Der Ungebundene VII

Sie

Es gab hundert Gründe, wieso sie die Finger bei sich halten sollte, statt sie sich von ihm küssen zu lassen. Und nur einer der letzten war der Typ, den sie vergangene Woche kennengelernt hatte. Zwanzig andere waren zum Beispiel die Tusen, die Marc ihr vorzog, und die generell weniger attraktiv als sie waren; wie er meist selbst zugab. Ein anderer Grund war der, aus dem sie hier am Meer waren: Weil er nicht wusste, wie man entspannte, wie man das Leben ausgewogen lebte, und weil er keine Ahnung davon hatte, wie man sich selbst glücklich machte, wie man durch sich selbst glücklich wurde.

Aber es gab diesen einen enormen, umfassenden, einnehmenden Grund, wieso sie näher rutschen sollte: Wenn sie ihn nicht bald küsste, würde die Hitze, die die unbefriedigte körperliche Anziehung zwischen ihnen verursachte, sie unter eine kalte Dusche zwingen. In kitschigen Büchern hätte es geheißen, die Hitze würde sie verzehren – ganz so schlimm war es nicht. Aber kalt duschen müsste sie schon. Verzehren – was sollte das eigentlich heißen? Und wieso wurde nie jemand wirklich verzehrt? Weil man einer solchen Anziehung immer und in jeder Lebenslage nachgab? So hatte sie es zumindest bisher stets getan. Und wenn sie die Lage richtig einschätzte, würde sie es auch nun tun. Sie konnte einfach nicht neben ihm liegen und in Seelenruhe einschlafen, während ihr Körper Sex wollte. Nicht nur Männer konnten triebgesteuert sein; wenngleich er der erste und einzige Mann war, bei dem sie dieses bedingungslose Verlangen ihres Körpers festgestellt hatte. Alle anderen Männer hatten weitaus weniger Anziehungskraft gehabt.

„Ich hätte dir gerne dein Kleid ausgezogen” flüsterte er. – „Und ich dachte immer, du magst es, dass ich nicht so viele Spielchen mache und mich selbst ausziehen kann.“ – Seine Hand strich ihren Schlüsselbeinknochen entlang: „Meistens. Aber das Kleid hat mich schon den ganzen Abend gereizt.“

„Und heute nachmittag hat dich der Bikini gereizt, hm?“, neckte sie ihn und kam ihm ein paar Zentimeter entgegen. Fast automatisch streifte ihre Handfläche seinen Brustkorb: „Leicht schien dir das Eincremen jedenfalls nicht zu fallen.“ Sie unterdrückte ein Gähnen, denn sie wollte nicht, dass er ein schlechtes Gewissen hatte oder ins Zweifeln kam, weil sie beide eigentlich viel zu müde waren, um die Nacht noch weiter auszudehnen. Natürlich waren sie müde, aber … Wenn sie nichts miteinander haben würden, würde sie, selbst wenn sie endlich in den Schlaf gefallen war, wesentlich oberflächlicher schlafen, als sie schlafen würde, nachdem sie miteinander Sex gehabt hätten: Dann waren sie beide zwar ausgelaugter, aber auch zufriedener, befriedigter, und sie konnte sicher in seinem Arm einschlafen. Sicher. Wenn er wüsste, dass seine Arme ihr Sicherheit geben konnten. Und Geborgenheit. Sie hatte bei anderen Typen versucht eine ähnliche Empfindung zu verspüren, aber bisher war sie gescheitert.

„Leicht war es nicht, aber ich würde es ganz gerne jetzt wiederholen. Zum Beispiel mit Öl. Viel langsamer würde ich dich dann eincremen, angefangen hier“, sagte er und folgte mit Daumen und Zeigefinger ihrem Nacken herunter zu den Schulterblättern, „über hier“, die Wirbelsäule weiter entlang bis zu den beiden kleinen Kuhlen oberhalb ihres Pos, „bis nach hier. Dann würde ich dich packen“, sprach er und zog sie, die Hand auf ihrem Po, nah an seinen Körper heran, „um dich umzudrehen“, er grinste, „und das Eincremen vorne fortzuführen.“   Da rückte er wieder etwas von ihr ab, um, diesmal schweigend und mit seinen Blicken seinen eigenen Bewegungen folgend, mit ihrer Kette zu spielen, ihre Brüste nachzuzeichnen und dann auf dem Bauch zu verweilen.

Sie sah Marc unverwandt an. Sie liebte ihn. Im Bett. Sie liebte es, dass sie sich mit ihm nie unwohl fühlte, dass es ihr gleichgültig war, wie lange und wie intensiv er sie ansah. Mit keinem anderen empfand sie diese Natürlichkeit.

Er hob seinen Blick wieder zu ihrem Gesicht, nahm seine Hand von ihrem Bauch weg und legte sie auf ihren unteren Rücken. Seine Augen suchten ihre, hielten ihren Blick fest – eine Straßenlampe schien durch das Fenster und es waren nicht nur Schemen, die er erkennen konnte. Trotzdem fühlte sie sich nicht unwohl. Sie kannte ihn zu lange, sie vertraute ihm zu sehr. Er würde nie etwas negatives über ihren Körper zu irgendwem anders sagen, er würde nie angeben, dass er mit ihr geschlafen hatte und sie damit in den Augen von jemand anderem vielleicht als billig degradieren. Und wenn sie sich ihm gleich entgegenstreckte, wenn sie seinen Körper aufnahm, dann würde es ihr wieder wie das Alltäglichste vorkommen – so, wie es vermutlich sein sollte.

Sein Atem hatte sich ihrer Wange genähert; vorsichtig-langsam gab er ihr einen Kuss darauf, dann fragte er: „Bist du nicht zu müde?“

Aber sie wollte keine Worte mehr; stattdessen gab sie ihm die Antwort, indem sie ihren Mund seinen Hals herabwandern ließ und ihn sachte in die kleine Grube zwischen Hals und Oberkörper biss. Er sog scharf die Luft ein, riss ihren Körper an seinen und küsste sie.

Wenn es so war wie jetzt, wenn sie die Kontrolle hatte, aber doch auch wieder gar nicht, dann war es am besten. Sie gab sich ihm und forderte zugleich, indem sie ihren Rücken durchstreckte und seine Küsse anheizte. Und wie meistens reichte es ihnen nicht einmal. Schlafen konnten sie erst, als sie sich nach dem ersten heftigen Mal noch ein weiteres, langsameres, intensiveres Mal geliebt… nein, nicht geliebt vielleicht, als sie nach dem ersten heftigen Mal noch ein weiteres, langsameres, intensiveres, besseres Mal miteinander geschlafen hatten. Erst dann schmiegte sie ihren Körper an seinen und schlief noch beinahe in der selben Sekunde ein.

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