Der Ungebundene VI

Nachdem Isa aus der Dusche raus war und ihren angebräunten Körper in ein Sommerkleid gesteckt hatte, sah sie ihn fragend an: “Soll ich was kochen; ich brauch nämlich jetzt dringend Nahrung?” – „Nee, lass mal. Ich lad dich ein. An der Promenade hinten gibt es doch sicher ein nettes Restaurant irgendwo.“ – “Dann beeil dich…”

Weil er selbst hungrig war, hielt er seine Körperpflege kurz: Duschen, anziehen, Gel in die Haare. Normalerweise brauchte er auch nicht viel länger – nur für die Haare, denn die hatten nach einem ganz bestimmten Schema zu liegen. Wenn er allerdings deswegen Isa hätte warten lassen, wäre er seines Lebens nicht mehr froh geworden: Isa gehörte zu den Frauen, die absolutes Unverständnis für zu viel Getue ums Aussehen bei Männern unmännlich empfanden. Hätte er zu viel Zeit benötigt, hätte er sich ihr Gestichel noch wochenlang anhören können. Und irgendwie zu Recht, immerhin hatte sie alles in allem gleichlang gebraucht wie er.

Und er musste seinen Gedanken von eben am Strand berichtigen: Er wollte sie nicht nur, wenn sie halbnackt war. Wenn er sie nun ansah, dann musste er sich eingestehen, dass ihn ihr leichtes Sommerkleidchen reizte. Sie sah fast schon – auch wenn sie das nicht gerne hörte – süß aus, und unschuldig – obwohl sie das sicher nur selten war. Sein Blick fuhr ihr Gesicht und ihren Körper entlang, und das Wissen, wie ihr Körper unter dem Kleid aussah, machte ihn an. Nein, noch mehr: Sehr, sehr widerwillig musste er sich eingestehen, dass er keine Frau in den ganzen letzten Jahren so gewollt hatte, wie er Isa wollte. Was war das nur?

Isa hatte eines der Gesichter, die das gesamte Leben lang altersmäßig schwer einzuschätzen sein würden: Als sie jünger war, wurde sie für viel älter gehalten, doch nun hätte niemand sie für fast 30 geschätzt, und dabei war es gleichgültig, ob sie Schminke auftrug oder nicht.  Deswegen verzichtete sie häufig auf mehr als Wimperntusche. Und er mochte es. Es war so schön unkompliziert. Selbst als sie damals in den Regenschauer gekommen waren, sie beide bis auf die Haut nass gewesen sind und ihre Haare an ihrem Kopf angeklatscht waren, hatte sie nur gelacht und sich den Wimperntuscherest unter den Augen mit dem Daumen weggewischt. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie sich ein bisschen mehr anstrengen könnte, weil sie alles so selbstverständlich nahm – auch ihr Aussehen. Aber dann wiederum war er froh, dass sie im Umgang so locker war. (Was nicht hieß, dass sie nicht ab und zu zu einer riesen Zicke werden konnte.) Und wenn er sie nun ansah, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als festzustellen, dass sie ohne Aufwand zu den hübschesten Frauen seiner Umgebung zählte und ziemlich weit oben in der Liste rangierte. Vielleicht…

„Können wir los?“, fragte sie.  – „Sicher“, sagte er und versuchte alle weiteren Gedankengänge zu unterdrücken.

Sie nahmen das nächstbeste Restaurant, was sich als ein Italienisches erwies. Obwohl er sie mehrfach aufforderte, alles zu bestellen, auf das sie Lust hatte, entschied sie sich für eine unspektakuläre Pizza und ein Wasser. Keine Vorspeise, keine Nachspeise, keinen Wein. „He, du hast schon mitbekommen, dass ich bezahle und du mich ruhig ausnehmen kannst?” – „Muss aber ja nicht sein, oder? Wenn die Pizza gut ist, bin ich glücklich. Und wenn ich dann noch ein bisschen Platz im Bauch habe, könnte ich mir ja den Nachtisch noch nachbestellen. Oder wir teilen uns einen.“

Doch kaum hatten sie aufgegessen, gähnte sie und meinte: „Sollen wir nicht einfach nur nach Hause gehen und schlafen? Du bist doch bestimmt auch total k.o.?“ – „Was daran liegen könnte, dass ich von ner kleinen Irren entführt worden und um meinen teuren Schlaf gebracht worden bin.“ – „Aber du konntest am Strand schlafen. Und weil du heute nicht rausgehst und Party machst, wirst du morgen sicherlich fitter sein, als wenn du Zuhause geblieben und mit Kai rausgegangen wärst.“

An dieser Antwort merkte er, wie müde sie war: Zu müde, um ihm mit der ihr sonst eigenen Schlagfertigkeit zu begegnen. „Du brauchst dich nicht verteidigen“, sagte er und winkte dem Kellner: „Auch wenn ich es ungern zugebe, aber ich bin froh, dass wir hier sind.“

Auf dem Rückweg hakte sie sich bei ihm unter und ließ sich mehr oder weniger führen. Immer wieder bemerkte er, wie ihr Kopf sich zu seiner Schulter neigte, und er wunderte sich, ob sie gleich beim Gehen einschlafen würde. Ein richtiges Gespräch war jedenfalls kaum mehr möglich, und als sie auf seine Frage, was sie letztes Wochenende gemacht hatte, entgegnete: „Ich mag Hunde nicht so gerne“, grinste er und unterließ jeden weiteren Konversationsversuch. In dem Appartement schaffte sie es gerade noch, sich umzuziehen und sich die Zähne zu putzen, ehe sie sich unter der Decke eingrub.

Nachdem er ebenfalls im Bett lag, spürte er wieder die ihm schon bekannte Wärme, die ihn überkam, weil nicht irgendwer, sondern sie es war, die das Bett mit ihm teilte. Ob sie schon schlief? Ob er sich einfach an sie heranlegen sollte? Aber eigentlich war das entgegen ihrer Vereinbarung. Vor einigen Wochen war das letzte Mal etwas zwischen ihnen gelaufen, doch sie hatte die körperliche Beziehung zwischen ihnen am nächsten Morgen beendet. Sie hatte ihm gesagt, dass sie gar nicht mehr mit ihm hatte schlafen wollen, aber dass sie nicht einfach neben ihm liegen konnte, ohne dass sie ihn wollte. Daraus hatte sie geschlussfolgert, dass sie nicht mehr beieinander übernachten konnten.

Sie war eifersüchtig auf andere Mädels; und er konnte nicht bestreiten, dass es ihm ebenfalls nicht sonderlich gefiel, wenn andere Typen zu deutliches Interesse an ihr zeigten. Aber er hatte sich in den letzten Wochen damit abgefunden, denn er durfte keinen Anspruch auf sie erheben, da er sie ja nicht als seine feste Freundin wollte.

Und er… Schlief sie? Ging ihr Atem schon regelmäßig? Da… Da, war doch ein kleines Stocken. Bewegten sich da nicht auch die Wimpern, deren Schatten er zu sehen meinte? Unentschlossen hob er seine Decke an, um sie zu sich zu holen; doch er ließ sie wieder fallen. Er musste ihren Wunsch respektieren.

Fünf Minuten später, sein Drang nach ihr war zu groß, flüsterte er: „Willst du schlafen?“ – Und sie flüsterte zurück: „Ja.“ – Oh. Na ja, ein Versuch war es wert gewesen: „OK.“ – „Aber noch viel lieber will ich dich eigentlich …“ – Ein breites Lächeln kroch auf sein Gesicht. – „ … obwohl es wirklich nicht gut ist, wenn ich nachgebe.“ – „Warum nicht?“

„Du weißt warum. Und ich hab wen kennengelernt.“ – „Ah.“ Eifersucht regte sich. Und dieser andere Typ war als der Grund, aus dem nichts mehr laufen konnte?!

Sie tastete sein Gesicht entlang. Er nahm einen ihrer Finger und küsste die Spitze. Seine Uhr piepte. Es war 12.

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