Die Unnormalen II

– 2 – 

Eine Woche zuvor – Er

„Was machst du denn hier?“ hatte er, nicht unfreundlich, nur erstaunt, gefragt.

„Ich musste an dich denken.“

„Wieso?“

„Weil Weihnachten eine Zeit der Besinnung ist“, sagte sie und fragte, ob sie in der Kälte stehen bleiben solle.

Er ließ sie rein und sagte seiner Mutter, dass sie in sein altes Jugendzimmer gehen würden.

„Es ist Weihnachten“, sagte die Mutter und klang fast vorwurfsvoll.

„Haben wir nicht schon gestern genug Familie gehabt?“

„Du warst gestern…“, versuchte die Mutter einzuwenden, aber er machte eine wegwerfende Handbewegung und ging die Treppen hoch.

In seinem Zimmer meinte sie: „An Weihnachten kann man nicht genug Familie haben.“

„Doch, man kann jeden Tag genug von der Familie haben.“

„Das kann man ändern.“

„Kann man das?“

Sie sagte ihm nicht, dass sie der Meinung war, dass das Leben stets in der eigenen Hand lag, dass man seine Unzufriedenheit mit sich selbst und nicht mit anderen ausmachen musste. Sie sagte es nicht, weil er klug genug war, es selbst zu wissen.

„Wieso bist du wirklich hier?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“

„Hat Anne irgendwas über mich erzählt?“, fragte er misstrauisch. Anne war eine gemeinsame Freundin.

Sie schüttelte den Kopf: „Nein, nichts besonderes. Irgendwie ist der Dezember immer der Monat, in dem ich am meisten an dich denke. Ist das schlimm?“

Keine Ahnung, war es das? Er wollte den Kopf bedächtig hin und herwiegen, um die Zeit bis zur Antwort hinauszuzögern, doch sie sprach weiter: „Ich kann dir nicht sagen, wieso ich überhaupt noch an dich denke. Wirklich nicht. Aber ich habe auch keine Lust, mich und meine Gedanken mein Leben lang zu verstecken. Weißt du, ich habe letztens im Bett gelegen und habe daran gedacht, dass du auf einmal nicht mehr da wärst, dass du einen Unfall oder dass du das Leben einfach satt hättest. Immerhin hast du ja mal gesagt, dass du kaum daran glauben würdest, dass du die dreißig erreichst und immerhin hat Kurt sich ja auch… Na ja, jedenfalls… Als ich daran dachte, dass du nicht mehr da wärst und dass ich dann keine Chance mehr habe, zu dir zu kommen und dir zu sagen, dass ich an dich denke, da hab ich geweint. Ich hab … Ich habe nach unserer Zeit einige Dinge erfahren, wegen denen ich dich hassen sollte. Du hast mich und das was zwischen uns gewesen ist, zu einer Sexbeziehung degradiert, um deiner damaligen Freundin nicht erklären zu müssen, was du nicht erklären konntest. Ich war so sauer, dass ich dich zur Rede stellen oder dich vor ihr bloß stellen wollte. Ich wollte ihr sagen, dass das eine komplette Lüge war, aber dann habe ich mir gedacht, dass sie nicht wichtig ist. Es wäre Spucke gewesen, die ich umsonst verschwendet hätte, weil sie einfach nicht wichtig war. Ich hab daran geglaubt, dass deine Beziehung mit ihr scheitern wird und dass die Beziehung an sich nichts zwischen dir und mir ändern wird. Komisch, oder? Das gleiche habe ich über deine nächste Freundin gedacht. Ich bin mir wie ne kleine irre Hexe vorgekommen, weil ich immer dachte, dass das Mädel egal sei. Du und ich, wir haben keinen Kontakt miteinander gehabt, wir haben in vier Jahren nur einmal miteinander gesprochen und trotzdem war ich überzeugt, dass sich, wenn wir erst einmal wieder reden würden, nichts zwischen uns geändert hätte. Dabei haben wir uns geändert. Ich zumindest bin anders als vor fünf Jahren, und du wahrscheinlich auch… und…“

„Und?“

„Ich habe genug geredet. Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass ich da bin.“

„Dass du da bist?“

„Ja, trotz allem für dich. Immer.“

Er wusste nicht, wieso etwas in ihm jubilierte und sich freute. Er hatte keine Ahnung, wieso er sich mit einem Mal erleichtert fühlte. Aber er musste lächeln und sagte leise: „Danke.“

„Du weißt, dass wir nicht gut füreinander sind. Ich weiß das auch, aber ich brauche dich trotzdem. Du kannst mir nicht viel geben, außer deine oft herablassende Art mir gegenüber, aber… Vielleicht bin ich gestört und krank, aber… Du wirst mich nie aufhalten irgendwas zu tun, ich werde immer meinen Zielen und meiner Nase folgen. Das Problem ist, dass die mich auch immer wieder zu dir zurückführt.“ Völlig unvermittelt fragte sie: „Gehen wir Billardspielen?“

Über ihren plötzlichen Themenwechsel überrascht, schaffte er es nur zu sagen: „Wir waren noch nie Billardspielen.“

„Ja, ich weiß. Und ich kann es auch nicht, nicht mehr. Aber du wirst es mir beibringen.“

„Und wenn ich es genauso wenig kann?“

„Dann werden wir learning by doing betreiben.“

Er nickte und folgte ihr: Manchmal wusste sie, dass sie ihm gut tun würde. Und heute war ein solcher Tag.

 

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