Der Hass in mir

Hass. Ich wusste, wie es sich anfühlte, weil ich ihn gegen meine Stiefvater in meiner Jugend so abgrundtief empfunden hatte. Und nun fühlte ich ihn wieder in mir und wie er mich innerlich mit seinen Dämpfen vergiftete, wie er durch mich durch fuhr, immer und immer wieder und zu viele Menschen um mich ihn auslösen konnten. Vielleicht war die Stimmung Schuld, die Anschläge in New York damals, die drohenden Kriege, die schon ausgesprochen, aber noch nicht begonnen waren, die Veränderung der Welt, die in der Luft lag. Die, in davor und danach.

Weiterlesen „Der Hass in mir“

Advertisements

Schlussrede

„Ohne dich habe ich mich vollkommen im Griff, denn ohne dich kann ich sein, wie ich will, weil ich so bin, wie ich nur dann sein kann. Bei dir zu sein macht mich fertig. Ich trau mich kaum, meine Meinung zu äußern, weil du dann in deinen argumentativen Lehrerstil verfällst. Ich hasse das. Habe ich dir noch nicht gesagt, dass ich keinen Respekt vor Leuten habe, die von sich selbst glauben, eine Autorität zu sein, ohne Autorität durch ihren Charakter zu besitzen?“ Ich habe eine kurze Pause gemacht, dann habe ich gesagt: „Ich liebe dich nicht und ich will nicht mit dir zusammen sein. Das hätte ich dir viel früher sagen sollen. Es tut mir Leid, dass ich unsere Zeit verschwendet habe, aber jetzt ist genug.“ Dann habe ich mich umgedreht, bin durch die wenigen, aber gaffenden Menschen gegangen, habe das Gebäude verlassen, bin entlang der Spree zum Dom gekommen, bin immer weiter und weiter und weiter, bis ich Friedrichshain erreicht hatte. Und als ich nach zwei Stunden in der WG ankam, empfing mich ein Bewohner und meinte: „Dein Freund hat seine Sachen abgeholt.“

Ich habe gelacht, erleichtert gelacht: „Zum Glück ist das vorbei.“ – Und das war es dann auch. Wir haben uns nie mehr gesehen und nicht einen Tag habe ich ihn vermisst oder wollte ihn zurück. Ich wollte keine Fesseln, Diskussionen, keine Eifersuchtsanfälle und keine Rechtfertigungen mehr. Ich wollte nur noch meine Freunde und meine Freiheit. Sonnenstrahllächeln legten sich immer mal wieder und einfach so auf mein Gesicht. Und ich kann wieder der Welt entrücken, ohne dass mich jemand so ansieht, als sei ich geistig zurückgeblieben.

(Auszug aus meinem Roman Rastlos.)

Gespräche über Gott

Wir sind ein freundliches Volk. Egal, welche Farbe die Haut hat, wir sind nett zu allen, sagt sie über die Syrer ihrer Heimat. – Und wie ist das mit den Juden?, frage ich, Wie steht ihr zu ihnen? – Nun, wissen Sie, die Juden erzählen etwas Falsches und der Koran hat das richtig gestellt. – Aber ist nicht der Koran viel später entstanden? Warum soll er wissen, was so lang vor seiner Zeit gewesen ist, was aber die Thora angeblich falsch aufgeschrieben hat? – Weil Mohammad unser Prophet es so gesagt hat. – Aber hat nicht Jesus als einer eurer Propheten auch gewisse Dinge gesagt? Und wieso ist eigentlich kein neuer Prophet mehr gekommen? – Weil es mit Mohammad den letzten gab, der die beste Religion gemacht hat. Aber wieso glauben die Christen eigentlich, dass Jesus der Sohn Gottes ist? – Weil es so in der Bibel steht. Wir können jetzt gerne streiten, welches über tausend Jahre alte Buch Recht hat. Oder ich lasse dich einfach glauben, was du glauben möchtest. Und ich, ich glaube weiter an nichts.

Muss denn nicht irgendwann jemand die Dinge gemacht haben? – Ja, vielleicht. Wahrscheinlich muss irgendwann mal irgendetwas die Dinge gemacht haben. Aber für mich gibt es keinen Jemand, der uns nun leitet und menschliche Entscheidungen beeinflusst. Ich brauche keine Religion, sage ich.

Aber müssen Sie nicht beten? Wissen Sie, unser Gott, am Ende vom Leben wiegt er auf: Was hast du Gutes gemacht – was hast du Schlechtes gemacht. Und weil wir nicht in die Dschahannam wollen, versuchen wir, eher gut zu sein. – Nein, ich muss nicht beten. Und ich muss nicht glauben. Ich will ein guter Mensch sein, ohne dass ich am Ende vor irgendeinem Gott stehe. Ich will gut sein, weil ich es will. – Und Sie sind gut, sagt sie. – Siehst du, sage ich, auch ohne Gott.

(Dieses Gespäch musste ich stark vereinfacht führen, weil meine Gegenüber erst seit anderthalb Jahren Deutsch lernt.)

Schreiben und Denken

Ein Teil in mir bricht zusammen. Ich kann dir zu allem viel sagen, aber dazu nicht. Die Worte in mir drehen sich und finden nicht in den richtigen Rhythmus. Zu sehr nimmt mich mit zu wissen, dass … Siehst du, es geht kaum. Vielleicht, weil ich weiß, dass all das Geschriebene nie wirklich geholfen hat, sondern mich immer nur mehr in den Strudel reinriss damals, vielleicht weil ich mich auch immer noch schuldig fühle, was bescheuert ist, denn das ist bloß die blöde Koabhängigkeit, die da spricht.

Weiterlesen „Schreiben und Denken“

Grand Tour

Ich habe mich gefürchtet und wollte es aufschieben, soweit es geht. Alle sahen mich als Freigeist, als Rumtreiber und eine, die das Leben so auskostet, wie wenige in meinem Umfeld. Und es war kein Bild, das irgendwer von außen gezeichnet, sondern eins, dass ich aus tiefstem Innersten selbst in Auftrag gegeben hatte. Sesshaft werden war mit langweilig werden verbunden und davor hatte ich Schiss. Das war ja dann nicht mehr ich, oder?

Weiterlesen „Grand Tour“

Freunde – immer.

Ist dir an mir nichts aufgefallen?, wollte sie wissen, nachdem wir uns wegen meiner langen Reise monatelang nicht gesehen hatten. Hm, sollte ich ihr sagen, dass sie irgendwie anders redete und ihre Kopfhaltung verändert hatte. Meinte sie das gar? Weil ich nicht ganz so ein trampeliger Ehrlichkeitsfanatiker bin, wie ich manchmal scheine, zucke ich nur mit den Schultern: Schwanger bist du ja nicht, oder? (Und wenn sie jetzt doch …?!)

Weiterlesen „Freunde – immer.“

Das normale Leben

Sie lag im Gras. Nicht direkt in ihm, weil der Gedanke an die Krabbeltiere ihr nicht behagte. Aber doch nur mit ihrem Schal zwischen sich und dem Boden und sie meinte, die Kraft der Natur spüren zu müssen, obwohl es vielleicht nur die Feuchte der Erde war, die sich in ihren Rücken drückte. Sie räkelte sich.

Den Blick hielt sie nach oben gerichtet, in das Blätterwerk hinein, in dem sich Schmetterlinge und Bienen tummelten. Sie roch den Flieder und die Rosen und den Rosmarin und schloss die Augen, konzentrierte sich auf die natürlichen Geräusche, bis die der hektischen Welt in den Hintergrund glitten und zerflossen. Sie brauchte mehr davon. Im normalen Leben war sie eher ein emsiges Insekt als eine faule Katze. Aber wer hatte das eigentlich zum normalen Leben erklärt?!