Die Unnormalen X

Na ja, und genau das ist dann natürlich auch in der ersten Kneipe passiert. Also nicht, dass ich mich umdrehte, denn ich hatte sie ja die ganze Zeit bei mir, sondern dass Typen…

Es war eine mittelgroße Kneipe, die schon um neun Uhr vollgepackt war. Mir fiel ein Typ auf, der sie die ganze Zeit ansah, der ihr mit Blicken folgte, der ihr sogar auf das Klo hinterherging. Und dass, obwohl der doch gesehen haben musste, dass ich mit ihr dort war. Dreist. Allerdings muss ich zugeben, dass der Typ nicht schlecht aussah. Wie ein Herumtreiber, aber wie ein Gutaussehender. Ein Surfertyp. Jemand, der seinen VW-Bulli an der nächsten Ecke stehen hat und sie auffordern könnte, mit ihm zu kommen und Silvester am Meer zu verbringen. Ich hasste den Gedanken daran. Deswegen bin ich ein paar Schritte hinter dem Surfer geblieben und habe die Szene, die sich vor der Toilette bot, aus einigen Metern Entfernung beobachtet.

Nachdem sie den eigentlichen Toilettenraum verlassen hatte, war sie mit dem Surfer zusammengestoßen. Der hatte irgendetwas gesagt, woraufhin sie gelächelt hatte. Es war ein freundliches Lächeln, aber doch nicht so animierend wie welche von denen, die sie mir im Laufe der vorangegangenen zwei Stunden zugeworfen hatte. Dann hatte der Typ einen Satz auf sie zugemacht und sie mehr oder weniger gegen eine Wand gedrängt. Sie jedoch schüttelte nur den Kopf, deutete mit der Hand in die Richtung, in der ich noch gestanden hatte, bevor sie den Weg zum Klo antrat, und rückte ihn sanft aber bestimmt von sich ab.

Der Typ, der offensichtlich die Welt nicht mehr verstand, machte den Schritt wieder auf sie zu, und ich ging dazwischen… Wirklich. Soll ich daneben stehen und zusehen? Nee… Also ging ich zu ihr hin: „Probleme?“ fragte ich sie.

„Nein, noch nicht. Ich habe ihm hier vor mir nur gesagt, dass mein Freund dahinten auf mich wartet und irgendwie wollte er das nicht verstehen“, sie hat mich mit unschuldig großen Augen angesehen und ich hätte am liebsten mit unserem kleinen Theaterspiel aufgehört und sie geküsst.

„Und hast du sie nicht verstanden?“ frage ich.

Der Typ hat mich angesehen, als sei ich von nem anderen Stern: „Es ist Silvester.“

„Ja, aber Silvester ist nicht Karneval und außerdem: Guck sie dir mal an. Meinst du nicht, dass sie nen Ticken zu alt für dich ist?“

Sie knuffte mich entrüstet in die Seite und sah den Surfer an: „Wie alt glaubst du denn, dass ich bin?“

„23, so alt wie ich“, vermutete der.

„Nicht ganz: 22“, log sie unverfroren.

Ich wurde wütend und nahm sie bei der Hand: „Sie lügt.“

„Eye, lass sie los. Sie hat nen Freund.“

„Ja“, mischte sie sich wieder ein: „Ihn“, und deutete auf mich. Dann schmiegte sich ihre Hand in meine und sie zog mich hinter sich in den Thekenraum hinein.

„Wieso hast du das gemacht? Gerade wurde es lustig…“

„Du meinst gerade hast du wieder das Flattern in deiner Faust gespürt und wolltest dem Typen für nichts und wieder nichts eine reinschlagen…“

„Er hat sich an dich rangeschmissen.“

„Und das darf er nicht, so lange ich bei dir bin, oder?“ sie stand an die Theke gelehnt und ich vor ihr.

„Natürlich, wenn du willst, dann darf er das.“

Offenbar habe ich ein ziemlich missmutiges Gesicht gehabt, denn sie lächelte und gab mir einen Kuss auf die Wange: „Wenn ich gewollt hätte, hätte ich dich nicht als meinen Freund betitelt.“

Puh. Ich verstehe nicht wirklich, wieso sie den Typen schon abgewiesen hat, noch bevor sie mich überhaupt in ihrer Nähe bemerkt hatte. Immerhin hätte sie ja auch mit ihm flirten können, anstatt ihm direkt von Anfang an klarzumachen, dass sie mit nem anderen unterwegs war. Aber ich find es gut.

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