auf ihren Po und ihre Oberschenkel hatte und sie, so gut sie auch sonst mit ihrem Körper auskam, ihre Rückansicht im Tageslicht nicht wirklich mochte.

Im Badezimmer sah sie eine Weile ihr Spiegelbild an. Es war eigenartig, dass sie nach einer Nacht mit ihm immer ein wenig anders aussah – was nicht nur ihr selbst auffiel. Als sie das letzte Mal mit ihm eine Nacht verbracht hatte, war sie morgens durch die Stadt gegangen und die Köpfe zahlreicher Männer wendeten sich nach ihr um. Es war, als würde sie etwas ausstrahlen, als würde man ihr ansehen können, dass Marc fähig war, sie zu einer vollkommeneren Frau zu machen – was sicher Unsinn war. Oder bewegte sie ihre Hüften an einem Tag nach einer Nacht mit Sex anders? Aber es konnten nicht nur ihre Hüften und ihr Gang sein, es musste auch am Gesicht liegen. Waren es die Lippen, die voller aussahen, die Augen, die mehr strahlten? Hatte man nach einer Nacht voll Sex eine femininere Aura?

Sie sprang unter die Dusche, cremte sich ein, zog einen Bikini und dann ihre Strandkleidung an und scheuchte anschließend den wieder eingeschlafenen Marc ins Bad.

„Ich liebe frische Pfannkuchen.“ – „Morgens, mittags, abends, ich weiß.“ – „Na ja, vielleicht nicht dreimal am Tag“, schränkte er ein. – „Aber zweimal oder wie?“, sie grinste. – „Zweimal könnte ich sie schon aushalten. Oder einmal Pfannkuchen und einmal Waffeln.“

„Du bist ja so ein Kerl…“, sagte sie so spöttisch, damit er wusste, dass sie sich wieder über seine süße Ader lustig machte. Doch er zuckte nur mit den Achseln: „Das weißt du ja.“ – Natürlich. Erst letzte Nacht hatte er es ihr ausreichend gezeigt. Aber das war Nachts. Über Tag … Nein, sie wollte nicht darüber nachdenken.

Die Bedienung kam und erkundigte sich, ob alles in Ordnung war, was sie nickend bestätigten, dann zog sie die freundliche Dame ein bisschen zu sich herunter und sagte leise auf englisch: „Ihre Bluse ist falsch geknöpft.“

Die Kellnerin sah an sich herunter, runzelte die Stirn und sagte: „Danke. Da arbeite ich heute schon zwei Stunden und meint ihr, wer anders hätte mir das mal gesagt?”, sie verließ den Tisch. Er: „Dass du immer alle Leute auf ihre Fehler hinweisen musst…“

„Das war ja kein Fehler, nur eine Unachtsamkeit. Und ich glaube, sie war froh, dass ich es ihr gesagt habe. Ich weiß gar nicht, wieso man immer mit falscher Höflichkeit leben muss. Macht das Leben doch nur schwer.“

„Und wenn dir jetzt jemand sagen würde, dass du aussiehst, als hättest du Sex gehabt?“

Sie musterte ihn. Hatte sie eben vor dem Spiegel laut gesprochen?: „Das wäre was ganz anderes, weil es viel persönlicher wäre.“ – „Und wenn ich dir das sage?“

„Ich nehme an, du hast den nicht so geheimen Wunsch, mich wieder mit ins Bett zu nehmen, weil ich gerade so unglaublich sexy aussehe?“ fragte sie, während sie einen Schluck Kakao nahm. – „Zumindest wäre ich dafür, dass wir uns heute ein bisschen mehr in die Dünen verziehen.“ – „Nicht, dass du doch unentspannter von diesen beiden Tagen zurückkommst, als du gewesen wärst, wenn wir zuhause geblieben wären…“ – „Das glaube ich kaum. Es gibt kaum etwas, das mich mehr entspannt als Sex mit dir“, meinte er.

‘Dann weißt du ja, wie du dein Leben umgekrempeln kannst, damit es besser wird.’ Sie sagte nichts. Natürlich nicht. Da er nicht dumm war, wusste er vermutlich eh, was ihr gerade im Kopf herumging.

Nachdem sie im Wasser gewesen waren und frierend wieder auf ihren Handtüchern saßen mit Blick Richtung Meer, stellte er fest: „Es tut mir wirklich gut.“

Auch nun fragte sie nicht, ob er sich damit implizit meinte, so wie sie eben nichts zu seinem Kommentar über den entspannten Sex gesagt hatte. Vielleicht wäre es besser, sich in solchen Situationen mehr wie eine Frau zu verhalten, mehr den Erwartungen zu entsprechen und nach tieferen, weiteren Komplimenten zu graben. Aber so war sie nun einmal nicht. Sie wollte sich nicht immer in das allerbeste Licht rücken und um seine Zuneigung buhlen. Und was anderes war es doch nicht, oder? Wirklich, die normale Frauenfrage wäre hier gewesen „Was tut dir genau gut?“  Und frau hätte erwartet, dass die Antwort etwas mit ihr zu tun hätte. Eine isatypische Äußerung auf Marcs Feststellung wäre dagegen eher: „Nein, am meisten tu ich dir gut.“ – Und vermutlich wartete er genau darauf. Aber auch diesen Gefallen tat sie ihm nicht. Sie wusste, dass es diese Antworten waren, diese Unverblümtheit, dieses Zeigen von Selbstbewusstsein, was ihn ihr gegenüber oft unsicher werden ließ, was ihn glauben ließ, dass sie unnahbar und stark war.

Und sie hatte keine Lust mehr, einfach keine Lust mehr. Natürlich war sie stark. Sie hätte nichts anderes von sich behauptet, doch das hieß ja trotzdem nicht, dass sie unsensibel und gefühlskalt wäre, aber genauso glaubte sie, dass Marc sie insgeheim sah. Weil sie nicht immer direkt einknickte und Migräneanfälle bekam, weil sie noch nie zu jemandem „Ich liebe dich“  gesagt hatte, weil sie sich schon so lange nicht mehr richtig verliebt hatte, hatte sich anscheinend Marcs Bild von ihr verhärtet. Jemanden, der so war, wie sie glaubte, dass Marc glaubte, dass sie sei, würde sie an Marcs Stelle auch nicht lieben können. Oh je… Machte das eigentlich Sinn?

In Marcs Augen war sie absolut frei und unabhängig. Das gefiel ihm als ihr guter Freund. Doch als potentiellen Partner stieß ihn das ab. Und wen hätte dieses Wissen nicht abgestoßen? Wenn sie jemand gut fände, von dem sie annahm, dass er seine Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufgeben würde, dann würde sie auch ihr Möglichstes tun, um sich nicht stärker in ihn zu verlieben.

Er atmete tief ein: „Vielleicht sollten wir häufiger herkommen.“ – Sie unterdrückte einen Seufzer, der genervt geklungen hätte: „Du weißt, dass wir das nicht tun werden.“ – „Warum eigentlich nicht?“ – „Weil ich kaum Wochenenden frei habe, weil der Sommer bald um ist und weil du es gar nicht wirklich wollen würdest. Im Grunde willst du doch nicht auf dein richtiges Leben, wie du es immer nennst, verzichten. Du willst rausgehen, Party machen, dich müde flirten und eventuell mit einer bis dahin Fremden im Bett landen – immer die Hoffnung im Hinterkopf, dass du diese eine dann endlich interessant genug findest, um noch einmal eine deiner berühmten Vier-Wochen-Beziehungen zu beginnen.“ – OK, das war wieder isatypisch gewesen, und somit genau das, was sie eigentlich nicht hatte sagen wollen. Aber seine Unehrlichkeit sich selbst gegenüber ging ihr gehörig auf die nicht vorhandenen Eier.

„Ja, vermutlich hast du wie immer Recht. Aber es wäre schön.“ – „Wenn du es ehrlich schön fändest, dann könntest du ja was dran ändern. Aber das sehe ich nicht.“

Er schwieg eine Weile, ehe er dann vorsichtig meinte: „Selbst wenn ich es mir vornehmen würde, wenn ich mir sagen würde, dass mir solche Tage wie die letzten beiden so gut tun, dass ich sie öfters haben muss, würde ich nach ein paar Wochen wieder denken, dass mir was fehlt, dass ich rausgehen sollte. Ich … Ich bin noch nicht bereit, das Leben, das ich mir nach meiner Trennung von Susanne aufgebaut habe, wieder aufzugeben.“

Er wollte frei bleiben, das wusste sie längst. Und dennoch war es nicht die Art von Freiheit und Unabhängigkeit, die er an ihr bewunderte, sondern es war eine Freiheit, die ihn nicht wirklich frei machte. Der Unterschied zwischen ihm und ihr war, dass sie niemand anderen brauchte, um zufrieden zu sein. Er dagegen brauchte die Anerkennung, weil er sonst in Selbstzweifel verfiel. Und das hatte nichts mit Freiheit zu tun. Schwierig.

Aber sie hatten schon zu oft darüber gesprochen und sie hatte auch darauf keine Lust mehr. Vielleicht hatte sie die ganz leise, ganz minimale Hoffnung in sich gehabt, dass dieses Wochenende ihm zeigen würde, was er brauchte, um glücklich zu sein: Nämlich nur sie. Und wenn sie ihn so von der Seite ansah, wenn sie sein zufriedenes, sein ausgeglichenes Gesicht richtig deutete, war er dem Glücklichsein jetzt näher als in den gesamten letzten Monaten. Aber es reichte ihm nicht. Sie reichte ihm nicht. Und sie sollte aufhören, dieses kleinste aller Hoffnungsflimmern aufrecht zu erhalten. Vielleicht hatte Vicky Recht gehabt, als sie ihr vor ein paar Wochen sagte: „Ich denke, dass ihm irgendwann, wenn du ihn abgeschlossen hast, und ich meine komplett abgeschlossen hast, aufgeht, dass er bei dir eigentlich alles hatte, was er in einer Frau braucht. Aber dann wird es zu spät sein.“

Manchmal stimmt alles zwischen zwei Menschen – nur das Timing, das nicht.

– Ende – 

5 Kommentare zu „Der Ungebundene VIII

  1. BORDERLINE. Kein Mensch wird es schaffen, einem Menschen wie Marc das zu geben, was er braucht. Egal, wie der Quellkonflikt ausgesehen haben mag, wird Alkohol eine große Rolle spielen, um nicht hinschauen zu müssen, was sich vor langer Zeit tief im Innersten abgespielt hat.

    Wäre Isa Marcs Mutter gewesen, wäre sein Leben anders verlaufen. Es ist schon erstaunlich, dass sie genau das tut, was er braucht, ihn an der Hand zu nehmen, ihm in einer Situation das zu geben, was er sich als Baby gewünscht hat. Nähe. Mutterliebe. Bedingungslose Liebe.

    Was mag das Geheimnis von Isa sein? Was widerspiegelt Marc? Was ist ihr Quellkonflikt?

    Als Leser habe ich sehr viel Stoff bekommen, um in mein eigenes Leben schauen zu können. Der Spannungsbogen reicht vom Anfang bis zum Ende, ein Wohlfühlwochenende, ein paar Stunden in einem Leben eines alkoholkranken Menschen, Stunden, die heilsam sein könnten, wenn er es zulassen kann – irgendwann, wenn er den Weg nach Innen findet, vielleicht.

    Ein sexueller Magnet zwischen den beiden, ja auch das klingt sehr realistisch, auch wenn das emotionale Timing, vielleicht auch das Zusammentreffen zweier liebender Seelen nicht unmittelbar zu einem Auflösen des Quellkonflikts führen wird.

    Ich mag diese Geschichte, weil sie mich an etwas in mir selbst erinnert; ich mag es, wenn eine Geschichte die Frische der Nordsee aufnimmt und Leichtigkeit transportiert, auch wenn der Marc an seine scheinbare Tragödie gefesselt ist.

    Das Leben bietet ihm Chancen an, und es liegt an ihm, wann er sich für das Leben wirklich öffnen kann. An Sabines Geschenk wird er sich immer erinnern können.

    Nun sage ich dir, liebe Stefanie, Danke schön und freue mich, dass ich das Glück habe, deine Geschichte entdecken zu können.

    Liebe Grüße
    Burcado Ajad

  2. Ich habe diesen „Wochenendkurztrip“ verschlungen. Er hat mich so gefesselt, weil ich diese Situation sehr gut nachvollziehen kann. Ich fürchte viele von uns haben diese Erfahrung schon einmal machen müssen.

    Ich mag deine Schreibweise, die kurzen knappen Sätze, da wo keine weiteren Worte nötig sind, die längeren Ausführungen, wenn die Protagonisten die Gedanken schweifen lassen und einen mit auf diese Reise nehmen…

    Auch fehlen deiner Geschichte langatmige Beschreibungen über das Aussehen der Charaktere und ähnliches. Find ich gut. Brauch ich nicht. Darum hat mich diese Kurzgeschichte so mitgerissen und bewegt.

    Ich freue mich auf Mehr.

    1. Hi! Das freut mich sehr zu lesen! Mein Stil ist sicher für manche gewöhnungsbedürftig oder sagt ihnen gerade wegen der Punkte nicht zu, die dir gut gefallen. Aber ich finde es jedes Mal wieder toll, die Rückmeldung zu bekommen, dass man meine Schreibweise so mag.
      „Mehr“ könntest du eventuell auch kostenlos lesen, wenn du Amazon Prime-Kunde bist: Meinen Roman gibt es da als Ebook dann umsonst. 🙂
      Lieber Gruß!

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