Riester (Wortfriedhof)

Vielleicht gehört sie in ein Grab zwischen all die toten Wörter, die höchstens nachts aus ihren Särgen klettern und sich in Träume hereinmogeln, diese Riesterrente. Aber um sie geht es hier nicht. Eher um ihren Namenspatron. Nein, auch nicht um Walter Riester, sondern die Herkunft seines Namens. Wir haben ein altes Wort wiederbelebt und haben gar keine Ahnung mehr, wofür es eigentlich einst stand.

Was bedeutet Riester? Ries – riest – riestern – Rester – reester. Klingelt es bei einem von ihnen bei Ihnen? Bei mir nicht. Dabei hatte es einst zwei Inhalte, dieses Wort, das es auch im Niederländischen gibt: Einer stammt aus dem 8. Jahrhundert, der andere aus dem 17. Und beide sind so gut wie ausgestorben, weil sie für Dinge stehen, die wir nicht mehr nutzen oder tun.

Zum einen wäre ein Riester ein „Streichbrett am Pflug“. (Was ist ein Streichbrett?! (1)) Niederdeutsch gibt es es angeblich regional noch und meint dann „das Brett, an dem die Pflugschar befestigt war“, es war also ein „Mittel zur Rodung“.

Zum zweiten bezeichnete man mit Riester „einen aufgesetzten Fleck, besonders am Schuh“ bzw. „ein kleines Stück Leder, mit dem das Oberleder eines Schuhs geflickt wird“. Weil wir aber heute unsere Schuhe oft für zwanzig Euro kaufen und wegwerfen, wenn ein Loch sich auch nur andeutet, statt es zum Schuster zu geben, wissen wir vielleicht deswegen nicht mehr um des Wortes. In diesem Falle hatte das Wort also schon damals etwas mit Sparsamkeit zu tun, mit Vorsorge treffen. Und war doch in der Bedeutung ganz anders als Riestern heute ist.

 

(1) Ein Pflug besteht im Übrigen aus der Schar (das in den Boden gehende Messer), dem Streichblech (eventuell noch einmal in Riester und Streichbrett unterteilt), der Sohle, der Griessäule, der Grindel, dem Sterzen. Und da ich noch nicht mal weiß, ob ich hier die Artikel richtig gesetzt habe, zeigt sich: Obwohl diese Begriffe früher einmal 90% der Bevölkerung geläufig gewesen sein dürften, sind sie dies mittlerweile wohl eher nur noch 10%. Mir jedenfalls nicht. Abgesehen von der Sohle, wo wir wieder beim Schuster und dem Riester wäre. (Aber was ist eigentlich mit Leisten gemeint?! … )

Geschwindigkeit … drosseln (Wortfriedhof)

Schneller, größer, höher, weiter, mehr. Steigerungsformen gehören zu unserem Leben dazu. Und so einen richtig schönen Einkaufsbummel, bei dem man von dem einen Geschäft zum nächsten schlendert, wann habe ich den das letzte Mal gemacht? Eher habe ich in einem bestimmten Moment Lust auf Shoppen und eile in meinen Stammladen, strolche durch die Gänge und lade mir so viel auf den Arm, wie nur eben möglich ist, damit ich mich nicht zu oft aus- und anziehen muss.

Dennoch würde ich behaupten, dass in meinem Leben mehr Ruhe und Entspannung vorhanden sind, als in vielen anderen. Ja, ich schlendere tatsächlich manchmal einfach durch die Stadt und setzte mich irgendwohin, um mir die anderen Menschen anzusehen und die Zeit zu verbummeln.

Schlendern und bummeln sind dann aber auch schon die hauptsächlichen Verben, die ich für gemächliches Herumspazieren aktiv nutze. Ich flaniere, schlenze, promeniere, pilgere, zockle, zottle, zuckle, hatsche, ambuliere, trudle, schlunze, schlenker, scharlenze und lustwandle nicht. Gab es einst tatsächlich so viel mehr Wörter für die langsame Gangart? Und woher kam das? Dass ein Bauer herumpromeniert hat und ein Handwerkermeister gelustwandelt ist, kann ich mir auch nicht vorstellen. Der Wortfriedhof des Duden will mir aber gerade das weismachen: „Die Beschleunigung des Alltags spiegelt sich auch im Wortschatz wider: Es gibt neue Wörter nur für die schnellen Fortbildungsarten.“

Ist das wirklich so?

Kamelopard (Wortfriedhof)

Menschen in früheren Zeiten haben sich vieles von Reisenden erzählen lassen und einiges Wundersame kam dabei heraus: Es war oft eine Mischung aus dem, was sie kannten, dem was sie hörten und dem, was die Bibel ihnen als möglich erscheinen ließ. Ein gutes Beispiel für eine früh-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Naturwundern ist z.B. Konrad von Megenberg, der im 14. Jahrhundert versuchte, die Welt um ihn herum und die, von der ihm berichtet worden ist, im „Buch der Natur“ zu katalogisieren. Ein Jahrhundert später wurde ein illustrierter Band davon veröffentlicht, heute online einsehbar:

Facsimile
Die Meerwesen

Auch der Kamelopard könnte in dieses Weltbeschreibungsmuster passen. Wer sich mit Sternbildern auskennt, wird schon wissen, um wen es sich hierbei handelt. Und wenn man es sich bildlich vorstellt, dann mag zumindest annährend das dabei herauskommen, was es tatsächlich ist: die Giraffe. Erstmals ist das Wort „Giraffe“ im übrigen als „Schraffe“ belegt und geht auf das Arabische zurück. Die Römer allerdings hatten sich an eine Kamel-Panther/Leopard-Mischung erinnert gefühlt und dem Tier erst einmal den heute ungebräuchlichen Namen gegeben, von dem sich aber auch noch der wissenschaftliche Name „Giraffa camelopardalis“ herleitet.

Wortfriedhof: Kalfakter

Jegliche Herleitung fällt mir bei diesem Wort schwer. Und gehört habe ich es definitiv noch nicht. Als ich den Artikel dazu durchlas, fand ich vor dem Hintergrund der eigentlichen Bedeutung besonders den letzten Satz interessant: „Die französische Entsprechung dazu ist Chauffeur“. Nun würdet ihr, die noch nicht den Rest des Eintrags kennt, denken, dass es etwas mit „andere Leute herumkutschieren“ (sei es in Pferdewagen oder in Automobilen) sei und dass es jemand sei, der seine Arbeit wem anders anbietet. Und mit einem der beiden Gedanken lägt ihr nicht falsch.

Ursprünglich aber war ein cal(e)factor im Mittellatein ein Heizer. Die erste Entlehnung war recht speziell, wurde nämlich gebraucht für jene, die die Schule auf die richtige Temperatur brachten: „stubenheizer in der Schule“ nennt Grimms Wörterbuch dies Mitte des 19. Jahrhunderts. Anschließend kam es zur noch heute gültigen Verallgemeinerung „jemand, der Hilfsdienste verrichtet“ – was sicherlich bereits einen abwertenden Klang hat. Allerdings ist es zudem in Gebrauch für den „Häftling, der in Strafanstalten Arbeiten für den Haftaufseher beaufsichtigt“ (Duden) – was noch weiterhin abwertet.

Diese negative Konnotation des Wortes passt in meinen Ohren, da es in diesen hart und unbarmherzig klingt. Ganz anders der Chauffeur. Weil man unter dem ursprünglich einen Lokführer verstand, ist dann auch wieder die Verbindung zum Heizen klar.

Wortfriedhof: inkommodieren

Die Österreicher unter euch kennen es vielleicht noch: inkommodieren. Liselotte von der Pfalz, die eine sehr offene Feder hatte, sagte laut wikiquote über Prinz Eugen Franz von Savoyen-Carignan (1663–1736), : „Er incommodiert sich nicht mit Damen, ein paar schöne Pagen wären besser sein Sach.“ Die Übertragung des Wortes lässt den Satz allerdings bissiger erscheinen, denn es könnte ja auch einfach „umgeben“ heißen.

Aber: Es bedeutet, übernommen aus dem Französischen im 17. Jahrhundert: belästigen, stören, jemandem Unannehmlichkeiten oder Mühe bereiten; „verunbequemen“. Bzw. wenn man es reflexiv nutzt, macht man sich Mühe/Umstände.

Ob es aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, weil man sich nun weniger Mühe macht? Aber nein, denn belästigt und gestört fühlen wir uns ja dennoch oft.

Wortfriedhof: Hutzel

Zwerge sind hutzelig irgendwie, oder? Hutzelmännchen? Nee, ach? Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich in dieser Richtung gemutmaßt. Aber natürlich fragt man nicht, weil es ja ein Wortfriedhofwort und so gut wie nicht mehr in Gebrauch ist. (Ihr könnt mich gerne eines anderen belehren …)

Hutzel jedenfalls wurde belegt ab dem 14. Jahrhundert für „gedörrtes Obst“ verwendet. „Verhutzeln“ gibt es auch – das würde so etwas wie „einschrumpfen“ bedeuten  – und ehrlich: So weit war der Zwerg ja dann auch nicht davon weg?

Wortfriedhof: Hede

Wenn man schon das erklärende Wort für ein Wort nicht versteht, dann sollte man sich vielleicht wenigstens kurz damit beschäftigen. Den Norddeutschen unter euch könnte es etwas sagen, denn Hede ist das norddeutsche Pendant zu Werg, doch mir sagt beides: Nichts.

Ursprünglich stammt Hede vielleicht vom westgermanisch angenommenen hezdon und später vom altnordischen haddr ab, das „weibliches Haupthaar“ hieß. Als wörtliche Übersetzung des Wortes nennt Kluge, der noch das vermutete indogermanische Wort kes (=kämmen) mit in die Wortsuppe wirft, „das Ausgekämmte“ für Hede. OK, also das, was ich jeden Morgen aus meinen Haaren bürste und im Waschbecken beim Föhnen sammle, muss ich nicht als Haarknäuel bezeichnen, sondern könnte auch Hede dazu sagen?

Nicht unbedingt. Denn wenn Hede mit Werg gleichzusetzen ist, dann sind es laut Wiktionary „Fasern von Flachs oder Hanf, die bei der Verarbeitung anfallen und eine geringe Qualität aufweisen“ (für Werg) und auch der Duden sagt, Hede sei „Abfall von Hanf oder Flachs“. Das hat jetzt wiederum nur entfernt mit Haaren zu tun. Aber es würde erklären, wieso (zumindest) ich das Wort nicht kenne: Mit Hanf habe ich nichts am Hut und Flachs kommt nur noch in Märchen vor.

Wortfriedhof: heißa!

Wir kennen das Wort alle, oder? Klar, in Kinder- und Weihnachtsliedern und alten Kinderbüchern taucht es ja zuhauf auf. Aber nutzen wir es noch? „Heißa! Die Achterbahnfahrt ist toll!“ – Oder nach dem Sex einfach nur ein „Heißa!“ Ich glaube nicht.

Die Interjektion setzt sich zusammen aus „hei“, was ein Ausruf von Freude oder Lustigkeit sein kann, und „sa“, welches der Lockruf für einen Jagdhund gewesen sein soll (aus dem Französischen „cà“ – hierher).

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass „heißa“ unbedingt wieder in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeführt werden sollte. Aber es wird uns so oder so erhalten bleiben. Jedes Kind kennt es wahrscheinlich. Immer noch. Oder?

PS Lustig ist, dass ich gerade „Gregs Tagebuch“ (vor allem für lesefaule Jungs um die zehn Jahre) zuende gelesen habe und tatsächlich wurde als Pointe in einem Comic dort wiederholt „heißa“ verwendet …

Wortfriedhof: Hagestolz

Brainstorming: Hage von Hagel, (Un)behagen oder so etwas und stolz ist ja eigentlich klar. Also … ? Zeige mir einen, der sich dieses Wort in irgendeiner Weise herleiten kann. Ich kann es nicht.

Ein Hagestolz ist ein Mann, von dem es heutzutage wieder mehr zu geben scheint, sodass der Begriff eigentlich nicht aussterben bräuchte. Dieser so bezeichnete Mann ist unverheiratet und alleinstehend. Nein, jetzt einfach nickend „Single! Sag das doch.“ zu rufen ist verfrüht, denn etwas Wichtiges fehlt noch: Es ist ein älterer, eingefleischter, etwas verschrobener Junggeselle.

Das sagt zumindest Dudens Wortfriedhof. Das etymologische Wörterbuch von Kluge ist ein wenig vorsichtiger, spricht nur von dem „unverheirateten Mann“ und ergänzt, dass die nordische (haukstaldr) und englische (haegsteald) Bedeutung „junger Krieger“ meint. Das hat nun wiederum gar nichts mit dem verschrobenen älteren Herren zu tun. Wie kommt es denn zu dieser Bedeutungsverschiebung?

Während der Kluge erneut behutsam bleibt (Die Bestandteile des Wortes seien „Hag“ = umzäuntes Grundstück und „staldan“ = besitzen), prescht der Wikipedia-Artikel vor. Da im/auf dem (?) Hag oft eine kleine Hütte stand und diese von einem nicht erbberechtigten Sohn bewohnt wurde, stamme der Begriff wohl dorther, denn dieser ohne eigenes Einkommen lebende Mann habe sich keine Familie leisten können. Später (ETA Hoffmann, Goethe und Kleist nutzten den Begriff schon ungefähr so) sei es dann zu einer ähnlichen Bedeutung wie vom Misogamisten gekommen.

Wenn ich mir einige meiner Freunde ansehe und begutachte, wie wenig sie auch jenseits der 30 bereit sind, die Freiheiten ihres Single-Dasein dran zu geben, glaube ich, dass sie zu Hagestolzen werden können. Und verschroben werden wir im Alter ja sowieso …

Wortfriedhof: gründeln und Gumpe

Die Ente gründelt in der/dem Gumpe(n). Und alle: Hä?!

gründeln wurde wohl von „Grund“ abgeleitet – eventuell hat es allerdings etwas mit „grüdeln“ (stochern) zu tun, ein weiteres mir unbekanntes Wort; da ist sich der Kluge nicht ganz sicher. Es wurde jedenfalls ab dem 16. Jahrhundert verwendet, wenn ein Tier mit dem Oberkörper ins Wasser taucht, um Nahrung zu suchen.

Gumpe wiederum gibt es scheinbar auch heutzutage vor allem im Oberdeutschen noch, doch hat sich die Bedeutung ein wenig verengt. Das Grimmsche Wörterbuch gab für das maskuline (Übrigens sagt mein Sprachgefühl, dass man Gumpe eher feminin gebrauchen sollte wegen der -e-Endung.) , seit dem 14. Jahrhundert bezeugte Wort folgende Begriffe: „teich, tümpel; vertiefung im flieszenden gewässer, wirbel„, der Kluge führt es zurück auf vielleicht „gumpen“ – springen. Wikipedia allerdings erklärt, Gumpen seien beckenartige Strudeltöpfe, die von Gebirgsbächen in den felsigen Untergrund des Bachbetts erodiert werden“. Aha.

Schöner ist zu wissen, dass sie von Bergwanderern „gern als ’natürliche‘ Badewannen benutzt“ werden, denn das heißt, dass nicht nur die Ente, sondern auch der ein oder andere Bergwanderer ab und an in den Gumpen gründelt.