Der Ungebundene III

Aber sie ging unbeirrt weiter und hatte scheinbar beschlossen, auf kein Gemecker seinerseits einzugehen. Das machte ihn noch wütender: Wenn sie sich wenigstens verteidigt hätte, wenn sie wenigstens noch einmal ihre Gründe wiederholt hätte oder sich für die Sache mit Alex entschuldigt und verunsichert gezeigt hätte … Nein, Isa nicht. Isa wusste ja immer auf alles die beste Antwort und die beste Handhabung. Isa konnte nicht nur ihr Leben gestalten, sondern gestaltete am liebsten das von allen anderen direkt mit. Und Isa hatte immer Recht. Unangefochten. Immer.

Leider war es auch meistens so. Zumindest das, was sie eben über ihn gesagt hatte, waren Treffer ins Schwarze gewesen: Er sah schlecht aus, er brauchte Erholung, er wollte keine Art von Pärchenurlaub machen und er empfand es als unangenehm, irgendwo alleine zu sein, um sich zu entspannen.  Zwei Tage am Strand rumdösen könnten genau das sein, was er nötig hatte. Das machte ihn gleich noch eine Stufe motziger. Strand. Sand. Kitschige Sonnenuntergänge. Geld für Essen ausgeben. Zwei Tage Besserwisser-Isa am Stück. Hm: Zwei Tage mit Isa rumhängen, Clive Cussler lesen, schlafen, Sonne tanken, schlafen, Essen gehen, schlafen. Irgendwie klang das andererseits ziemlich gut.

Der Aufzug brachte sie in den dritten Stock und Isa schloss 3c auf. Sie stieß einen kleinen Freudenjuchzer aus und huschte zur Fensterseite: „Wir haben Meerblick!“

Und das erste Mal an diesem Morgen musste er lächeln: Manchmal könnte er Besserwisser-Isa knuddeln. Er stellte sich neben sie und sah heraus. Das Meer erstreckte sich vor ihm, immer noch eher dunkel als in Blautönen, einige halbwegs bepflanzte Dünen lagen zu seiner linken, Wellenbrecher begrenzten bestimmte Strandabteilungen, zwei Containerschiffe waren am Horizont auszumachen und ein Mann führte seinen Hund am Wasser entlang aus.

„Schön, oder?“, fragte Isa mit Leuchten in den Augen und sah zum Meer hin.

Und obwohl er nichts besonderes am Ausblick erkennen konnte, konnte er es ihr nicht abschlagen, weiterhin zu lächeln und zu sagen: „Ja, schön.“  Dann wandte er sich um und besah sich das Appartement genauer. Er war nicht sonderlich überrascht, dass es etwas altmodisch schien, immerhin dürfte der Freund von Isas Großeltern wahrscheinlich bereits die 70 überschritten haben, aber es war doch einigermaßen annehmbar. Wenigstens bestanden nicht alle Möbelstücke aus Eiche-brutal und die Fliesen in der Küchenzeile waren weder in dunklem Braun noch in  giftigem Grün, sondern neutral weiß. Auch das Schlafzimmer war in hellen Tönen und das Bett war groß genug, um ihnen beiden Platz zu bieten, ohne dass sie zu nah aufeinanderliegen mussten. Obwohl das kein Problem war. Anders als in amerikanischen Fernsehserien und Filmen, in denen der Mann selbst bei einem Kingsize-Bett züchtig auf dem Boden oder auf der unbequemen Couch schlafen musste, hatten Isa und er nie Schwierigkeiten gehabt, nebeneinander zu liegen. Auch dann nicht, als noch nie etwas zwischen ihnen gelaufen war.

„Alles in Ordnung bei dir?“ fragte sie und lugte ebenfalls ins Schlafzimmer hinein. – „Keine Ahnung… Eigentlich bin ich dir ziemlich sauer.“ – „Wie wär’s, wenn wir erst mal was pennen?“ – „Dass du eventuell mit mir deinen Plan hättest absprechen sollen, davon willst du nichts hören, oder?“ – „Da gab es nichts abzusprechen“, sagte sie, warf ihre Tasche aufs Bett und kramte T-Shirts hervor. Ohne ein weiteres Wort ging sie ins Bad, zog sich um, schob die Tasche vom Bett, stellte ihren Wecker auf zehn und wurschtelte sich unter die Decke.

Er seufzte halbwegs laut: Was blieb ihm denn übrig? Also ging auch er ins Bad. Sich unter den Halogenleuchten in einem großen Spiegel anzusehen war um einiges erschreckender als sein Gesicht eben im Handspiegel zu betrachten. Wie konnte er eigentlich bei diesem Aussehen erwarten, dass irgendein vernünftiges Mädel ihn ansprach? Er erinnerte sich selbst an irgendwen. An wen? Hm, am ehesten an einen Gruftie. So leichenblass. Nur dass er ungeschminkt war. Schlaf. Er brauchte Schlaf. Ein schneller Toilettengang, dann zog er sich bis auf die Boxershorts aus und fiel aufs Bett.

Isas Atem ging ruhig und gleichmäßig, die Augenlider zuckten ab und an. Die Autofahrt musste sie geschafft haben. Hatte sie vorher überhaupt geschlafen? Seit wann war sie in Köln gewesen? Hatte sie wirklich nur eine halbe Stunde vor seiner Haustür gewartet oder länger? War sie …

Hmmmm … Er atmete tief ein. Lecker. Kaffee. Vorsichtig öffnete er seine Augen und sah sich in dem fremden Raum um. Ah ja, Belgien. Isa. Strand. Irgendwo Kaffee. Gut. Dann sah er auf seine Uhr: Elf. Wollte sie nicht um zehn schon aufstehen?

Er pellte sich aus dem Laken, tapste zum Wohnzimmer herüber und lehnte sich auf die Theke, die Küche und Wohnraum voneinander trennte: „Du bist ein Traum“, sagte er und begutachtete ihre Arbeit. Sie hatte bereits den Tisch auf dem Balkon komplett gedeckt, hatte entweder Zeug fürs Frühstück mitgebracht oder eingekauft, hatte Kaffee gebrüht und Ei in der Pfanne. – „Nein. Ich bin nur eine sehr, sehr, sehr gute Freundin, die ein fettes Geburtstagsgeschenk von dir bekommen will, weil sie sich so mütterlich gut um dich kümmert“, erwiderte Isa, streckte ihm die Zunge raus und setzte die Kaffeekanne auf den Balkontisch.

„Oder du bist nur eine Frau mit einem ziemlich schlechten Gewissen, weil du mich nach hierher entführt und sämtliche meiner Pläne durchkreuzt hast.“ – „Wenn du weiter darauf rumhackst, kannst du gerne gucken, ob du mit der Bimmelbahn bis Oostende kommst und von da aus nen Zug nach Hause kriegst“, sprach sie und schippte die Eier aus der Pfanne. „Frühstücken?“ – „Ja, frühstücken“, er lehnte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange: „Vielleicht bist du doch ein kleiner Traum.“ – „Nee, wenn schon ein enorm einnehmender, guter, interessanter; einer, bei dem man irgendwann fliegt.“ – „Uh, Isa, für deine Phantasiegeschichten ist es mir ein bisschen zu früh. Können wir das weiterspinnen, wenn ich gegessen habe?“ fragte er und zur Bestätigung knurrte sein Magen vernehmlich. – „Können wir“, sie ließ sich auf dem Balkon nieder.

„Ist ein bisschen frisch ohne Sonne“, sagte er und verschwand im Zimmer, um sich ein Shirt über den nackten Oberkörper zu ziehen. Er musterte die Sachen, die sie von ihrem Bruder für ihn ausgeliehen hatte. Nicht gerade das allerbeste Zeug, aber na ja, er hätte einem halbwegs Fremden wohl auch nicht gerade die guten Shirts und Shorts auf den Weg gegeben. Eine Badehose sollte er sich vielleicht selbst kaufen gleich. Der Gedanke die von Isas Bruder anzuziehen behagte ihm nicht so ganz.

Als er an den Tisch zurückkam, hatte Isa ihr Mahl schon begonnen. Er wollte gerade den Mund aufmachen und sie zurechtweisen, dass sie ruhig auf ihn hätte warten können, als ihm auffiel, dass er fast nur gemotzt hatte heute. Nicht ganz zu Unrecht irgendwie. Aber auch nicht wirklich im Recht. Also räusperte er sich kurz: „Danke.“

„Danke? Warte erst mal, bis du diesen Gourmet-Kaffee getrunken hast…“ – „Nein, ich meinte: Danke, dass du das alles machst. Du hattest vermutlich auch was anderes vor an dem Wochenende jetzt.“ – „Nein, ich hab es mir für dich freigeschaufelt. Ich kann dich einfach nicht weiter vor die Hunde gehen lassen“, sagte sie, und obwohl sie lächelte, verstand er, dass es nicht als Scherz gemeint war. – „Das werd ich schon nicht.“ – „Doch, das wirst du, wenn du so weiter machst.“

 

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