Bevor die Schotten dicht wurden

Es hat mal eine Zeit in meinem Leben gegeben, da hatte ich die Schotten noch nicht so dicht, wie ich sie nun schon seit Jahren habe, und ließ mich von Fremden in Unterhaltungen verwickeln. So war ich im übrigen auch erzogen worden: Dass man freundlich und höflich ist und bleibt. Ehrlich gesagt, habe ich mich zu lange, viel zu lange daran gehalten und mit Menschen geredet bzw. wirkliche Gespräche gehabt, die mich nie interessierten. Schon mit 13 schrieb ich z.B. Irgendwie scheine ich auszusehen, als ich mit jedem Erwachsenen (ab 20) ein Gespräch anfangen bzw. führen würde, was ich dann auch führe. Gestern wollte ich nur ein Bami haben und der Typ hinter der Theke wollte mich unbedingt überreden, die Scheibe bei ihm im Imbiss zu essen.  Das ging dann so lange, bis mein Bami fertig gebrutzelt war.

Ist das Kundenfreundlichkeit? War ihm einfach langweilig? Ist das Kleinstädtertum, was man als Städter ablehnt? Ist das eine andere Zeit gewesen, weil es 20 Jahre her ist, und haben die Menschen da noch häufiger so oberflächliche Gespräche in live geführt, während wir es nun auf die Smartphones und in die Kommentarbereiche irgendwelcher sozialer Medien verlegt haben?

Ich habe durch meine Freundlichkeit und Höflichkeit damals keine wirklichen Nachteile gehabt, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf diese Sorte Gespräche und tauchte die Miene in Eiswasser oder zog den Vorhang der Arroganz davor. Vielleicht auch, weil es darin gipfelte, dass ich mit 20 von einem Typen im Park angesprochen und im Laufe des erst wirklich freundlichen Gesprächs sexuell belästigt worden bin. Vielleicht auch deswegen.

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Der Hass in mir

Hass. Ich wusste, wie es sich anfühlte, weil ich ihn gegen meine Stiefvater in meiner Jugend so abgrundtief empfunden hatte. Und nun fühlte ich ihn wieder in mir und wie er mich innerlich mit seinen Dämpfen vergiftete, wie er durch mich durch fuhr, immer und immer wieder und zu viele Menschen um mich ihn auslösen konnten. Vielleicht war die Stimmung Schuld, die Anschläge in New York damals, die drohenden Kriege, die schon ausgesprochen, aber noch nicht begonnen waren, die Veränderung der Welt, die in der Luft lag. Die, in davor und danach.

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Gespräche über Gott

Wir sind ein freundliches Volk. Egal, welche Farbe die Haut hat, wir sind nett zu allen, sagt sie über die Syrer ihrer Heimat. – Und wie ist das mit den Juden?, frage ich, Wie steht ihr zu ihnen? – Nun, wissen Sie, die Juden erzählen etwas Falsches und der Koran hat das richtig gestellt. – Aber ist nicht der Koran viel später entstanden? Warum soll er wissen, was so lang vor seiner Zeit gewesen ist, was aber die Thora angeblich falsch aufgeschrieben hat? – Weil Mohammad unser Prophet es so gesagt hat. – Aber hat nicht Jesus als einer eurer Propheten auch gewisse Dinge gesagt? Und wieso ist eigentlich kein neuer Prophet mehr gekommen? – Weil es mit Mohammad den letzten gab, der die beste Religion gemacht hat. Aber wieso glauben die Christen eigentlich, dass Jesus der Sohn Gottes ist? – Weil es so in der Bibel steht. Wir können jetzt gerne streiten, welches über tausend Jahre alte Buch Recht hat. Oder ich lasse dich einfach glauben, was du glauben möchtest. Und ich, ich glaube weiter an nichts.

Muss denn nicht irgendwann jemand die Dinge gemacht haben? – Ja, vielleicht. Wahrscheinlich muss irgendwann mal irgendetwas die Dinge gemacht haben. Aber für mich gibt es keinen Jemand, der uns nun leitet und menschliche Entscheidungen beeinflusst. Ich brauche keine Religion, sage ich.

Aber müssen Sie nicht beten? Wissen Sie, unser Gott, am Ende vom Leben wiegt er auf: Was hast du Gutes gemacht – was hast du Schlechtes gemacht. Und weil wir nicht in die Dschahannam wollen, versuchen wir, eher gut zu sein. – Nein, ich muss nicht beten. Und ich muss nicht glauben. Ich will ein guter Mensch sein, ohne dass ich am Ende vor irgendeinem Gott stehe. Ich will gut sein, weil ich es will. – Und Sie sind gut, sagt sie. – Siehst du, sage ich, auch ohne Gott.

(Dieses Gespäch musste ich stark vereinfacht führen, weil meine Gegenüber erst seit anderthalb Jahren Deutsch lernt.)

Schreiben und Denken

Ein Teil in mir bricht zusammen. Ich kann dir zu allem viel sagen, aber dazu nicht. Die Worte in mir drehen sich und finden nicht in den richtigen Rhythmus. Zu sehr nimmt mich mit zu wissen, dass … Siehst du, es geht kaum. Vielleicht, weil ich weiß, dass all das Geschriebene nie wirklich geholfen hat, sondern mich immer nur mehr in den Strudel reinriss damals, vielleicht weil ich mich auch immer noch schuldig fühle, was bescheuert ist, denn das ist bloß die blöde Koabhängigkeit, die da spricht.

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Freunde – immer.

Ist dir an mir nichts aufgefallen?, wollte sie wissen, nachdem wir uns wegen meiner langen Reise monatelang nicht gesehen hatten. Hm, sollte ich ihr sagen, dass sie irgendwie anders redete und ihre Kopfhaltung verändert hatte. Meinte sie das gar? Weil ich nicht ganz so ein trampeliger Ehrlichkeitsfanatiker bin, wie ich manchmal scheine, zucke ich nur mit den Schultern: Schwanger bist du ja nicht, oder? (Und wenn sie jetzt doch …?!)

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Das normale Leben

Sie lag im Gras. Nicht direkt in ihm, weil der Gedanke an die Krabbeltiere ihr nicht behagte. Aber doch nur mit ihrem Schal zwischen sich und dem Boden und sie meinte, die Kraft der Natur spüren zu müssen, obwohl es vielleicht nur die Feuchte der Erde war, die sich in ihren Rücken drückte. Sie räkelte sich.

Den Blick hielt sie nach oben gerichtet, in das Blätterwerk hinein, in dem sich Schmetterlinge und Bienen tummelten. Sie roch den Flieder und die Rosen und den Rosmarin und schloss die Augen, konzentrierte sich auf die natürlichen Geräusche, bis die der hektischen Welt in den Hintergrund glitten und zerflossen. Sie brauchte mehr davon. Im normalen Leben war sie eher ein emsiges Insekt als eine faule Katze. Aber wer hatte das eigentlich zum normalen Leben erklärt?!

Diesige Nacht – Kumpelliebe (4)

Sie waren so anders. Doch als er und sie miteinander auf Partys und Konzerte zu gehen begannen, meistens nur zu zweit, standen sie in absoluter Eintracht nebeneinander: Überwiegend miteinander redend, manchmal aber auch einfach nur schweigend. Und auch das Schweigen passte.

Als er sie nach einer der ersten solcher Nächte zu ihrem Auto brachte, hatte sich Nebel über die Stadt gelegt und ließ die Straßen unwirklich erscheinen. Und unwirklich war auch das Zwischen-Ihnen. Unwirklich. Was machten sie hier beieinander? Er beugte sich zu ihr, zögerlich: „Es ist schön mit dir“, sagte er, wartete noch eine Sekunde und gab ihr dann einen Kuss auf die Wange. Sie nickte nur, stieg ein und er ging nach Hause.

Und sie ahnte, dass sich irgendetwas entwickelte. So, wie sie schon Silvester etwas in der Luft hatte liegen spüren, so gab es auch nun ein erwartungsvolles Fragezeichen in ihrem Hinterkopf. Vielleicht konnte ja doch etwas zwischen Alex und ihr sein? Vielleicht.