Die andere Kurve

Eine unscharfe Sekunde. Nur der Augenblick, in dem der Lieferwagen eines Handwerkers um die Kurve fuhr. Nur in diesem Moment erhaschte sie einen Blick auf dessen Beifahrer. Dunkelhaarig mit Bart und Achsel-Shirt. Letzteres war so gar nicht seins eigentlich, aber sonst war er es. In ihrem Kopf war er es. Und plötzlich meinte sie zu wissen, dass er als Handwerker viel glücklicher geworden wäre, als er es als dauernd gestresster Investmentbanker war.

Der Andere I

Manchmal ist man mit jemandem zusammen, ohne diese Person zu lieben. Und man weiß, dass es ein Fehler ist, und man weiß, dass man es beenden sollte, aber etwas hält einen zurück. Ist es Feigheit vor dem Alleinsein? Ist es Unsicherheit sich selbst gegenüber?

Es gab eine Zeit in ihrem Leben, da liebte sie von ganzen Herzen. Den Falschen. Sie liebte und liebte und liebte ihn, nahm ihn an mit allen Makeln, die er hatte, und verzieh ihm jegliches Verhalten ihr gegenüber, weil sie es stets auf seinen besten Freund, den Alkohol, schieben konnte. Anstatt ihn zu hassen, hasste sie den Alkohol, denn das war einfacher.

An einem Silvesterabend stand sie plötzlich vor ihm, obwohl er gedacht hatte, sie sei mit seiner und ihrer Clique in einer anderen Stadt. Aber sie hatte nicht ohne ihn Silvester feiern können. Also war sie dorthin gekommen, wo er sein würde, und das Lächeln auf seinem Gesicht zeigte ihr, wie sehr es ihn freute. Er zog sie an sich und wünschte ihr ein frohes neues Jahr und sagte, dass er sich um sie kümmern wollte. Und das tat er. Einen Monat lang.

Doch sie zerbrach das Zwischenihnen, das eigentlich sowieso schon längst zerbrochen war, weil sie einander nie würden wirklich vertrauen können, indem sie ihm offen misstraute. Daraufhin meldete er sich nicht mehr bei ihr. Als sie sich das nächste Mal sahen, war er hilflos und bat: „Sag mir, was ich machen soll.“ – „Wenn du es nicht weißt, heißt das, dass ich es jedenfalls nicht bin, die du willst, und wir können es lassen.“ – Und er sah sie an, zögerte, erklärte dann jedoch: „Ich weiß nicht, wie du das siehst, und ob du es lassen willst. Aber ich weiß, dass mir an dir, auf eine Art und Weise, die ich absolut nicht begreife, mehr liegt, als an allen Mädchen, mit denen ich vorher zusammen war oder mit denen ich was hatte. Wir kennen uns drei Jahre und vier oder fünf Tage davon waren perfekt. Mit uns. Perfekt. Diese Tage mit dir haben mir mehr bedeutet, als alles vorher, an denen hat alles gepasst, denn eigentlich waren es die besten Tage meines Lebens.“

Und nachdem er ihr das gestanden hatte, meldete er sich nicht mehr und verliebte sich in eine Andere.

Und wer ist nun „der Andere“? Weiterlesen kannst du hier.

Freischulbad

Freibad hatten wir heute in der Schule. Mottowoche nennt sich das ja seit vielleicht fünfzehn Jahren – zumindest war es mir vorher nicht bekannt – und nachdem wir in den vorangegangenen zwei Tagen schon einfach in den Unterricht hereinplatzende Zehner und Dauerbeschallung durch laute Musik sowie Handyvideodreh im Lehrerzimmer ertragen mussten, wurden heute nicht nur ein paar Wasserpistolen gefeuert, sondern ganze Gewehrsalven plus Bomben plus Wasserflaschen und Wassereimer geleert. Leider letzteres auch über einer Lehrerin.

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Zum Freibad

Ins Freibad! Oh ja! Schwimmen. Und mit meinen neuen Freundinnen hin! Ach, darf ich, bitte? Ich bezahl es auch alles selbst! Oh, danke, danke, Mama! Natürlich bin ich vorsichtig!

Ich schnappe mir mein Sparschwein und die Münzen kullern heraus. Fünf, zwei, ein, ein, fünfzig, fünfzig, fünfzig, zehn, zehn, zehn, zehn, zehn, zehn, fünf. Etwas mehr als elf Mark. Das wird doch reichen, oder? Oh, ich werd abgeholt!

Das Geld klimpert in meiner Hosentasche auf dem Weg zum Bad. Die Sonne scheint, es ist schön warm und die Erwachsenen machen ihre Gärten. Wie immer eigentlich. Und wir lachen und reden. Aber das Geld wiegt schwer. Ob ich reinkomme? Ob es genug ist? Ob ich vielleicht auch ein Eis dafür bekomme?

Puh. Nur einsfünfzig Eintritt! Und jetzt kann ich für fast zehn Mark Süßes kaufen!!!

Erste Abende

Von der Cola im Café zum Eis auf dem Markt zum Süßen am Kiosk zum Wasser bei der Tanke zum Burger beim King zum Berg mit den blauen Leuchtwürmchen. Ein Abend im Frühsommer. Schon warm, noch verheißend. Verbummelte Zeit. Beine im Kneippbad, dann den Körper auf die Hängematten. Weitblick im Dunkeln bis zur Autobahn und noch viel weiter. Er dreht sich ein Tütchen, wendet sein Gesicht beim Auspaffen dem Mond zu und versucht ihn in Ringen zu fangen. Sie rutscht näher an ihn heran und lässt sich den Teil der Welt erklären, der bisher nicht ihrer war. Er grinst sie mit mehr in den Augen an. Und sie bringt ihn zum Lachen mit gespielter Naivität und Selbstironie. Es passt und sie wissen es. Es wird ihr Sommer werden. Ihr Sommer. Ihr Leben.

Drei und Zehn

Eben hatte ich die Idee, dass … nein, anders. Oft überfliege ich Nachrichten nur, lese die Überschriften und die Kurzzusammenfassungen, halte das aber auch gar nicht für Bildung oder gute Information und bin dann oft erschrocken, dass es meistens reicht, um bei Gesprächen zumindest ein paar Wortmeldungen zu landen. Zum Beispiel interessiere ich mich null für Fußball. Schon als Opa damals das grüne Fernsehbild verfolgte, auf dem man den Ball suchen musste, blieb ich höchstens dabei, weil ich Zeit vor dem Zubettgehen schinden wollte. Wirklich, ich bin super informiert, wer gegen wen spielt, wie zahlreiche Spiele ausgehen, wo es Überraschungen gegeben hat, wer absteigt und welche Wechsel anstehen. (Nur wie viel jemand durch Fußballspielen verdient, will mir nicht im Kopf bleiben.) Und dabei lese ich wirklich nicht mehr, als die Zeit-/Spiegel-Startseiteninfos.

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Sommerabend

Dachterrasse mit Hinterhofausblick und viel, viel blauem Himmel. Die Beine angewinkelt auf dem großen Schlafsofa, das dort unter dem Pavillon steht. Der zweite Fernseher, meistens funktionstüchtig, läuft mit der Lieblingssendung.

Es ist warm und wohlig und schön da oben. Mit ihm und ihr. Mitten in der Stadt ein Ruhepol. Mitten im Leben ein Innehalten.

Wir sind verwöhnt, sagt sie ihm. Und er nickt.

Selbstnähe

Warum? Keine Ahnung. Alles andere, alle anderen waren doch nicht so wichtig, wie er selbst. Und he! Sie war seine Traumfrau. Wie oft trifft man die in seinem Leben? Eben. Da wäre er doch blöd, würde er die Krumen unbeachtet lassen, die sie ihm warf. Heute Abend war der Köder sie im Bett. Nicht nackt. Nicht alleine. Nur eingekuschelt unter die Decke, weil die Balkontür für die Raucher dauergeöffnet war, und ihr blondes Langhaar floss über die Kissen. (Ja, vermutlich hatte sie sich in Szene gesetzt. Aber für ihn. Immerhin für ihn.) Die Party war vorangeschritten und der Alkoholpegel auch und obwohl zu viele da waren und beobachteten, kroch er zu ihr und legte seine Wange auf ihr Haar und seine Hand auf ihren Bauch.

Du weißt, dass sie es ihr erzählen werden, sagte sie und schob ihr Bein zwischen seine Schenkel.

Aber erst morgen, sagte er.

Underground

Das Herz ein bisschen underground. Ein bisschen versteckt und verschroben. Und für das Kaputte und Verletzte immer offen. Mit diesem Helferdrang drin und der Hoffnung darauf, dass es etwas bessern kann. Das Herz ein bisschen underground und manchmal auch negativ-stimmig, weil Hoffnungklammern mit Hoffnungenttäuschen einhergehen kann. Worte findet es oft, aber die Ausrufezeichen fehlen, und die Schreibweise wirkt vielleicht manchmal drückend und zweifelnd und hinterfragend in dieser smileybelasteten Welt.

Was es sagen will, das muss es schreiben, das Herz, weil es die Zunge nicht überwinden kann oft. Freudetanzend und weltumarmend waren immer nur die Worte, nie die Taten. Aber das Lächeln, das war beides wohl auch. Und kann es immer noch sein. Ist es immer noch.

Ist in die Welt hinausposaunen, ohne dafür Geld und Reichtum und Karriere zu erhalten dümmlich oder extravagant oder beides? Oder ist es nicht einfach nur? Muss es nicht so sein, dass wir schreiben, weil die Worte aus dem Kopf müssen in die Welt hinein, die sich dann ihren Teil dazu denken kann, wenn sie sie aufnehmen möchte?

Lieber ehrlich und direkt und underground als anders.

(Angeregt vom Bloke. Danke fürs Nominieren. Auch wenn ich auf deine Fragen nicht eingegangen bin, sondern deine Antwort nutzte, um zu denken.)