Warum unser Bildungssystem krankt (4)

4. Wegen des Einflusses der Politik

Sicher: Ich bin froh nicht in einer Zeit zu leben, in der Bildung durch die Kirche oder durch teueren Privatunterricht vermittelt wird. Unser Staat hat einen Bildungsauftrag – und das ist eigentlich gut. Uneigentlich ist dieser Auftrag in unserem förderalistischen System allerdings Ländersache und somit tausend kleinen Helferlein überantwortet, die nicht alle für ihren Job geeignet sind. Ein typisches Beispiel ist die Stellung der Abituraufgaben:

Die Abiturienten in Nordrhein-Westfalen bekommen beim schriftlichen Grundkurs-Abitur in Mathematik eine zweite Chance, entschied das nordrhein-westfälische Schulministerium am Mittwoch. Begründung: Zwei von drei Aufgaben der zentralen Grundkursprüfung in Mathematik waren missverständlich. (Spiegel zum Abitur 2011)

In Schulen mit dem Schwerpunkt „Sozialwissenschaft/Wirtschaft“ beschäftigten sich die Schüler in der Oberstufe intensiv mit Fragen der Wirtschaftspolitik, erhielten aber als Abiprüfung keine Aufgaben aus diesem Bereich. Nach Angaben des Schulministeriums sollen weniger als 80 Schüler betroffen sein. Das Ministerium hatte die falschen Aufgaben für den Fachbereich Wirtschaft auf einem für die Schulen zugänglichen Server hochgeladen. Einige Schulen bemerkten vor der Klausur am Donnerstag die Panne und informierten das Ministerium. Die neuen, korrekten Aufgaben wurden hochgeladen. Die Schulen, die zu diesem Zeitpunkt die falsche Datei heruntergeladen hatten, wurden jedoch nicht auf die neue Download-Möglichkeit hingewiesen. (Die Welt zum Abitur 2013)

Nun haben die Tausenden von Lehrern, die zuvor ihre eigenen Abiturvorschläge einreichen mussten, sicherlich auch eine Vielzahl von Fehlern eingebaut. Doch wenn so etwas Hochoffizielles auf uns hernieder kommt, sollte man davon ausgehen können, dass es mehrere Male von unterschiedlichen Sachverständigen überprüft wurde. OK, das ist aber nur ein ganz kleiner Teil, den ich unter „Mangelhaften Anweisungen von oben“ einsortieren würde.

Viel schlimmer ist das, was nach dem PISA-Schock geschah. Deutschland fiel nach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie in eine Schockstarre, weil das Bildungssystem des Landes der Dichter und Denker und Naturwissenschaftler gravierende Mängel schon allein in der Lesekompetenz der SchülerInnen offenbarte. Als ich 2002 studierte, hörte man von allen Seiten vom „PISA-Schock“ und dass direkt eingegriffen werden müsse – aber wie man eingreifen sollte, dazu gab es noch überhaupt keine Forschungen und Grundlagen. Oder zumindest kaum. Jeder dienstältere Lehrer kann von zahlreichen Eingriffen und Veränderungen ins Bildungssystem berichten – und selten erschienen sie ihm zum Besseren. Ich habe Folgendes seit Beginn meines Lehramtstudiums 2001 erlebt:

1. Dass der PISA-Schock zur Neuausrichtung der Lehrpläne geführt hat. Auf einmal ist Kompetenzorientierung das Wunderheilmittel. Wenn wir den Schülern Kompetenzen beibringen, dann brauchen sie eigentlich kein Wissen, denn sie wissen ja, wo sie es nachschlagen können. Das führt dazu, dass z.B. Vokabellernen nicht en vogue ist, weil man die ja auch im LK noch nachschlagen kann, aber dass dann auch viele einfach so gut wie kein vernünftiges Englisch reden können.

2. Dass zur besseren Vergleicharkeit nicht nur das Zentralabitur (mit oben erwähnten Pannen), sondern auch Vergleichsarbeiten in der 8. und 10. Klasse eingeführt wurden, damit nachvollzogen werden kann, ob alle Schüler über all die vorgesehenen Kompetenzen verfügen. Das bedeutet für den Unterricht, dass Unterrichtszeit für die Vorbereitung auf die Vergleichsklausuren wegfällt, für die aber eigentlich gar nicht explizit geübt werden soll. Aber welche Lehrer möchte denn, dass seine Klasse, die er vielleicht gerade erst übernommen hat und für deren mangelhaftes Vorwissen er nichts kann, schlecht abschneidet, nur weil er nicht mit ihnen übt?!

3. Dass man nicht mehr neun, sondern nur noch acht Jahre bis zum Abitur braucht. Natürlich, es gab noch gar keine passenden Lehrpläne und darum auch keine passenden Lernmaterialien, die Schulbuchverlage mussten diese erst entwickeln, aber unterrichtet werden musste G8 schon. Gott bewahre, dass man sich für eine solche Umstrukturierung Zeit nimmt. Das geht vor allem deswegen nicht, weil nach einer neuen Wahl eine künftige Landesregierung die Pläne vielleicht nicht so durchsetzt, wie die eigene sich das vorgestellt hat.

4. Dass aus Vormittagsschulen im Zuge von G8 Ganztagsschulen werden. Klar, man weiß gar nicht, wie man die Stundenpläne entsprechend stricken kann, was man im Nachmittagsbereich mit welchen finanziellen Mitteln anbieten kann, aber Ganztag muss wohl sein.

5. Dass die Schüler ein Recht auf individuelle Förderung einklagen können. Nun muss jeder Lehrer dokumentieren, dass er einen Schüler individuell gefördert hat, damit er beweist, dass er alles unternahm, um den Schüler vorm Sitzenbleiben zu schützen, denn Sitzenbleiben ist nicht nur teuer für den Staat, sondern bringt laut wissenschaftlichen Erkenntnissen auch so gut wie nichts.

6. Dass die Eltern nicht mehr auf die Empfehlung der Grundschullehrer Rücksicht nehmen müssen: Selbst mit Hauptschulempfehlung kann man sein Kind mittlerweile an ein Gymnasium schicken. Das führt dazu, dass mehr schwache SchülerInnen individuell gefördert werden müssen. Dann kann man im Grunde auch direkt eine Einheitsschule anbieten, in der es bestimmte Niveaustufen in den einzelnen Fächern gibt und die SchülerInnen nach diesen zugeteilt werden.

7. Dass Eltern ihr lernbehindertes Kind auf Regelschulen schicken können. Schlagwort: Inklusion. Keiner weiß, wie man es macht, wie es funktionieren kann, aber alle sollen es ausführen. Dass man damit mit dem Leben, denn der Ausbildung von Kindern spielt: Na und?! Auf einmal sitzen z.B. sprachförderbedürftige Kinder mit Hauptschulempfehlung auf einem Gymnasium, verstehen nur die Hälfte der Texte und müssen von einer Lehrerperson individuell gefördert werden, die 30 weitere SchülerInnen da sitzen hat, von denen sowieso fünf ADHS haben und nur bei zweien das Medikament dafür richtig eingestellt ist. Die gut ausgebildeten Förderlehrer und ihre auf die SchülerInnen zugeschnittenen Förderschulen – wer braucht denn sowas? Die bekommen wir schon irgendwie in andere Schulen integriert. Und sei es durch Abordnung. (Dann weiß wiederum keiner, wer für was wann zuständig ist und wo die Materialien für die stark förderbedürftigen SchülerInnen sind, denn die liegen momentan noch meist in den Förderschulen … )

8. Dass Haupt- und Realschule zusammengelegt werden sollen zu den Sekundarschulen. Ein weiterer Schritt zu einer Einheitsschule. Aber statt diesen offenbar in der Zukunft liegenden Schritt konsequent durchzuziehen und ein wirklich neues System zu basteln, veräppelt uns die Politik, weil sie glaubt, wenn sie kleinschrittig vorgehen, verlieren wir den Überblick. Es gibt noch eine große Lobby von denen, die auf das Gymnasium nicht verzichten wollen. Also wird das Gymnasium durch die weiter oben genannten Veränderungen einfach „unterwandert“ (Kann man doch so nennen, oder?).

Bestimmt gibt es noch zahlreiche Veränderungen, die ich vergessen oder nicht so im Kopf habe. Aber diese reichen auch, oder? Sie zeigen, dass die Politik uns für blöd verkaufen möchte. Und sie zeigen, dass man keine Struktur und keine Grundlagen glaubt haben zu müssen, um Zentrales im Bildungssystem zu verändern. Es sind von oben aufgedrückte Reformen, von denen niemand an den Basen weiß, wie man sie umsetzen kann. Dauernd werden Lehrer, Schüler, Eltern auf Neue ins kalte Wasser geschmissen. Dauernd wird mit ihnen, ihrer Arbeitskraft, ihrer Leistungsmöglichkeit, ihrem Gutwillen gespielt.

Und dann gibt es noch die unterschiedlichen pädagogischen Schulen in den einzelnen Fächern: Soll man kompetenzorientiert unterrichten durch Handlungsorientierten Unterricht, durch Projektarbeiten, durch Training der Analysefertigkeiten? Behält man sich nur etwas, wenn man etwas in der Hand hält? Soll man auf lehrerzentrierten Unterricht verzichten? Soll der Lehrer nur noch Moderator, nicht aber mehr Regisseur sein? Oder soll er doch eher Regisseur sein?

Neuere Forschungen wenden sich von dem lehrerentzentrierten Unterricht ab, denn es wurde festgestellt: Guter Unterricht liegt am guten Lehrer. Schade, dass viele Neuerungen der Politik der wichtigsten Aufgabe des Lehrerseins den Platz entziehen: Dem Unterrichten.

21 Gedanken zu “Warum unser Bildungssystem krankt (4)

  1. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Da hast Du 25 Jahre verschlafen, siehe von der Leyen oder von Gutenberg oder von Limbach, sie sind alle schneller am Dreh der Sklaverei! Selbst die Postboten wurden in Hanover zu Psychiatoren und da als Kliniksleiter nominiert! Glück, Auf, meine Heimat!

  2. Ich bin in dieser Hinsicht ein großer Fan von Frau Rasfeld aus Berlin, die ändert grad das Schulsystem dort und das wird Wellen schlagen. Sie hat auch nen Blog bei WordPress.

    1. Es ist das erste Mal, dass ich von Frau Rasfeld höre. Ich widerspreche auch gar nicht, dass ihr Konzept sinnvoll ist; aber ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich noch eine solche Veränderung brauchen, oder ob es nicht vielleicht reichen würde, wenn wir gute Lehrer ausbilden. Wissenschaftlich erwiesen (John Hattie) ist im Grunde nämlich auch und vor allem, dass das Drumherum nur wenig wichtig ist, sondern dass gute Lehrer auch mit schlechtem Drumherum ihre Schüler fördern können.
      Das heißt nicht, dass wir nur schlechte Lehrer haben. Aber dass wir gute Ausbildungen und gute Fortbildungen und gute Arbeitsbedingungen für diese brauchen, sodass sie sich auf guten Unterricht konzentrieren können. Denn es kommt eben doch vor allem auf die Lehrer an.

      1. In der Lehrerausbildung sollte sicherlich einiges geändert werden, da stimme ich dir zu.
        Mit Hatties Aussagen bin ich nicht immer einer Meinung, wenngleich ich die Aussage, dass es um die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer geht, unterschreibe.
        Eine solche Veränderung, wie sie Schule in Aufbruch zeigt, brauchen wir in meinen Augen mehr denn je. Und ich stelle mit Freude fest, dass es immer mehr Pädagogen gibt, die nach Alternativen suchen.
        Die Bewegung zeigt, dass es auch Umbruch von unten geben kann, es ist Spielraum da. Der wunderbare Reinhard Kahl sagte vor einigen Tagen bei einem Kongress, wir sollten junge Lehrer viel mehr ermutigen, neue Wege zu gehen, es ist eben doch möglich.
        Und ich unterstütze deine Aussage, liebe Stefanini, dass wir gute Ausbildungen und Fortbildungen brauchen!

  3. Vielleicht kennst Du es:
    „Schülerjahre“ von Remo H. Largo.
    Ein gut fundiertes Buch, welches die Entwicklungsstufen von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt und abseits von Ideologien und Kompetenzkriterien untersucht und darstellt.

    1. Ach und auch noch ein Verweis auf Remo Largo, schön, was hier heute alles zu finden ist! Ich habe ihn letzte Woche bei einem Vortrag gehört und wünsche, seine Worte werden in die Bildungseinrichtungen getragen.

      1. Jetzt müssten nur noch die Menschen, die an so manchem Hebel sitzen, sich auch mal ein wenig mehr mit solchen Menschen beschäftigen 😉

      2. Das muss man den Kindern/Schülern wünschen.

        Was mich von Anfang an bei ihm begeistert hat ist sein unromantisches aber empathisches Bild der Kinder. Er beschreibt sie einfach, wie sie sind, in ihren Schwächen und Chancen und ihren vielen Möglichkeiten.

        So weit ich weiß ist der Widerstand gegen seine Vorstellungen ziemlich groß, denn es fordert Lehrer und Eltern zu einem Umdenken. Aber nicht zuletzt auch die Politik. Ich habe dazu letztens mal was gepostet:

        http://ichmachenachrichten.wordpress.com/2014/11/05/jetzt-bin-ich-nicht-wirklich/

        Danke für den Hinweis. Ist ein schönes Gefühl zu merken, wenn mehr Menschen auf seine Sichtweise aufmerksam werden. 🙂

      3. Ja, er beschreibt sie in ihrer ganzen Eigenart und Einzigartigkeit.
        „Das Kind kommt nicht auf die Welt, um die Erwartungen der Eltern und Lehrpersonen zu erfüllen. Das Kind gehört nur sich selbst. Das Kind soll zu dem einzigartigen Wesen werden, das in ihm angelegt ist, Die zu ermöglichen ist die Aufgabe von Familie und Schule.“ so seine schönen Worte letzte Woche.
        Was mich sehr gefreut hat, zu sehen und zu erleben, dass bei dem Kongress über 1000 Pädagogen und Interessierte anwesend waren. Er und ähnliche hervorragende Referenten haben viel Zuspruch erhalten!
        Und weil ich noch immer voll davon bin, hier einige der Aussagen und Gedanken, die mir dort begegnet sind und die ich gerne mit euch teile:
        „Stellen wir uns einen Moment vor, es gäbe keine Schulen. Wie würden wir die Schulen erfinden? Würden wir wirklich vorschlagen, so viel Zeit sitzend, zuhörend und zumeist passiv im geschlossenen Räumen zu verbringen?“
        „Lasst das Leben in die Schulen.“
        “Wir sollten uns erlauben, Dinge, die wir für falsch halten, nicht zu machen.”
        „Wir lernen nur das, was unter die Haut geht.“
        „Wenn wir ein Kochbuch auswendig können, können wir noch lange nicht kochen.“
        (Letzteres von Remo Largo.)

      4. Lach, das hätte ich niemals gesagt, da schiebe ich es doch lieber auf die Technik. Liebe Grüße dir und auch dir, liebe Stefanini, die du uns diese Plattform hier gerade schenkst.

  4. sinn.wort.spiel.

    zu punkt 6.:
    gut, wenn man nicht den lehrpersonen, sondern sich selber vertraut.

    meine volksschullehrerin mochte mich nicht und sagte, ich sei zu blöd fürs gymnasium.
    hingegangen bin ich trotzdem – hatte jedes jahr ‚guten erfolg‘, manchmal nur einser, hab das gym geliebt und danach auch die uni geschafft.
    lehrerInnen sind eben auch nicht allwissend.

  5. Pingback: Wir lernen: Selbstständigkeit | Gescheuchten Igel

  6. Pingback: Blogparade: Lehrer von morgen heute denken. | Dejan Mihajlovic

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