Die Frau fürs Leben

Gefunden hatte er sie schon mit 14. Die Frau fürs Leben. Jugendbeziehung bis zum Abitur. Dann die Trennung. Aber sie blieb die Eine. Und er blieb ihr Einer. Weil. Das so war. Vom Gefühl her war das so.

Er hatte nicht erwartet, dass eine Andere kommen und ihren Platz stehlen würde. Und das tat auch keine. Und so ließen sie sich Freiräume, ließen sich andere kennenlernen, andere küssen, mit anderen ins Bett gehen. Immer mit der Sicherheit im Hinterkopf: Es gab die eine Person, die sie heiraten würden, bereits in ihrem Leben.

Manche fanden das krank und komisch, aber zwischen ihnen war diese tiefe Normalität, dieses Selbstverständnis, die gleiche Wellenlänge. Sie wären ein wunderbares Ehepaar, dessen waren sie sich sicher.

Und so heirateten sie in einem angemessenen Alter. Erst vor dem Staat. Dann vor der Kirche. Und drei Monate später reichten sie die Scheidung ein. Sie hatten vor lauter Selbstverständlichkeit vergessen zu beobachten, ob sie all die Jahre später immer noch die gleiche Wellenlänge hatten. Hatten sie nicht. Und er hatte nicht aufhören können, andere zu küssen, weil auch das eine Gewohnheit in dem Zwischenihnen gewesen war. Aber als Ehefrau wollte sie es nicht mehr tolerieren. Und er auch nicht. Irgendwie er auch nicht.

Drei Jahre später heiratete er die nächste Frau fürs Leben.

Die Welle

Es ist ein gutes Leben, das ich habe. Und manchmal ist Angst da, weil es so gut ist, aber das Leben doch eigentlich in Wellen abläuft, und manchmal erwarte ich Negatives. Darum. Und dann sage ich mir: Alles bleibt gut. Und das bleibt das meiste auch.

Von vorher bis früher

Aha. Aha. Und dann du. Mein Atem stockt. Du. Du bist es. Kein Aha mehr, nur ein Knoten in der Brust. Vor dir zu stehen und zu sehen, was die Zeit aus dir gemacht hat und dass sie mit mir besser umging als mit dir. Oder als du mit dir selbst.

Du siehst mich nicht und ich zögere. Will ich, dass du auf mich aufmerksam wirst? Dass wir reden? Dass wir … Was würden wir machen? Was würden wir sagen? Smalltalk betreiben, den wir immer hassten, über den ich mich bei anderen und dir stets lustig machte? Oder wäre die ehrlich gemeinte Frage, wie es dir geht, schon kein Smalltalk mehr?

Da krächze ich den Gruß mit deinem Spitznamen, räuspere mich und versuche es erneut. Mit deinem Namen diesmal. Den früher nur ich nutzte. Du drehst dich um. Bevor du mich siehst, bin ich mir schon sicher, dass du mich erkannt hast. Meine Stimme und dein Name all die Jahre später reichten aus, damit du weißt, nach welchem Haarschopf du Ausschau halten musst.

Ein Lächeln zieht sich über dein Gesicht, funkelt aus deinen Augen heraus. Ich will es nicht sehen, dieses Lächeln. Es hat mich fertiggemacht. Zu oft. Immer. Und macht mich doch glücklich. Darum lächle ich zurück. Diese ersten Sekunden, diese ersten Augenblicke … Sie saugen mich hinein in früher, in all das einfach Komplizierte zwischen uns.

Und es wird kein Smalltalk sein, den wir betreiben werden. Du und ich können vieles miteinander nicht. Lügen gehört dazu.

Silberbrücken

Von Inverness runter in die Ruhe hinein. Hier sind nur das Schnurren des Motors und ich und ab und an ein, zwei oder mehr Hochlandrinder und Schafherden. Menschen? Selten. Vielleicht sollte ich die Tour unter Humanetox verkaufen. Kein so gutes Wortspiel mit dem allgegenwärtig zu sein scheinenden Begriff Detox, aber an die Frau bringen würde ich es sicherlich.

Manchmal steige ich aus, einfach nur so. Meine Reifen lassen den Straßenrandsplitt beim Bremsen wegspritzen, während ich so nah es geht an den Rand fahre, um die Straße möglichst breit zu lassen. Und dann wundere ich mich kurz, ob ich da wieder wegkomme und wen ich anrufen müsste oder ob mich ein netter Schotte anschiebt und ich mich in ihn verliebe und für immer hier bleibe, ehe ich den einen oder den anderen Blick einsauge und wieder weiß, dass ich eigentlich nur mich selbst brauche. Erst einmal brauche ich nur mich selbst.

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Von irgendwoher glaube ich ein Dudeln und Fiedeln zu hören, aber das ist wohl nur meine Einbildungskraft, die die schottischen Klischees abruft. Oder war da doch was?!

Während

Ich habe aufgeschrieben, was du mir erzählt hast, würde ich sagen, habe es so wiedergegeben, wie du es mir berichtetest. Ohne dass deine Gefühle durchscheinen. Also fast ohne dass. Erahnen kann man sie, so wie man sie immer bei dir erahnen muss. Musste. Wie bei mir. Wohl auch wie bei mir. Wir sind nicht Hallo-hier-sind-wir-Menschen, sondern eher reserviert. Du mehr als ich, denn du blockst vieles ab. Immer schon. Darum wusste ich, wusste, als du mich Schatz nanntest, dass es zu Ende geht, wusste es beklemmender als zuvor.

Es ist ein langer Abschied von einem langen Leben. Erst fiel es dir schwer aufzustehen, dann zu lesen, dann zu essen, nun zu atmen. Jeder Atemzug ist ein kurzes Aufbäumen, eines ohne Kraft. Eines mit dem Wissen: Bald.

Ich habe aufgeschrieben, was du mir erzählt hast. Und ich wünschte, ich läse es dir vor, während aus Bald Jetzt wird, denn ich wünsche, dass du nicht allein bist, während du gehst.

Dunkel

Es ist dunkel und du möchtest nach etwas fassen. Vorsichtig strecken sich erst deine Finger, dann deine Hand aus und du greifst in die Leere um dich herum. Ein Zittern fährt dir über den Rücken, lässt dich zusammenzucken, als hättest du Angst vor dir selbst, deine Hand schnellt wieder zurück. Du ringst mit dir selbst, mit deinem Wissen darum, dass nichts um dich ist außer der Dunkelheit, dass du vortreten und mehrere Schritte tun kannst, ehe das erste Hindernis käme. Aber deine Kehle wird enger und drückt auf deine Luftröhre und du schnappst einmal, zweimal, bis du dich zwingst, tief einzuatmen, um wieder Sauerstoff dahin zu bringen, wo ohne ihn das Dunkle zur Schwärze übergegangen wäre.

Du musst die Angst besiegen, die unaufhörlich die Überhand gewinnen kann, musst sie einkesseln in dir mit irgendetwas Gutem, dem Glauben an dich und deinen Verstand. Aber Wissen ist etwas so ganz anderes als Fühlen, weil letzteres eingegraben ist in den Tiefen des Bewusstseins und es in Schatten Figuren zu erkennen vermag, die es dem Verstand als wahrhaftig eingibt. Es ist alles in deinem Kopf. Alles. Und das macht es so bedrohlich.

Regennebel

Ich fahre weiter. Ich. Und es ist ein bisschen wie im Dunst – was am schottischen Regennebel liegt, aber auch an meiner schwankenden Stimmung: Von Erleichterung über Traurigkeit über Freude über Einsamkeit ist an diesem Tag alles dabei. Vielleicht ist der Abschied von Alex noch schwerer gewesen, weil er aus allen Wolken fiel. Er kam gestern mit seinen Ideen für unsere nächsten Stopps zu mir, hatte sich bei Sam Infos eingeholt, Carol nach „typischen Frauensachen“ gefragt und sogar schon Hostels und B&Bs rausgesucht. Und da stand er, Unternehmungslust in den Augen und hörte von mir „Ich kann nicht.“ So viel also zu den typischen Frauensachen …

Ich habe versucht, es ihm zu erklären. Aber zu verstehen schien er mich nicht. Sein Geflirte mit den Mädels, das wäre eben lediglich das; seine kühle Schulter zu mir, das wäre doch besser erstmal. Ja, vielleicht. Aber so macht das Reisen keinen Spaß.

Also mache ich mich alleine auf die Suche nach Nessie und wandere am Loch entlang, ehe ich weiter in den Norden fahre. Und abends, nach all dem Zweifel und all dem Hin und Her in meinem Kopf und all dem Dunst, zu diesem Bild ankomme:

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Und irgendwie ist die Welt wieder besser.

Aufbegehren

Du hast alles immer richtig gemacht und geplant, wie es gekommen ist. Das ist deine große Stärke: So hart an allem zu arbeiten, dass Dinge, die du dir vornimmst, eintreffen.

Besser in der Schule als deine Schwester werden: Check. Das schwerste mit Auszeichnung zu bestehende Studium mit Auszeichnung bestehen: Check. Im ersten Jahr 80.000 Euro verdienen und davon ziemlich viel Geld in die erste eigene Wohnung stecken: Check. Einen Mann mit einem sicheren Einkommen finden und mit ihm ein Haus bauen: Check. Und das erste Kind bis 30 haben: Check.

Und bei all dem hast du viel Liebe gegeben und viel Liebe bekommen. Dein Leben ist ein wahrgewordener Traum.

Nur dein Körper, der hat das offenbar nicht so gesehen und nicht mitgespielt: Er hat Hautekzeme entwickelt, Gelenkentzündungen ausgebrütet und Haare in Kreisen abgestoßen. Was er dir damit sagen wollte? Dass das eine, was in deinem Leben fehlt, Durchatmen ist. Und ohne das wirst du nie 100% glücklich werden, denkt sich dein Körper und übergibt sich.

Reisefrust

Alleinsein unter Menschen. Um dich herum schwirren sie in Eifrigkeit oder lungern auf sämtlichen Sitz- und Liegemöglichkeiten, sie kreisen dich ein, mitten drin bist du. Und doch alleine. Dieses tiefe Gefühl in dir, dass du zu keinem wirklich gehörst, dass alle, die dich wirklich mögen, hunderte von Kilometern weg sind, es frisst sich hinein und beißt sich in den untersten Schichten deines Seins fest.

Große Reise, neue Leute, tausende Augenblicke. Du bist raus aus deiner Welt und nun musst du weg von hier. Also erst mal in die Stadt. Vielleicht wird es helfen.

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Aber es hilft nicht.

Und da stehst du dann und entscheidest. Und nachdem du entschieden hast, kriecht das Lächeln zurück auf dein Gesicht.

Qual

Und manchmal muss man ein bisschen Luft holen, muss dem Reisen eine Pause setzen und an einer Stelle länger bleiben, weil das Gefühl des normalen Lebens so beruhigend wäre und es fehlt.

Darum streiften wir Hadrians Mauer bloß mit Blicken und zogen fort nach Glasgow, wo wir für eine Woche bei Sam und Carol und anderen untergekommen sind. Und anderen, da es kommunale Elemente in dem fast baufälligen Haus gibt, die ich täglich mehr ablehne. Nicht nur, weil sie mit meiner Realität und Normalität nichts zu tun haben, sondern weil ich spüre, wie Alex mir entgleitet. Nicht, dass ich mich schon mit Klauen versuchte, an ihm festzuhalten, aber ich merke, dass ihm diese Art des Lebens zusagt, die so gar nicht meine ist, dass er die Blicke der beiden Freundinnen vom Nachbarzimmer aufsaugt und sich in ihrem Kichern badet.

Und ich halte es nur aus, weil der morbide Charme des Hauses meine Stimmung so passend widerspiegelt und mir die Fragen nach dem Sinn dort leichter fallen zu beantworten. Es hat keinen. Das mit Alex und mir. Es hat keinen.