Gedankenmeldung

Wenn es ist, als müsste es so sein, ja, als wäre es immer schon gewesen, ist es genau richtig.

Das neue Zuhause fühlt sich kein bisschen fremd an.

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Neues Ufer

Letzte Nacht in dem Häuschen, in dem wir glücklich waren. Wehmut ist seit heute dabei. Keine Heimatadresse in Deutschland. Klebt seit gestern in meinem Pass. Gedanken wirbeln. Die Sonne half. Immer wenn sie mich auf meinen Wegen begleitet, überzeugen mich die Entscheidungen noch ein bisschen mehr. Und morgen dann Vollmond. Wir werden glücklich bleiben.

Bevor die Schotten dicht wurden

Es hat mal eine Zeit in meinem Leben gegeben, da hatte ich die Schotten noch nicht so dicht, wie ich sie nun schon seit Jahren habe, und ließ mich von Fremden in Unterhaltungen verwickeln. So war ich im übrigen auch erzogen worden: Dass man freundlich und höflich ist und bleibt. Ehrlich gesagt, habe ich mich zu lange, viel zu lange daran gehalten und mit Menschen geredet bzw. wirkliche Gespräche gehabt, die mich nie interessierten. Schon mit 13 schrieb ich z.B. Irgendwie scheine ich auszusehen, als ich mit jedem Erwachsenen (ab 20) ein Gespräch anfangen bzw. führen würde, was ich dann auch führe. Gestern wollte ich nur ein Bami haben und der Typ hinter der Theke wollte mich unbedingt überreden, die Scheibe bei ihm im Imbiss zu essen.  Das ging dann so lange, bis mein Bami fertig gebrutzelt war.

Ist das Kundenfreundlichkeit? War ihm einfach langweilig? Ist das Kleinstädtertum, was man als Städter ablehnt? Ist das eine andere Zeit gewesen, weil es 20 Jahre her ist, und haben die Menschen da noch häufiger so oberflächliche Gespräche in live geführt, während wir es nun auf die Smartphones und in die Kommentarbereiche irgendwelcher sozialer Medien verlegt haben?

Ich habe durch meine Freundlichkeit und Höflichkeit damals keine wirklichen Nachteile gehabt, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf diese Sorte Gespräche und tauchte die Miene in Eiswasser oder zog den Vorhang der Arroganz davor. Vielleicht auch, weil es darin gipfelte, dass ich mit 20 von einem Typen im Park angesprochen und im Laufe des erst wirklich freundlichen Gesprächs sexuell belästigt worden bin. Vielleicht auch deswegen.

Der erste Fremde

Mit Ende 13 und im Jahr 1995 war ich noch nicht sonderlich politisch korrekt, wurde aber das erste Mal von einem Fremden auf der Straße angesprochen und hielt das dann so fest: Als ich vom Bahnhof nach Hause ging, sprach mich ein Neger an. „Hallo. Wie spät?“ – „Ich habe keine Uhr, aber da hinten hängt eine.“ (Das hat den gar nicht interessiert.) „Wo hier?“ – „Ortsname.“ – „Warum so laute Musik?“ – „Heute ist Stadtfest.“ – „Name?“ – „Stefanie.“ – „Du bist schön“. – „Danke.“ (Komplimente hört man ja immer gern.) Jetzt sagte er etwas, das ich nicht verstand, aber ich bekam etwas Angst, sagte schnell „Tschüss“ und verschwand. 

Ein Wahnsinnsdialog …

Der Hin(tern)gucker

Einer machte mir Angst. Seit jeher ging er oder fuhr er mit dem Fahrrad in meiner Nachbarschaft herum. Vielleicht mit elf oder zwölf war er mir das erste Mal aufgefallen, weil er ein bisschen verwahrlost nach der Sozialhilfe-Hochhaussiedlung, aus der er stammte, aussah, und weil er augenscheinlich an zu vielen Tagen nicht mehr zu tun hatte, als in der Gegend umherzustreifen.

Als mein Körper sich zu entwickeln begann, schien jenes Herumtreiben zielgerichteter zu werden. An einem Tag meines 16. Frühlings schrieb ich: Ich hatte gute Laune, grinste vor mich hin, als der Hinterngucker (keine Ahnung, wie dieser ätzende, im Alter uneinschätzbare, langweilige Spanner heißt) an mir vorbeifuhr und sich, wie immer, nach mir umdrehte. An der nächsten Biegung dann blieb er allerdings stehen und drehte sich erneut nach mir um. Da nahm ich lieber einen Umweg in Kauf und lief den Feldweg hoch. Lief? Rannte vielmehr …

Schleimtrollos

Ein Mädchen mit mangelndem Selbstbewusstsein sollte sich folgende Regel merken: Um genau dieses aufzufrischen, muss man einfach nur über den Bazar in Istanbul gehen. (Also he, keine Kosten scheuen!): „Nice girl“, „Beautiful lady“, „I love your style“ … Es sind unglaubliche Schleimbälle. Ein Trollo hat mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und meinte, wir würden uns hoffentlich noch sehen, er würde gerne mein Freund sein. 

Mit 15 im Sommerurlaub. Sportlich angezogen, gar nicht ladylike. Und obwohl ich schon damals nur halb naiv glaubte, dass sie mir all das wirklich sagen wollten, weil es stimmte, und es mich nervte, dauernd angequatscht zu werden, sodass ich nicht in Ruhe nach Sachen schauen konnte, ist der Anfangssatz doch wahr: Es hob mein Selbstbewusstsein. Weil es offensichtlich schon oder gerade zu diesem frühen Zeitpunkt von Schleimbällen und Trollos abhängig war.

Julian

Julian war sehr betrunken. 16 Jahre alt, in der Jugendherberge im Aufenthaltsraum, von seinen Lehrern unbeobachtet und unserer Gruppe eigentlich unbekannt. Und sehr betrunken. Manchmal lag er mit dem Kopf auf dem Tisch, manchmal torkelte er herum. Irgendwann kam er zu unserem Tisch. Lisa saß auf meinem Schoß und er ließ sich neben mich fallen. Seine Hand rutschte auf meinen Oberschenkel. Einfach so. Und als er immer weiter an die Innenseite des Schenkels kam und Lisas Po nicht mehr weit weg war, schlug ich seine Hand fort: „Was soll das?!“ – „Ich liebe kleine mollige Frauen“, sagte er, als wäre das eine Rechtfertigung. Geschweige denn die Wahrheit. Keine von uns war mollig. Aber er sehr betrunken.

Entschuldigt der Alkohol das Verhalten? Der 15jährige Kopf nickt und hakt es als nervende Anmache ab.

Insta*ziert

Über unsere Schule gab es eine Instagramseite. Eine mit angeblichen Schülerbeichten über ach-die-schlimmen Lehrer. Ganze Lehrernamen standen online und es wurde über sie hergezogen. So macht man das ja, weil Lehrer keine Menschen sind. Und keine Gefühle haben.

Ich schaute mir an, wer likte und kommentierte und fand zu viele aus meiner Klasse, als dass ich nicht geahnt hätte, woher der Wind weht. Außerdem hieß eine Beichte von letzter Woche, als ich krank zuhause war, wie toll es ist, wenn Unterricht ausfällt und wie „kake“ dann aber Vertretung sei. Gerade an dem Tag, an dem meine Klasse die erste wegen mir frei hatte …

Also schrieb ich alle Beichten mitsamt Fehlern ab und diktierte sie heute der Klasse. Ich fing mit einer der älteren an und ließ alle Schüler, die sie gelikt hatten, aufstehen. Dann erklärte ich, woher der Text kam und wieso die Schüler standen. Und ich diktierte noch drei weitere. Die letzte hatte mich, wie ich zugab, besonders geärgert, weil unsere Schule als ganz korrekt, die Lehrer aber als behindert bezeichnet wurden.

Schließlich sammelte ich die Texte ein und stand nun mit dem Packen vor 28 Schüleraugenpaaren und erklärte: „Ich werde jetzt eure Rechtschreibfehler mit denen aus dem Account vergleichen. Dadurch werde ich den Kreis der Schuldigen eingrenzen. Ihr könnt es mir heute auch so beichten. Wenn ihr es mir nicht sagt und ich es über die Rechtschreibung nicht deutlich rauskriege, lasse ich mir von Instagram die IP-Adresse geben. Wegen den und den Sachen bin ich mir sehr sicher, dass einer von euch es war. Wahrscheinlich N., denn viele Follower der Seite haben ihren Nachnamen.“

Zerknirscht stellte sich N. am Ende der Stunde mit zwei weiteren Übeltäterinnen. Ich hätte auch Sherlock werden können.

Der Pfeifer

Als ich vorgestern zum Tennis gegangen bin, saßen an einer Bushaltestelle drei Typen, die mir nachgepfiffen haben. Gestern standen sie an der Bushaltestelle an der weißen Kirche und heute waren zwei, David und Sebastian, vor mir an der Kasse vom Rewe. Sie versuchten mich blöd anzumachen, bis der eine sagte: „Die hat wohl schöne Augen!“

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Blicke

Es gibt Fluchten und Blicke, die ich vermissen werde, wenn wir hier ausziehen. Und das wird schon in weniger als einem Monat der Fall sein. Natürlich: Wir ziehen ins eigene und zwar in das, das uns nach zwei Jahren Suche endlich so gefiel, dass wir sogar das Land dafür wechseln. Und ja, es wird schön werden, weil wir es uns immer schön machen, aber ein bisschen Wehmut ist dabei. Auch wenn die Katze mitkommt und es im neuen Haus sicherlich wieder schafft, sich hübsche Stellen auszusuchen, um sich photographisch ins rechte Licht zu rücken … Wir haben trotz aller Probleme (Nässe und Schimmel im Schlafzimmer und Modergeruch aus dem Keller) hier gerne gelebt. Und ich bin sowieso jemand, der sich nur schwer verabschieden kann.