Die Unnormalen III

– 3 –

Er

Ich ziehe an meiner Zigarette und grinse, weil ich sie vor mir am Billardtisch sehe und sie wirklich überhaupt nicht gut spielen konnte. Zumindest zu Anfang hat sie mehr Kugeln über den Tisch gehauen als in die Taschen. Immerhin wusste sie noch ungefähr, wie sie den Queue halten musste. Und sie ist lernfähig. Nach zwei Spielen hat sie es geschafft, mich mehr mit ihren trockenen Kommentaren als mit ihren mangelnden Spielkünsten zum Lachen zu bringen. Wie früher. Sie hat über sich, über mich, über die Leute um uns und über die Welt hergezogen und ich begann die Zeit zu vergessen. Die aktuelle Zeit des Tages und die Zeit, die zwischen nun und damals gelegen hat. Mit einem Mal war alles verschmolzen und ich wusste wieder, was ich so lange verdrängt habe: Warum sie mir wichtig gewesen ist.

Und irgendwann habe ich sie angesehen und habe gedacht, wie gut ihr Arsch aussieht, wenn sie sich vornüber beugt und versucht eine von den Kugeln zu versenken, die nur Profis zu versenken schaffen. Profis und sie. Nachdem eine solche Kugel über drei Banden in eine absolut nicht für sie vorgesehene Tasche gerollt war, jauchzte sie auf, sprang kurz hoch, hielt ihren Queue triumphierend vor meine Nase und gab mir einen vollkommen unerwarteten Kuss auf den Mund. Keinen Kuss. Einen Schmatzer wohl eher. Aus reinem Automatismus habe ich meine Arme um ihren Körper gelegt und zu ihr herunter gesehen. Doch sie lächelte nur breit und meinte: „Du kannst mich jetzt nicht durch einen Kuss von meinem Triumphzug abhalten.“ Dann hat sie noch zwei weitere Kugeln versenkt und mich, nachdem mein Stoß jämmerlich versagte, fertig gemacht.

„Du dürftest den Sieger küssen, aber leider musst du ihm zunächst was zu trinken ausgeben“, hat sie grinsend gemeint.

„Ach ja. Und die Male, die ich gewonnen habe, die habe ich auch nichts ausgegeben bekommen.“

„Dass ein Mann gewinnt, ist ja auch nichts besonderes“, meinte sie nur.

Ich erkannte ihre Logik und holte ihr ihre verdiente Cola.

Wir haben uns an diesem Abend nicht geküsst. Das war verwirrend, weil es mich verdammt gereizt hat, sie zu küssen, und weil ich in ihren Augen sehen konnte, dass es ihr ähnlich ging. Vielleicht haben wir uns nicht geküsst, weil man fünf Jahre doch nicht einfach wegwischen kann, obwohl uns das so erstaunlich leicht gefallen ist.

Als ich abends alleine in meinem Bett lag, hatte ich das Gefühl, dass sich ihr Geruch immer noch in meinem Zimmer befand. Und als ich einschlief, hatte ich ihren Arsch vor Augen. Oder sagen wir ihren Po. Arsch klingt direkt so abwertend. Und ausnahmsweise will ich das nicht zu ihr sein.

Ich nehme einen weiteren Zug von der Zigarette, lasse sie dann zu Boden fallen und trete sie erfolgreich so aus, dass ich die Schlafende mit meinen Bewegungen nicht wecke.

Im Grunde will ich sie nicht ansehen, weil ich sie im Laufe der Nacht schon so oft angesehen habe und weil ich… weil die Wirkung des verschönernden Alkohols nachlässt. Ich will sie ja nicht. Ich meine, dann kann ich auch nicht wie ein verliebter Trottel auf sie runtergucken und ihr noch einmal eine Strähne aus dem Gesicht nehmen, oder? Das wirkt ja… Das sind die falschen Gesten. Die habe ich früher schon bei ihr gebraucht und ihr damit das Gefühl gegeben, als sei ich total in sie verknallt, obwohl dem gar nicht so gewesen ist.

Trotzdem wenden sich meine Augen von der kühlen Umgebung ab und ihrem Gesicht zu. Wie von alleine löst sich meine rechte Hand von ihrer Taille und fährt ihr Kinn entlang zu ihrem Mund, die rechte Wange hoch zu ihrem Haaransatz und ihrem Ohr. Vorsichtig nimmt die Hand eine ihrer dunklen Locken zwischen die Finger und beginnt mit ihr zu spielen.

Ihr Mundwinkel zuckt leicht. Es ist kein Lächeln. Ihr Unterbewusstsein registriert eher eine möglicherweise lästige Störung der Ruhe. Dass ich sie in ihrem Schlaf störe, gefällt dem Teil meines Inneren, der gemein zu ihr sein will. Ja, gemein. Ich weiß, dass das scheiße klingt, aber ich habe Angst. Wenigstens gebe ich zu, dass ich Angst davor habe, wie wichtig sie mir schon nach wenigen Stunden wieder ist. Und wenn ich gemein zu ihr bin, dann kann ich sie ein wenig auf Abstand halten.

Vorsichtig fährt meine Hand ihren Arm entlang und legt sich wieder auf ihre Taille.

11 Kommentare zu „Die Unnormalen III

  1. Schön, wie Du bei dieser Geschichte perspektivisch zwischen den Stimmen und nach Außen und Innen hin und her gleitest. Ich werde die Geschichte langsam durchlesen, und genießen.

      1. lol. Ich kann es mir auch nicht erklären. Deiner ist der einzige Blog, den ich wirklich täglich lese, auch wenn ich eine Rückmeldung nicht immer gebe. Etwas in Deinem natürlichen Dir eigenen Schreibstil, was genau auf mein Lese-geschmack trifft, oder so was. Man soll’s wahrscheinlich auch nicht all zu akribisch analysieren, sondern einfach nur mit fliessen.

      2. Dann werde ich zusehen, dass ich weiterhin täglich etwas veröffentliche 🙂

        Und nein, analysieren müssen wir’s ja nicht. Aber freuen tue ich mich.

      3. 🙂
        Nein bitte, setz Dich nicht unter Druck. Schreib/veröffentliche nicht für uns, sonder nur für Dich, im Einklang mit Deinem inneren Rhythmus… – aber das muß ich Dir ja nicht sagen 🙂
        Meine Rolle ist nur zu geniessen.

      4. Ne ich bin einfach fast anderthalb Jahrelang WordPress fern geblieben und nur ab und zu was veröffentlicht (deutsch und englisch) und nicht viel gelesen.
        PS – Danke.

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