Übelkeit

Seine Augen folgten allem. Ihm war nicht gut. Zu viele Zigaretten, zu viel Bier, zu viele Joints. Das Auto schlitterte. Verdammt. Schon wieder Eis. Vielleicht sollte er dieses besoffene Fahren aufgeben. Er kannte jemanden… Nein. Nicht das. Nicht jetzt. Mühevoll versuchte er sich zu konzentrieren. Rote Ampel. Stoppen. Das Auto ruckte. Er fuhr an, musste halten. Kotzen. Wann war ihm das letzte Mal so geil übel gewesen? Herrlich, wenn man machen kann, was man will. Uuuuuurggghh… Das letzte Bier hätte vielleicht nicht sein müssen, schließlich hatte er sich auch schon vorher beim Zocken kaum noch halten können. Hatten solche Gedanken je Sinn gehabt? Er grinste vor sich hin, sackte auf dem Autositz zusammen, schlug die Tür zu und pennte. Fertig. Das war seine Welt.

Den nächsten Morgen erkannte er am erneuten Brechreiz. Zeit, sich zu erheben und weiter zu fahren. Manchmal hasste er sich. Endlich Zuhause. Umarmung der Mutter. Weihnachten. Essen, trinken, langweilen. Fast schon behutsam schleppte er sich durch den Rest des Tages.

Abends trafen sie sich in der Burgruine. Er sog die Stille der Waldumgebung ein, bevor er den stabilen Teil der Burg betrat. Innen lief Neu-Punk. Die Art von kommerziellem Punk, die er verachtete, aber Hauptsache laut. Auf der Tanzfläche vergnügten sich Leute, die glaubten, den Punkkult für sich gepachtet zu haben. Das gemischte Volk, das sich auf die Musik bewegte, ohne sich schmutzig zu machen; die, die Punks sein wollten. Oder harte Skater. Oder beides. Er hasste sie alle…

Seine Kumpel hingen in einer Ecke rum. Manche mit Tusen im Arm. Er tauschte Weihnachtsgrüße, ließ sich auf ein Sofa plumpsen, schnippte sein Bier und glotzte auf die Leinwand. Ab und zu kamen Gespräche auf: Hatte man das Freundschaftsspiel gesehen? Bock auf Disco? Jemand Gras dabei? Je später der Abend, umso mehr „Weißt-du-noch?-s“ und „Damals“. Damals, als noch alles besser war, als sie alle solo waren, als sie richtig Spaß hatten, als Tusen nur zum Abschleppen da waren. Sie kifften, sie soffen, sie lachten. Und sie bildeten sich ein, die alten Zeiten seien für einen Abend wiedergekehrt.

Doch zu damals gehörte auch sie. Scheißgedanken. Lieber noch ein Bier. Und noch eins. Sie hatte ihm mal das L-Wort gesagt und zwei Abende später einen Kumpel von ihm geknutscht. Hätte er ihr da glauben sollen? Sie war nichts wert. Nichts mehr. Sie bedeutete ihm nichts. Es war richtig gewesen, seine Freiheit nicht für sie aufzugeben. Richtig. Noch ein Bier.

Die Jungs grölten. Er hatte den Anschluss verpasst. Die Musik, die Leute, die Stimmen… Wie Nebel dampfte alles an ihm vorbei: Ein Strom, ein Gewirr. Er konnte nicht folgen, er zog sich zurück. Zwar saß er umgeben von Leuten, die er mehr als die Hälfte seines Lebens kannte, aber er war irgendwie allein. Und pennte weg.

1. Weihnachtstag. Ein Kältezug weckte ihn. Er musste kotzen. Wieder. Gebückt schleppte er sich nach draußen, atmete die Waldluft ein, stapfte über die gefrorene Erde, die Hände tief in den Taschen.  Manchmal, so wie jetzt, wollte er gerne an Magie glauben, wollte, dass sie vor ihm stand. Er glaubte, ihre Umrisse zu erkennen, ihren Körper auszumachen, ihr Gesicht zu sehen. Und wenn sie nun wirklich vor ihm stünde? Würde er was sagen? Nein. Er hatte sich für das andere Leben entschieden. Saufen und arbeiten, und kam sich vor wie ein Mönch. Abgesehen vom Ficken natürlich… Er betrat die Ruine, raffte seine Sachen, übergab sich und brach zusammen.

Erwachen tat er erst im Krankenhaus. Er sollte in einen Alkoholentzug. Manchmal wünschte er, man könnte ihm noch ganz andere Dinge entziehen.

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Weltenmüdigkeit (Rastlos)

Auf der Zugfahrt überkommt mich ein Anflug von Weltenmüdigkeit. Manchmal habe ich einfach keine Lust mehr, mich aufrecht zu halten und so zu tun, als ginge mich alles nichts an. Manchmal überwiegen die negativen Dinge in meinem Kopf und ich kann mich nicht darüber freuen, dass ich ein freieres Leben führe als andere Menschen und dass ich mit wenig Geld viel erreicht habe und mein Leben ändern könnte, würde ich wollen. Manchmal denke ich an Sarah und die verpassten Gelegenheiten, an Kerle, die ich nicht hätte küssen, an Entscheidungen, die ich eventuell anders hätte treffen sollen. Ich denke daran, dass ich im kommenden Monat 28 werde und kein geregelten Einkommen habe, dass meine Freunde gesicherter leben als ich, dass alle den Verlockungen des Erwachsen-Seins erliegen und ich mich weiterhin dagegen wehre. Ich denke an die Typen, die ich in diesem Jahr kennengelernt habe und an das beunruhigende Gefühl in mir, alle wichtigen Menschen in meinem Leben bereits zu kennen.

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Ruhe

In der Natur. Nur langsam erwachen ihre Stimmen nach dem letzten Regenschauer. Einzelne Tropfen fallen noch aus der von schmutzigem Staubgrau zu Silbergrau wechselnden Wolkenmasse auf den See. Es werden weniger und weniger, bis ich solange gewartet habe, dass sich eine fast glatte Fläche vor mir ausbreitet, die die Spiegelungen der sanft abfallenden Hügel mit den herbstlich gefärbten Bäumen aufnimmt.

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Einsamkeit, denke ich und atme tief durch. Lange gesucht. Gefunden. Hier.

Ich will mich befreien von all dem, was Zuhause auf mir lastet, was mich in Anspruch nimmt, was meine Sinne überlagert. Ich will mich befreien von dir.

Vorstellung einer Trennung

Erst als er die letzte Umzugskiste aus unserer Wohnung schleppt und in das wartende Taxi stellt, begreife ich wirklich, dass unsere Leben sich nun trennen. Ich sehe mich in dem Zimmer um, das unser Schlafzimmer gewesen ist, und habe Bilder von ihm und mir auf dem großen Bett vor Augen; das Bett, das ich ihm eigentlich zur Hälfte bezahlen müsste, weil es eine gemeinsame Anschaffung gewesen ist. Dass ich es nun einfach so behalten kann, liegt daran, dass die Andere – natürlich – ein Bett hat. Ein Bett und meinen Mann. Und damit ist überhaupt nichts „einfach so“ an der Tatsache, dass das Bett ab heute mir allein gehört.

Es wäre falsch zu behaupten, ich wäre aus allen Wolken gefallen. Zumindest von rosaroten Wolken habe ich nicht mehr fallen können. Nach sechs Jahren Beziehung ist die Verliebtheit abgeebbt. Aber ich war der Meinung, dass genug Liebe für ein ganzes Leben da gewesen ist. Macht das Sinn? Ich weiß es nicht. Sind wir Frauen manchmal pragmatischer in Liebesdingen und geben uns leichter zufrieden, wenn viele Dinge gut, obgleich nur wenige perfekt sind? Und wäre das schlimm?

Was ist aus seinen Worten vom letzten Jahr geworden, als wir am Strand lagen und er mir zuflüsterte, dass er das für immer mit mir machen könnte – ans Meer fahren und den Tag vergammeln? Und als er sagte, dass wir nicht heiraten bräuchten, um zu wissen, dass wir zusammen gehören; aber dass er mich heiraten würde, wenn ich es wollen würde? Ich schüttelte lächelnd den Kopf, denn ich glaubte, dass das, was wir uns am Strand sagten, auch ohne offizielles Gelöbnis ein Schwur war.

Er steigt in das Taxi ein und mein Blick klebt an seinem Rücken. Erwarte ich, dass er sich noch einmal zu mir umsieht? Vermutlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von uns … Es gibt kein Uns. Er sieht sich nicht um.

Ich möchte nicht mehr weinen, ich möchte nicht schreien, nicht brüllen, nicht wütend sein und nicht traurig. Ich wünsche mir, nichts mehr zu empfinden, vor allem nicht die Leere und die drängende Frage nach dem Danach. Ich bin 28 Jahre alt und die Zukunft, so wie ich sie mir vorgestellt habe, ist zerbrochen. Ein riesengroßer Scherbenhaufen liegt vor mir und ich habe das Gefühl, als würde mich hier nichts halten. Nicht meine Freunde, nicht meine Familie, nicht mein Job. Nichts. Durch diesen einen Menschen, der mir fehlen wird, scheint alles andere nahezu bedeutungslos. Wie soll ich hier glücklich werden, wo ich glücklich war? Und wenn ich ihm und der Anderen über den Weg laufe, was ist dann?! Was ist dann?

Die Retter

„Sprich immer nur, wenn du sicher bist, dass du die Frage wirklich verstanden hast“, riet das Fräulein der Siebenjährigen am Morgen eines grauverhangenen Tages, an dem die Sonne durch die Fenster hereinbrach. Das Mädchen nickte schüchtern und wollte sich am liebsten in sich selbst zurückziehen und niemanden ansehen. Vielleicht würden ihre Mitschüler sie verraten? Ein bisschen Angst davor hatte sie. Vor allem Heiner, den sie sowieso ein wenig fürchtete und der ihr mehr als einmal an den Zöpfen gezogen hatte, würde sie es zutrauen. Nicht, weil er im Herzen böse wäre, sondern weil er sie oft ärgerte. Und was wäre einmal mehr?

Es könnte sie ihr Leben kosten, hatte das Fräulein gesagt. Und niemand war so klug wie das Fräulein. Fast niemandem traute sie so sehr wie ihr. Außer dem Papa. An Papa reichte keiner heran. Auch nicht das Fräulein. Aber Papa war nicht in der Schule, sondern auf Schicht unter Tage und er würde ihr nicht helfen können heute, an dem Tag, an dem der Schulrat die Volksschule besuchte.

Kurz nach der Pause hörten sie zackige Schritte auf dem Flur, es klopfte und die Türe wurde aufgerissen. Das Mädchen wollte am liebsten in den blauen Himmel hinaus schauen, statt die braun-graue Aura des strammstehenden Herren in ihren Blick zu nehmen. Doch sie wusste: Sie durfte nicht auffallen. Also wandte sie sich ihm und den anderen beiden Männern zu und beobachtete Heiner, dessen Sprung von der Bank hoch neben das Pult sie rasch kopierte. Wie alle erhob sie den Arm zum Gruß und wie alle ahmte sie die Sprechchöre der Erwachsenen nach.

Der Herr Schulrat trat neben das Fräulein, beugte sich zu ihr und besprach kurz etwas mit ihr. Dann feuerte er Fragen in die Klasse hinein. Das Mädchen wusste kaum, wie ihm geschah: So viele Wörter purzelten vorbei. Immer, wenn ein Schüler eine Frage beantwortet hatte, konnte er oder sie sich setzen. Irgendwann standen nur noch vier Kinder: Das Mädchen und Heiner waren auch dabei. Da fragte der Schulrat etwas – und keines der verbliebenen Kinder antwortete. Also wiederholte das Fräulein die Frage und fixierte das Mädchen. Und es antwortete. Das Fräulein lächelte, als es sich endlich hinsetzen durfte.

Nach der Stunde kam Heiner zu dem Mädchen, grinste und sagte deutlich: „Das haben wir gut gemacht, oder? Wie wir ihn veräppelt haben, als würden wir die Frage nicht verstehen, damit das Fräulein sie noch einmal wiederholen kann?“ Und das Mädchen, das von seinen Lippen lesen konnte, gab ihm einen Kuss auf die Wange: „Danke“, sagte es.

Der Lustige

Stets war er der Lustige. Der, der alle freudig begrüßte, der immer ein Lächeln auf den Lippen hatte, wenn ihm eine Frau begegnete, der, der einen lockeren Spruch in einer Gruppe von lauter Unbekannten brachte. Stets war er der Lustige.

Aber auch der, den man als oberflächlich ansah, weil er alles so leicht nahm, weil er lachte, selbst, wenn er über Ernstes sprach. Man würde sich nicht an seiner Schulter ausweinen; man würde keine Probleme mit ihm durchkauen. Vielleicht, weil man Angst hätte, dass man nicht ernst genommen werde würde.

Stets war er der Lustige. Stets blieb er einsam.

Unileben

Sie sieht auf ihre Materialien und wieder hoch. Meint sie das nur oder schaut der Typ von schräg gegenüber sie immer einmal wieder an? Hm, eigentlich ist er echt hübsch. Trotz Brille. Die macht ihn irgendwie erwachsener – und das ist im Gegensatz zu den ganzen Bubis hier im sechsten Semester eine deutliche Steigerung der Attraktivität. Als sie damals die alten Fotos ihres Vaters aus Studienzeiten gesehen hat, sahen die Typen zwar immer ziemlich wild, aber doch stets wie Männer aus. Wenn sie sich nun umsieht, fehlt ihr das bei allen, außer bei dem Typen mit der Brille.

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Die

Er hatte schon viele tolle Frauen gehabt. Da war die Sportkanone, mit der er viel Ski gefahren ist und für die er in eine andere Stadt zog. Und die Hübsche, die ihn eine Weile in der neuen Stadt hielt, mit der er aber Schluss machte, weil er in die Ex seines besten Kumpels verknallt war. Was nichts werden durfte. Und seit ein paar Jahren war da seine Nachbarin, einige Jahre jünger als er, die nun seine Mitbewohnerin, weil Lebenspartnerin, war und die nicht mehr mit ihm schlief.

Und fremdgegangen war er mindestens zwei von den drei genannten Beziehungsfrauen. Keine konnte ihn wirklich halten, binden, absolut von sich überzeugen. Warum nicht? Was war das „Mehr“, nach dem er sich sehnte?

Er wollte alles. Die perfekte Frau, die ihn heiß machte, die sein Kumpel war, die seine Interessen teilte, die gut verdiente, um die seine Freunde ihn beneideten, der fremde Männer mit Blicken folgten, die meisterhaft Snowboard fuhr, die ihn umsorgte und aufbaute, aber nicht bemutterte.

Oder vielleicht musste es auch nur die sein, die er wirklich liebte.

Das erste Wort

Als es du und ich gewesen sind. Nur noch. Du und ich. Wir mit geröteten Wangen auf dem Marktplatz, den heißen Kakao in den Händen, einen inneren Kick durch den Rum, da brauchten wir kein Fest mehr, um uns der Liebe zu erinnern. Der von uns. Die da war.

Und obwohl die Jacken so dick waren, dass der Oberarm kaum den eigenen Körper spürte, fühlte die Schulter die Hitze, die von dir auf mich überging. Oder andersherum. Oder beides.

Ich zuckte zusammen. Weil es mir zu viel war. Ungesagt lag alles zwischen uns. Die Jahre, die gewesen. Und die Verweigerung des Smalltalks ließ uns schweigen. Aber die Schultern, sie wussten, was zu sagen war. Und später wussten es unsere Münder auch wieder. Nachdem ein echtes Lächeln das erste Wort geworden war.

Die Vergessene

Mit dem Vergessenwerden hatte sie immer schon große Probleme gehabt. Wie man an einen Menschen nicht mehr denken kann, war ihr nie in den Kopf gegangen. Ein Mensch, der auf einen wartet, der auf einen hofft, der einen liebt … Wie konnte man ihn in Gedanken so übergehen? Wie ließ es sich rechtfertigen? Mit „Verlass dich nicht auf mich“, „Glaub mir einfach nicht“, mit „Entschuldigung“?

Jahrzehntelang war sie die Vergessene des Vaters, des Exfreundes gewesen. So, als sei sie nicht wichtig genug. Nie so wichtig wie anderes, viel, viel Nichtssagenderes. Und auch nun hatte sie Angst vor dem Vergessenwerden. Aber diesmal würde es im Zuge einer Krankheit sein.