Der Ungebundene I

– Er – 

So müde, so schlapp, so ausgelaugt. Er konnte kaum noch seine Augen offen halten oder die Beine gerade vor sich hin setzen – was auch am Alkohol lag, natürlich. Am Alkohol und an der dauernden Mattheit, die er in sich fühlte, die sich in seinen Körper gekrochen hatte und nie mehr ganz aus ihm weichen wollte.

Es war Freitag und er hatte morgen noch einen weiteren Abend mit viel Bier und hoffentlich guter Musik vor sich. Oder sollte er verzichten? Sollte er auf die Chance verzichten, sich durch die Musik besser zu fühlen, für einige Stunden seinen beschissenen Job, sein halb ausgefülltes Leben zu vergessen, und auf die Chance, von einer Frau aufgerissen zu werden, die ihm ausnahmsweise einmal wieder vollkommen gefiel?

Wie viele hatte er in den letzten zwei Jahren kennengelernt? Er konnte es nicht mehr nachhalten. Eventuell könnte er es in seiner Facebook-Freundesliste abzählen, denn fast alle Eroberungen hatten ihn oder er sie als Freund hinzugefügt. Dann hatte man sich gegenseitig ein wenig ausspioniert, hatte sich Emails geschrieben, ab und zu SMS, und sich vielleicht mal getroffen. Und wenn das Treffen gut war, hatte man eventuell sogar mit Telefonaten begonnen. Die Dating-Regeln waren im Laufe der Zeit andere geworden. Und sie spielten ihm zu, denn mittlerweile waren es oft die Frauen, die den ersten Schritt machten und man(n) musste nur noch auf sie reagieren. Zugegeben: Auf die meisten reagierte er positiv, weil er irgendwie dankbar war, wenn er angesprochen wurde. Irgendwann hatte es diesen enormen Knacks in seinem Selbstbewusstsein gegeben und er hatte viel von seinem Glauben an sich verloren. Er hatte sich zurückgezogen, war unsicher geworden und ließ sich lieber aufreißen, als selber eine Wahl zu treffen. Was ziemlich untypisch für einen Mann war – Knackse im Selbstbewusstsein waren eher eine Frauenkrankheit.

Zuhause sah er eine Gestalt gegen seine Hauswand lehnen und erkannte sie fast instinktiv. War irgendetwas passiert? Seine Schritte beschleunigten sich und der Nebel in seinem Hirn lichtete sich ein wenig: „Was ist los?“ fragte er, kaum dass er sie erreicht hatte.

Sie musterte ihn von oben bis unten und sagte ruhig: „Ich möchte, dass du mit mir kommst.“ – „Wohin?“ – „Keine Sorge, nicht weit weg“, dann nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her. – „He, warte mal. Ich will eigentlich nur noch ins Bett.“

Das ließ sie anhalten und etwas zickig sagen: „Wenn ich mitten in der Nacht bis nach Köln komme und eine halbe Stunde vor deiner Haustür warte, dann kannst du annehmen, dass es nicht unwichtig ist, was ich von dir will, oder?“

„Dann sag es mir doch einfach.“ – „Nein. Warte ab.“ – „Wie du schon sagst: Es ist mitten in der Nacht.“ – Sie nahm ihn wieder bei der Hand und setzte den Weg zu ihrem Wagen fort: „Wir sind Freunde. Die können sich auch schon mal mitten in der Nacht brauchen.“

Daraufhin schwieg er, denn es stimmte. Bisher war es zwar noch nie vorgekommen, aber vermutlich hatte sie Recht. Außerdem war er zu betrunken und fertig, um sich angemessen zur Wehr zu setzen, darum ließ er sich nur auf ihren Beifahrersitz fallen und schloss die Augen. Allerdings hielt er sich wach, bis er mitbekommen hatte, dass sie die A4 erreicht hatten und Richtung alter Heimat fuhren. Da wusste er in etwa, wo sie landen würden, und weil er so müde und kaputt war und weil er ihr vertraute, kämpfte er nicht mehr gegen die Müdigkeit an, sondern ließ sich von den rhythmischen Geräuschen ihres Autos in den Schlaf brummen.

Und er erwachte erst wieder, als der Wagen anhielt und sie den Zündschlüssel abzog. Er hatte keine Ahnung, wo er war. Nicht bei ihr zuhause, nicht bei seinen Eltern. Nicht vor irgendeinem McDonalds und nicht vor irgendeiner Disco. Stattdessen konnte er das Meer sehen. Das Meer! Sie hatte sie auf irgendeinen Parkplatz ans Meer gefahren. „Wo sind wir?“

„An der belgischen Küste.“ – „Ah.“ Eine dreistündige Autofahrt dürfte das in etwa gewesen sein. Das erklärte die Dämmerung. „Was soll ich hier?“

„Vom Selbstmitleid wegkommen.“ – „Bitte?“ – „Du hast schon gehört“, mit diesen Worten verließ sie den Wagen und reckte sich.

Er blieb verdutzt vor sich hinstarrend sitzen. Selbstmitleid? Er? Nur weil er ein bisschen über seinen Job, über sein mangelndes Glück bei Frauen und sein Alter rumkümmte? Das war doch kein Selbstmitleid, das waren lediglich Feststellungen über den Zustand seines Lebens. Wie kam sie dazu, ihn nach hier zu verfrachten? Was dachte sie sich dabei? Immerhin hatte er heute was vorgehabt. Er musste seine Wäsche machen und seine Wohnung aufräumen, er musste Emails schreiben und seine Urlaubsfotos abholen. Und heute Abend war er mit Kai verabredet. Also… Aber heute Abend würden sie ja auch sicherlich wieder zuhause sein. Oder? Oder nicht?

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4 Kommentare zu „Der Ungebundene I

  1. Liebe Stefanini!

    Dein Schreibstil gefällt. Kurze Sätze, direkt und auf den Punkt. Das ist angenehm zu lesen. Da können Bilder in meinem Kopf entstehen. Das ist sehr wichtig für mich bei einer Geschichte/Roman. Kino im Kopf sozusagen.

    Ich werde mich bei Gelegenheit weiter bei dir umschauen. 🙂

    Liebe Grüße,

    Caroline

    1. Guten Morgen, Caroline!

      Das finde ich natürlich gut, dass du dich weiter umsehen wirst, weil dir meine Art des Schreibens gefällt. Manchmal versuche ich mich allerdings auch an längeren Sätzen 😉 Aber egal wie: Hauptsache, das Kopfkino ist da. Und sollte es dir mal fehlen, dann kritisiere ruhig.

      Lieber Gruß,
      Stefanie

  2. Hi,

    du schreibst wirklich sehr gut! Obwohl ich fast nichts über den Protagonisten wusste, konnte ich mich beim Lesen gleich in die Person hineinversetzen. In meinem eigenen Geschriebenen fällt es mir manchmal schwer, diese Nähe zu den Charakteren herzustellen. Falls du auch mal etwas von mir lesen möchtest: http://annikajusten96.wix.com/schreibe-dich-tot
    Außerdem ist dein Blog echt toll und inspirierend! Werde wohl nun häufiger vorbeischauen :).

    Viele Grüße,
    Annika

    1. Liebe Annika, danke für deine Worte und dein Lob. Jahrelange Übung macht da vielleicht einen Unterschied (immerhin habe ich 15 Jahre mehr Zeit gehabt …) und zudem nehme ich meine Charaktere meistens aus meinem Leben. Das bedeutet nicht, dass die Geschichten autobiografisch sind, sondern dass ich mich von den Menschen und ihren Eigenschaften um mich herum inspirieren lasse. Ich freue mich, wenn du wieder vorbeischaust! Lieber Gruß!

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