Der Ungebundene IV

Er griff nach seinem Kaffee und schwieg. So schlimm war es nicht mit ihm. Nur letzte Nacht… nein, eigentlich jede Nacht, die nach der gleichen Vorgeschichte und dem gleichen Schema verlief, gab ihm das Gefühl, fast am Ende seiner Kräfte zu sein. Natürlich war er das nicht, das war nur Anstellerei. Er wollte ja so oft rausgehen, er wollte zu den Partys, zu der Musik, zu seinen Freunden und zu den Frauen. Ohne all das war er nicht vollständig. Wenn er nicht rausging, fiel ihm die Decke zuhause auf den Kopf. Und wenn er dann raus war, dann lohnte es sich fast immer. Irgendwie. Obwohl: Vielleicht auch nicht. Denn regelmäßig stand er als einer der letzten in der Disco und fragte sich, warum er übrig geblieben war, warum die anderen Leute nach Hause gegangen waren, warum er keine hatte abschleppen können. Kaffee. Mehr Kaffee.

„In deinem Kopf ist es heute nicht so lustig, oder?“

„Ich habe nur gerade… Kennst du das? Wenn man in der Disco ist und der Abend eigentlich ganz OK war bisher, und dann ist es auf einmal vier oder fünf oder noch später. Und die fremden Leute, die du um dich rumstehen hattest, die verkrümeln sich mit und mit, und plötzlich kommst du dir vor wie der Rest, den keiner haben wollte?“

„Nee, kenn ich nich. Guck mich an: Glaubst du, in mir würde je jemand nur den unangetasteten Rest sehen?“ Was eingebildet hätte klingen müssen, klang nur Isa-ehrlich. Es gab genug Frauen, die nach Komplimenten heischten und die die passenden Vorgaben vorlegten, so dass man als Mann nur noch darauf reagieren musste. Isa würde so etwas vielleicht nicht nie, aber doch nur selten machen. Sie war sich ihrer ziemlich bewusst, sich selbst, ihrem Wert, ihrem Geist und ihrem Körper. Sie wusste, dass sie gut aussah und dass sie etwas im Kopf hatte. Deswegen war es durchaus berechtigt anzunehmen, dass niemand in ihr den übrig gebliebenen Rest sehen würde. Wenn Isa nicht übrig bleiben wollte, würde sie nicht übrig bleiben müssen. Dann würde sie einen Kerl ansehen und ihn in ein Gespräch verwickeln und schon wäre der Fisch an der Angel. Frauen hatten es da oft einfacher. Hübsche Frauen sowieso.

„Ich suche mir eben nur manchmal aus, der Rest zu sein. Na, eigentlich suche ich mir das immer aus. Außerdem sind die meisten Typen in der Disco mittlerweile jünger als ich, und ehe ich mich mit nem jüngeren einlasse, muss er mir schon richtig gut gefallen“, sie biss in ihr Brot und sah aufs Meer hinaus.

Er wusste, dass es ihr nicht mehr behagte, mit ihm über Angraberei- und Männer- und Frauengeschichten zu sprechen.

„Dass du dir wie der Rest vorkommst, liegt an dem Problem mit deinem Selbstbewusstsein“, fuhr sie dann nach einer Pause fort, „aber darüber haben wir schon oft genug gesprochen.“

Womit sie ein weiteres Mal Recht hatte. Wenn er sicherer wäre, dann würde er die Mädels nicht nur abscannen, sondern auch auf sie zugehen. Und erst wenn alle, die er gut fände, ihn mit billigen Ausreden abweisen würden, müsste er sich ungewollt fühlen.

Nach dem Frühstück drängte Isa an den Strand und er konnte es ihr nicht verweigern, wollte er auch gar nicht, immerhin war das der Grund, aus dem sie hier waren: Um am Strand zu dösen und im kalten Nordseewasser zu schwimmen.

Darum ließ er sich mit allem Zeug für einen Strandtag bepacken: Er trug fast die gleichen Sachen wieder aus der Wohnung, die er eben vom Auto in die Wohnung hineingetragen hatte, und beschwerte sich nicht. Ausnahmsweise.

Isa schüttelte ihr Handtuch aus und begann sich zu entkleiden – was normal für ihn sein sollte. Zum einen weil er schon mehr Frauen als Isa dabei zugesehen hatte, wie sie sich ihrer Kleider entledigten, zum zweiten weil er speziell Isa schon mit weniger als einem Bikini angezogen kannte. Aber als sie aus ihrem Rock schlüpfte und sich ihr Oberteil über dem Kopf ausgezogen hatte, und er den Unterschied zwischen der Haut ihrer Arme und der ihres Bauches bemerkte, musste er schlucken und seinen Blick abwenden. Viel in der Sonne gelegen hatte sie in diesem Jahr jedenfalls noch nicht. So bronzebraun die Arme waren, so fast durchscheinend weiß war ihr Bauch. Und es gefiel ihm zu wissen, dass er gerade etwas zu sehen bekam, was nicht viele andere Männer in diesem Jahr gesehen hatten. Zumindest keine zufälligen Männer, nur die, die sie es hatte sehen lassen wollen. Und so wie er Isa kannte, konnte man die an einer Hand abzählen. Und das fand er gut. Es gab ihm ein Gefühl von Exklusivität, Privatheit, Besitz. Ja, ein bisschen besitzergreifend war es sicherlich.

„Cremst du mir den Rücken ein?“  fragte sie und legte sich auf den Bauch.

Sie eincremen? Er schluckte noch einmal. Das war keine gute Idee. Nicht jetzt. Aber das konnte er ihr wohl kaum sagen, oder? Wie denn? ‚Also Isa… Warte noch mal fünf Minuten, ich bin gerade wegen des Farbunterschieds auf deinem Körper ziemlich geil geworden und muss mich erst mal wieder runterkriegen?‘ – Nein, keine gute Alternative. Vorsichtig stützte er sich so, dass er ihren Körper mit seinem nicht berührte und verteilte die Sonnencreme langsam über ihrem oberen Rücken.

„Du kannst ruhig das Bikinioberteil aufmachen: Unter den Trägern darfst du nicht vergessen.“ – „OK“, antwortete er ein bisschen zu einsilbig. Hoffentlich würde sie nichts bemerken. Er fummelte am Verschluss herum, bis ihre Hände nach hinten griffen und ihn mit einem Handgriff lösten.

„Besser?“, fragte sie. – „Ja, danke“, obwohl nichts besser war. Ihren Rücken vor sich zu haben, erinnerte ihn an die Male, bei denen ihr Rücken sich an seine Brust und seinen Bauch geschmiegt hatte und an die Art, wie ihre Atmung erst ein wenig tiefer und dann lang und gleichmäßig wurde, kurz bevor sie einschlief.

„Geht’s? Brauchst du mehr Creme? Am Höschenrand hab ich übrigens schon.“ – „Beruhigend“, murmelte er. – „Was hast du gesagt?“ – „Nichts, nichts.“ – Sie seufzte kurz und meinte: „Konzentrierst du deine Gedanken gerade auf was anderes?“ – „Ja, auf alles, nur nicht auf dich.“

„Weil mein Körper so umwerfend ist?“ fragte sie selbstironisch, denn sie war sich über alle Macken ihres Körpers im Klaren, wusste aber auch, dass er dennoch den Männern gefiel. Sie erwartete eigentlich nur eine Bestätigung, doch die würde er ihr nicht so leicht geben: „Umwerfend vielleicht nicht…“ – „Charmeur. Aber?“ – „Aber weiblich.“ – „Wie der von 50 Prozent der Bevölkerung.“ – Er: „Nein, anders weiblich.“ – „Ah. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment ist.“ – „Auch wenn es sich nicht wie eins anhört, es ist wie eins gemeint.“ – „Du meinst, weil er femininer ist als die Körper von den Hungerweibern mit denen du zuletzt ins Bett gegangen bist.“ – „So ungefähr.“ Endlich hatte er sie zu ende eingecremt und legte sich neben sie.

„Du auch?“, erkundigte sie sich.

„Gleich erst. Nachdem ich das erste Mal im Wasser war.“

„Abkühlung, hm?“ fragte sie grinsend und räkelte sich, um das Bikinioberteil wieder zu schließen: „Immer wieder schön zu wissen, dass ich noch wirke. Auf dich.“

Manchmal ging sie ihm mit ihrer unverfrorenen Art ziemlich auf den Piss. Und gerade war sie nahe dran. Immerhin hatte sie damals die Sache zwischen ihnen beendet, weil sie damit nicht umgehen konnte, wie es sich entwickelt hatte. Nicht er, weil sie nicht mehr auf ihn gewirkt hätte. Das würde sie vermutlich immer tun. Was schlecht wäre, wenn er sich in eine andere verlieben würde, dann dürfte sie nicht mehr wirken. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Verlieben noch in weiter Ferne lag. Richtig bereit dafür war er nämlich nicht. Wahrscheinlich musste er sein Leben erst zufriedenstellend sortieren. Und das konnte dauern. Aber vielleicht wartete er auch bloß auf den Blitz, darauf, dass er ein Mädel sah und im ersten Moment wusste, dass er sie haben wollte. Dann würde er sich wohl auch wagen sie anzusprechen. Oder? So eine Chance würde er sich ja nicht entgehen lassen. Und in der Zwischenzeit wäre es eigentlich gar nicht verkehrt, wenn Isa und er ihre tiefere Beziehung wieder aufnehmen würden, denn der Sex war gut, ihr Körper auch und er mochte sie als eine seiner besten Freunde. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als mögen. Nicht lieben natürlich. Aber mögen war etwas schwach, denn im Gegensatz zu seinen anderen Freunden begann er sie zu vermissen, wenn er über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt mit ihr hatte. Mögen, begehren und vermissen rückte die ganze Sache ein wenig in die Liebesrichtung. Aber verliebt war er auf keinen Fall. Verliebtsein war mit Flattern und andauernden Gedanken verbunden, mit Sehen-Wollen, mit Zukunftsplänen. OK, er konnte sich seine Zukunft nicht ohne Isa vorstellen. Wäre sie nicht mehr da, könnte er nicht mehr mit ihr sprechen, würde sie ihn nicht manchmal ab- oder auffangen oder ihn in den Arsch treten, würde er auf lange Sicht abdrehen. Oder er müsste sich eben bloß einen richtig guten Ersatz suchen. Pragmatiker, der er war.

Er wandte sein Gesicht von ihr ab und nuschelte in sein Handtuch: „Du willst doch gar nicht auf mich wirken.“ – „Ich will auf alle Männer wirken. Und wenn sie das dann zeigen, will ich sie als primitiv beschimpfen können“, sie schnappte sich ihr Buch und begann zu lesen.

„Ich geh schon mal  zum Wasser.“ – „OK. Soll ich Fotos machen, wenn du aus dem Wasser kommst, damit du Adonis spielen kannst?“ – „Und wer willst du sein?“ – „Die Schaumgeborene.“ – „Hä?“ – „Na, Aphrodite halt.“ – „Und was hat die mit Schaum zu tun?“

„Der Sage nach ist sie aus dem Schaum, den die Wellen auf dem Meer schlagen, geboren worden.“ Was sollte er dazu sagen? Es war mal wieder nur Isa-typisch, dass sie ganz nebenbei einen Brückenschlag zur griechischen Sagenwelt herstellte, so als ob jeder etwas mit ihrem Einwurf anfangen konnte. Ihr war bei solchen Sprüchen meistens gar nicht bewusst, dass sie von ihrem Vorwissen auf das der anderen Leute schloss und sich damit gründlich vertat. Er kannte fast niemanden, abgesehen von seinem Großvater, der mehr allgemeines Grundwissen als Isa hatte. Dafür haperte es bei ihr aber manchmal an vollkommen normalen Alltagsdingen. Wenn jemand hinflog, Sachen zerbrach, Dinge vergaß, Blumen ertränkte, Geld verlor, Schlüssel stecken ließ oder die Lesebrille suchte, die sie auf der Nase trug, dann war das immer Isa. „War Aphrodite nicht die Göttin der Schönheit?“

„Genau. Aber bevor du mich jetzt wieder für eingebildet hältst: Dich habe ich ja auch mit Adonis verglichen“, sie grinste. – „Na, zu Recht“, er grinste zurück, stand auf und reckte seinen Adoniskörper.

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