Die Unnormalen IV

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– Sie –

Ich schlafe nicht, oder nicht mehr. Aber kann man einen Schlaf, der ungefähr fünf Minuten gedauert hat, Schlaf nennen? Es war eher ein tiefes Dösen. Ich bin von seiner Hand geweckt worden und musste ein Zittern unterdrücken. Immer wenn er mich so sanft anfasst, muss ich zittern. Fünf Jahre habe ich auf diese Elektrizität gewartet. Sie hat mir bei den paar Typen und in der einen Beziehung, die ich hatte, gefehlt. Ich habe sie vermisst. Schmerzhaft vermisst.

Alles was ich ihm in seinem Zimmer an diesem zweiten Weihnachtstag gesagt habe, ist wahr gewesen. Ich habe ihm allerdings dennoch das wichtigste verschwiegen, denn ich habe ihm nicht gesagt, dass ich ihn immer noch liebe. Es kam mir selbst so dämlich vor, ihm das nun zu sagen, obwohl ich es ihm nie vorher gesagt habe und ich zu diesen Worten nach fünf Jahren sicherlich keine Berechtigung mehr in seinen Augen habe. Er könnte auch denken, dass ich ihn im Stich gelassen habe, als ich vor fünf Jahren entschied, dass ich nicht mehr mit ihm befreundet sein konnte, weil ich nicht mit ansehen wollte, wie er seine neue und vor allem feste Freundin küsst. Zu seiner festen Freundin bin ich nie aufgestiegen. Er und ich wussten immer, dass wir keine normale Beziehung zu Stande bringen würden. Mittlerweile denke ich, dass er viel eher zu einer festen Beziehung fähig ist als ich. Ich will mich tief in meinem Inneren nicht binden. Ich will keine Klette an mir hängen haben, die mir die Luft zum Atmen nimmt.

Ich nehme an, dass das der Grund ist, aus dem ich mich damals in ihn verliebt habe: Weil er mir diese Luft nie nehmen würde, weil er sich nie dazu in der Lage sehen würde, mich einzufangen. Er will mich nicht in einem Gefängnis sehen, das eine Beziehung für mich in vielfacher Hinsicht darstellt.

Ich bin mir bewusst, dass ich ein kaputtes Verhältnis zu Lebensgemeinschaften habe, denn in den meisten Fällen zweifle ich sie stark an. Ja, ich glaube trotzdem an die Liebe. Ich glaube, dass es dieses gewaltige Gefühl gibt, von dem so viele Menschen sprechen und über das so viele Männer gute Lieder geschrieben haben. In der Realität will ich aber keinen Mann, der mir solche Liebesschwüre macht, weil ich sie immer hinterfragen würde. Ich liebe nur einen Menschen bedingungslos und das ist seit acht Jahren er. Niemand sonst. Bei anderen Typen habe ich sexuelle Anziehung gespürt, doch die ist stets vergänglich gewesen. Bei ihm ist mehr da, aber dennoch wird es mich nie zum Innehalten veranlassen können. Deswegen, weil ich mein Leben so sehr damit vergleiche, ist nicht das Lied eines Mannes mein Lieblingslied, sondern jene Version des Countrysongs, die Whitney Houston vollkommen kitschig, aber für mich immer noch mitreißend zum Ende ihres Filmes Bodyguard von I will always love you singt. Ein Teil von mir wird einen Teil von ihm immer lieben, trotzdem muss ich ihn freigeben, weil ich nicht in der Lage bin, ihn zu halten, ihn an mich zu binden, mit ihm zusammen glücklich zu werden.

Möglicherweise werde ich mich irgendwann ändern, werden irgendwann die weiblichen Instinkte in mir erwachen, die mir ein Kind vor meinem inneren Auge erscheinen lassen. Es könnte sein, dass ich mich dann ändere und nach einem Vater und Versorger Ausschau halte, so wie es abermillionen Frauen vor mir getan haben, ja, es kann sein. Aber ich glaube es nicht.

Ich werde eher die sein, die alleine zurückbleibt. Doch so lange er auf irgendeine Art in meinem Leben ist, werde ich nie das Gefühl haben, alleine zu sein. So lange es in gewissen Abständen Abende, Nächte wie diese vergangene gibt, werde ich Glück kennen.

Ich öffne meine Augen und sehe zu ihm hoch: „Hi.“

Er beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Kuss: „Schlaf noch was, der Zug kommt erst in 25 Minuten, wenn er überhaupt pünktlich ist.“

„Ich kann nicht schlafen.“

„Ist dir doch kalt? Vielleicht sind ja jetzt zwei Plätze unten bei der U-Bahn frei…“

„Hast du Angst, ich frier dir weg?“

„Angst um dich?“ fragt er mich in seiner liebenswürdigen Abfälligkeit. Doch dann lächelt er: „Ich habe schon lange aufgehört um irgendjemanden Angst zu haben. Aber wenn ich um wen Angst hätte, dann am wahrscheinlichsten um dich.“

„Weil ich so wunderbar bin, ne?“ sage ich mit leichtem Spott über mich selbst und sehe ihm in die Augen, die aber nicht in meine sehen.

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