Der Hin(tern)gucker

Einer machte mir Angst. Seit jeher ging er oder fuhr er mit dem Fahrrad in meiner Nachbarschaft herum. Vielleicht mit elf oder zwölf war er mir das erste Mal aufgefallen, weil er ein bisschen verwahrlost nach der Sozialhilfe-Hochhaussiedlung, aus der er stammte, aussah, und weil er augenscheinlich an zu vielen Tagen nicht mehr zu tun hatte, als in der Gegend umherzustreifen.

Als mein Körper sich zu entwickeln begann, schien jenes Herumtreiben zielgerichteter zu werden. An einem Tag meines 16. Frühlings schrieb ich: Ich hatte gute Laune, grinste vor mich hin, als der Hinterngucker (keine Ahnung, wie dieser ätzende, im Alter uneinschätzbare, langweilige Spanner heißt) an mir vorbeifuhr und sich, wie immer, nach mir umdrehte. An der nächsten Biegung dann blieb er allerdings stehen und drehte sich erneut nach mir um. Da nahm ich lieber einen Umweg in Kauf und lief den Feldweg hoch. Lief? Rannte vielmehr …

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Schleimtrollos

Ein Mädchen mit mangelndem Selbstbewusstsein sollte sich folgende Regel merken: Um genau dieses aufzufrischen, muss man einfach nur über den Bazar in Istanbul gehen. (Also he, keine Kosten scheuen!): „Nice girl“, „Beautiful lady“, „I love your style“ … Es sind unglaubliche Schleimbälle. Ein Trollo hat mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und meinte, wir würden uns hoffentlich noch sehen, er würde gerne mein Freund sein. 

Mit 15 im Sommerurlaub. Sportlich angezogen, gar nicht ladylike. Und obwohl ich schon damals nur halb naiv glaubte, dass sie mir all das wirklich sagen wollten, weil es stimmte, und es mich nervte, dauernd angequatscht zu werden, sodass ich nicht in Ruhe nach Sachen schauen konnte, ist der Anfangssatz doch wahr: Es hob mein Selbstbewusstsein. Weil es offensichtlich schon oder gerade zu diesem frühen Zeitpunkt von Schleimbällen und Trollos abhängig war.

Julian

Julian war sehr betrunken. 16 Jahre alt, in der Jugendherberge im Aufenthaltsraum, von seinen Lehrern unbeobachtet und unserer Gruppe eigentlich unbekannt. Und sehr betrunken. Manchmal lag er mit dem Kopf auf dem Tisch, manchmal torkelte er herum. Irgendwann kam er zu unserem Tisch. Lisa saß auf meinem Schoß und er ließ sich neben mich fallen. Seine Hand rutschte auf meinen Oberschenkel. Einfach so. Und als er immer weiter an die Innenseite des Schenkels kam und Lisas Po nicht mehr weit weg war, schlug ich seine Hand fort: „Was soll das?!“ – „Ich liebe kleine mollige Frauen“, sagte er, als wäre das eine Rechtfertigung. Geschweige denn die Wahrheit. Keine von uns war mollig. Aber er sehr betrunken.

Entschuldigt der Alkohol das Verhalten? Der 15jährige Kopf nickt und hakt es als nervende Anmache ab.

Insta*ziert

Über unsere Schule gab es eine Instagramseite. Eine mit angeblichen Schülerbeichten über ach-die-schlimmen Lehrer. Ganze Lehrernamen standen online und es wurde über sie hergezogen. So macht man das ja, weil Lehrer keine Menschen sind. Und keine Gefühle haben.

Ich schaute mir an, wer likte und kommentierte und fand zu viele aus meiner Klasse, als dass ich nicht geahnt hätte, woher der Wind weht. Außerdem hieß eine Beichte von letzter Woche, als ich krank zuhause war, wie toll es ist, wenn Unterricht ausfällt und wie „kake“ dann aber Vertretung sei. Gerade an dem Tag, an dem meine Klasse die erste wegen mir frei hatte …

Also schrieb ich alle Beichten mitsamt Fehlern ab und diktierte sie heute der Klasse. Ich fing mit einer der älteren an und ließ alle Schüler, die sie gelikt hatten, aufstehen. Dann erklärte ich, woher der Text kam und wieso die Schüler standen. Und ich diktierte noch drei weitere. Die letzte hatte mich, wie ich zugab, besonders geärgert, weil unsere Schule als ganz korrekt, die Lehrer aber als behindert bezeichnet wurden.

Schließlich sammelte ich die Texte ein und stand nun mit dem Packen vor 28 Schüleraugenpaaren und erklärte: „Ich werde jetzt eure Rechtschreibfehler mit denen aus dem Account vergleichen. Dadurch werde ich den Kreis der Schuldigen eingrenzen. Ihr könnt es mir heute auch so beichten. Wenn ihr es mir nicht sagt und ich es über die Rechtschreibung nicht deutlich rauskriege, lasse ich mir von Instagram die IP-Adresse geben. Wegen den und den Sachen bin ich mir sehr sicher, dass einer von euch es war. Wahrscheinlich N., denn viele Follower der Seite haben ihren Nachnamen.“

Zerknirscht stellte sich N. am Ende der Stunde mit zwei weiteren Übeltäterinnen. Ich hätte auch Sherlock werden können.

Der Pfeifer

Als ich vorgestern zum Tennis gegangen bin, saßen an einer Bushaltestelle drei Typen, die mir nachgepfiffen haben. Gestern standen sie an der Bushaltestelle an der weißen Kirche und heute waren zwei, David und Sebastian, vor mir an der Kasse vom Rewe. Sie versuchten mich blöd anzumachen, bis der eine sagte: „Die hat wohl schöne Augen!“

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Blicke

Es gibt Fluchten und Blicke, die ich vermissen werde, wenn wir hier ausziehen. Und das wird schon in weniger als einem Monat der Fall sein. Natürlich: Wir ziehen ins eigene und zwar in das, das uns nach zwei Jahren Suche endlich so gefiel, dass wir sogar das Land dafür wechseln. Und ja, es wird schön werden, weil wir es uns immer schön machen, aber ein bisschen Wehmut ist dabei. Auch wenn die Katze mitkommt und es im neuen Haus sicherlich wieder schafft, sich hübsche Stellen auszusuchen, um sich photographisch ins rechte Licht zu rücken … Wir haben trotz aller Probleme (Nässe und Schimmel im Schlafzimmer und Modergeruch aus dem Keller) hier gerne gelebt. Und ich bin sowieso jemand, der sich nur schwer verabschieden kann.

Die Preisveräppelung

Aus nur zwei Gründen nahm ich das Buch mit zur Kasse: Weil mich das Cover ansprach und, der vielleicht wichtigere Grund, weil kein Preis hinten drauf war. Bei englischen Büchern ist es häufiger so, dass die Preisbeschilderung übersehen wird und im Gegensatz zu deutschen sind die englischen Preise ja nicht gebunden. Auf dem Weg zur Kasse wette ich dann stets, wie günstig das Buch wohl sein mag, denn: Steht kein Preis drauf oder macht man ihn ab, ist das Buch ziemlich sicher günstiger als seine Mitstreiter.

So kam ich zu einem Juwel. Zumindest empfinde ich es so, weil, obwohl – oder gerade weil – es ein Kinder- und Jugendbuch ist, die Geschichte zauberhaft ist und die Autorin eine besondere Sprache hat.

Aber ich kam auch wieder zu der Erkenntnis, wie undurchsichtig der Buchhandel mit englischen Büchern umgeht, und dass sie sich nicht wundern müssen, wenn der Kunde zu Amazon ausweicht. Englische Bücher dieser Art hat der lokale Buchhändler seit vielleicht zwei Jahren hochgeschraubt, sodass sie normalerweise zwischen 9,90 und 10,90€ kosten. In seinem eigenen Onlinehandel sind sie meist günstiger, in diesem Fall ist eine Ausgabe für 9,70€ ausgeschrieben und eine eBook-Version für 6,49 oder eine andere für 11,70 (hä?!). Als ich aber mit Buch ohne Preis zur Kasse ging, bezahlte ich 7,95€. Bei Amazon kostet meine Ausgabe allerdings bloß 6,99€. Sicherlich möchte ich gerne den Handel vor Ort unterstützen, aber bei englischen Büchern macht es einfach keinen Sinn, weil ich mich wirklich nur ungerne so an der Nase herumführen lasse.

Also bestellte ich es gerade online für eine Freundin zum Geburtstag, weil es natürlich trotzdem gelesen gehört, egal, wie unklar die Preisvergabe sein mag. 

Der Hass in mir

Hass. Ich wusste, wie es sich anfühlte, weil ich ihn gegen meine Stiefvater in meiner Jugend so abgrundtief empfunden hatte. Und nun fühlte ich ihn wieder in mir und wie er mich innerlich mit seinen Dämpfen vergiftete, wie er durch mich durch fuhr, immer und immer wieder und zu viele Menschen um mich ihn auslösen konnten. Vielleicht war die Stimmung Schuld, die Anschläge in New York damals, die drohenden Kriege, die schon ausgesprochen, aber noch nicht begonnen waren, die Veränderung der Welt, die in der Luft lag. Die, in davor und danach.

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Eis ums Herz

Erst wenn den Opfern Gesichter, Namen, Geschichten gegeben werden, schockt es bis zur Traurigkeit. Ansonsten sind es nur Zahlen. Und doch ist kein Nur dabei.

Warum aber suche ich nach den Gesichtern westlicher Opfer, nicht aber nach denen östlicher Anschläge? Warum bleiben es da dann doch tatsächlich bloße Zahlen?

Ab welchem Zeitpunkt, unter welchen Umständen beginnt das Hirn Eis um das Herz zu schließen?

Lebensabschnittsfreunde

Mehr noch als Lebensabschnittsgefährten hatte ich Lebensabschnittsfreunde. Menschen, mit denen man sich in einer gewissen Phase des Lebens richtig gut verstand, ehe es dann nach einer Zeit zu bröckeln anfing. Während Frauenfreundschaften oft blieben, waren es die Männerfreundschaften, die aus sehr unterschiedlichen Gründen ausfransten. Manchmal wegen Frauen, manchmal wegen Anziehung, manchmal wegen beidem, manchmal weil einer von uns sich blöd verhielt, manchmal weil … Egal.

Sie waren wichtig und ein Rest ihrer Wichtigkeit bleibt.