Lebenszustand (Ungebundene III)

Und er erwachte erst wieder, als der Wagen anhielt und sie den Zündschlüssel abzog. Er hatte keine Ahnung, wo er war. Nicht bei ihr zuhause, nicht bei seinen Eltern. Nicht vor irgendeinem McDonalds und nicht vor irgendeiner Disco. Stattdessen konnte er das Meer sehen. Das Meer! Sie hatte sie auf irgendeinen Parkplatz ans Meer gefahren. „Wo sind wir?“

„An der belgischen Küste.“ – „Ah.“ Eine dreistündige Autofahrt dürfte das in etwa gewesen sein. Das erklärte die Dämmerung. „Was soll ich hier?“

„Vom Selbstmitleid wegkommen.“ – „Bitte?“ – „Du hast schon gehört“, mit diesen Worten verließ sie den Wagen und reckte sich.

Er blieb verdutzt vor sich hinstarrend sitzen. Selbstmitleid? Er? Nur weil er ein bisschen über seinen Job, über sein mangelndes Glück bei Frauen und sein Alter rumkümmte? Das war doch kein Selbstmitleid, das waren lediglich Feststellungen über den Zustand seines Lebens. Wie kam sie dazu, ihn nach hier zu verfrachten? Was dachte sie sich dabei? Immerhin hatte er heute was vorgehabt. Er musste seine Wäsche machen und seine Wohnung aufräumen, er musste Emails schreiben und seine Urlaubsfotos abholen. Und heute Abend war er mit Kai verabredet. Also… Aber heute Abend würden sie ja auch sicherlich wieder zuhause sein. Oder? Oder nicht?

Freibadtag

Auf die Liegewiese zu der Clique, Badetuch ausbreiten, Klamotten runter, Höschen und Oberteil zurechtzupfen, quatschen, ne Runde im Wasser zocken, den Jungs und Karina beim Springen zusehen, zurück auf die Handtücher, Karten spielen, Pommes kaufen, wieder ins Wasser oder nur ans, die anderen beim Plantschen beobachten, immer wieder rüber zum Springerbecken schielen, weil Simon nun einmal da ist und jedem Köpper ein Aus-Dem-Wasser-Hochziehen folgt, mit einem Sprung ins Eiswasser abkühlen, zu den Handtüchern zurück, ein bisschen lästern, ein paar Runden Karten, ne Tüte Süßes kaufen und dann das Zeug zusammenraffen, weil die Gewitterwolken, lange ignoriert, über uns gezogen sind und warmen Starkregen auf uns prasseln lassen. Die Durchsage des Bademeisters schmeißt auch die letzten Schwimmer aus dem Wasser, dann sprinten wir schon über die Liegewiese zu den Umkleiden, während über uns Donner und Blitze hinwegjagen.

Auf den Tag!

Hat schon mal jemand davon geschrieben, was für ein schöner Tag heute ist?! Ja? Nein? Oder haben wir nur wieder in tiefsten Gefühlen und schrecklichsten Nachrichten gekramt?

Es ist ein wundervoller Tag! Sonne, frühsommerblauer Himmel, leichte Brise, Meisen und Spätzchen in unserem Stadtgärtchen, entspannte Schüler, Besuch von Freunden, gutes Essen … All das kommt zwar zusammen, aber jedes für sich könnte schon einen Tag verschönern.

Und bei euch so?!

Entführung – Der Ungebundene II

Zuhause sah er eine Gestalt gegen seine Hauswand lehnen und erkannte sie fast instinktiv. War irgendetwas passiert? Seine Schritte beschleunigten sich und der Nebel in seinem Hirn lichtete sich ein wenig: „Was ist los?“ fragte er, kaum dass er sie erreicht hatte.

Sie musterte ihn von oben bis unten und sagte ruhig: „Ich möchte, dass du mit mir kommst.“ – „Wohin?“ – „Keine Sorge, nicht weit weg“, dann nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her. – „He, warte mal. Ich will eigentlich nur noch ins Bett.“

Das ließ sie anhalten und etwas zickig sagen: „Wenn ich mitten in der Nacht bis nach Köln komme und eine halbe Stunde vor deiner Haustür warte, dann kannst du annehmen, dass es nicht unwichtig ist, was ich von dir will, oder?“

„Dann sag es mir doch einfach.“ – „Nein. Warte ab.“ – „Wie du schon sagst: Es ist mitten in der Nacht.“ – Sie nahm ihn wieder bei der Hand und setzte den Weg zu ihrem Wagen fort: „Wir sind Freunde. Die können sich auch schon mal mitten in der Nacht brauchen.“

Daraufhin schwieg er, denn es stimmte. Bisher war es zwar noch nie vorgekommen, aber vermutlich hatte sie Recht. Außerdem war er zu betrunken und fertig, um sich angemessen zur Wehr zu setzen, darum ließ er sich nur auf ihren Beifahrersitz fallen und schloss die Augen. Allerdings hielt er sich wach, bis er mitbekommen hatte, dass sie die A4 erreicht hatten und Richtung alter Heimat fuhren. Da wusste er in etwa, wo sie landen würden, und weil er so müde und kaputt war und weil er ihr vertraute, kämpfte er nicht mehr gegen die Müdigkeit an, sondern ließ sich von den rhythmischen Geräuschen ihres Autos in den Schlaf brummen.

Knackse – Der Ungebundene I

– Er – 

So müde, so schlapp, so ausgelaugt. Er konnte kaum noch seine Augen offen halten oder die Beine gerade vor sich hin setzen – was auch am Alkohol lag, natürlich. Am Alkohol und an der dauernden Mattheit, die er in sich fühlte, die sich in seinen Körper gekrochen hatte und nie mehr ganz aus ihm weichen wollte.

Es war Freitag und er hatte morgen noch einen weiteren Abend mit viel Bier und hoffentlich guter Musik vor sich. Oder sollte er verzichten? Auf die Chance, sich durch die Musik besser zu fühlen, für einige Stunden seinen beschissenen Job, sein halb ausgefülltes Leben zu vergessen. Auf die Chance, von einer Frau aufgerissen zu werden, die ihm ausnahmsweise einmal wieder vollkommen gefiel?

Wie viele hatte er in den letzten zwei Jahren kennengelernt? Er konnte es nach all den Jahren nicht mehr nachhalten. Die Dating-Regeln waren im Laufe der Zeit andere geworden. Und sie spielten ihm zu, denn oft waren es dabei die Frauen, die den ersten Schritt machten und er musste nur noch auf sie reagieren. Zugegeben: Auf die meisten reagierte er positiv, weil er auch ein wenig dankbar war, wenn er angesprochen wurde. Irgendwann hatte es diesen enormen Knacks in seinem Selbstbewusstsein gegeben und er hatte viel von seinem Glauben an sich verloren. Er hatte sich zurückgezogen, war unsicher geworden und ließ sich lieber aufreißen, als selber eine Wahl zu treffen. Offensichtliche Knackse im Selbstbewusstsein – war das nicht eher eine Frauenkrankheit?

Kopf auf Schulter und durchatmen. Weil ich bei dir zuhause bin. Und weil alles, was du und ich zusammen sind, glücklich macht.

Der Alki und die Scheinheilige

Ein Mann, ungefähr 30 und stark alkoholisiert, der verhasste Biergeruch klebt an ihm, setzt sich im Bus neben mich. Weil ich mich für tolerant halte, rutsche ich keinen Platz weiter. Es reicht nicht, dass er riecht, als hätte man ihn mit Bier übergossen, nein, er muss sich auch noch eine Dose öffnen und zu trinken beginnen. Unverständliches Gemurmel kommt aus seinem Mund, aber ich mache Worte wie „unfair“ und „dumm“ aus. Scheinbar regt er sich über einige Menschen auf. Aber ja nicht über mich, denn ich bin schließlich tolerant.  ‚Ob andere Menschen sich einen anderen Platz gesucht hätten?‘, frage ich mich und klopfe mir insgeheim auf die Schulter. Ich brauche keinen anderen Platz, ich ertrag das schon.

Weiterlesen „Der Alki und die Scheinheilige“

Für die Goldene Regel

Ich war nicht Charlie, fühlte kein großes Erschrecken nach Paris oder Berlin und klagte nicht um den Libanon, den Irak, die Türkei oder all die anderen Anschlagsorte … Aber meine Augen sind feucht und mein Gefühl ist Wut bei Bildern aus dem Jemen und nach dem Anschlag von Manchester. Weil es hier vor allem die Kinder und Jugendlichen sind, deren Sicherheiten zerstört werden.

Sie können am wenigsten für das, was ihre Welten nun zerschlägt, haben keinen Einfluss auf das, was Erwachsene entscheiden, keine Mitbestimmung über die, die herrschen, keine Wahl, was ihre Religion angeht. Sie sind einfach nur. Aber man lässt sie nicht sein. Man lässt sie hungern, lässt sie verzweifeln, lässt sie sterben, um Machtgelüste zu befriedigen, um … für Hirngespinste zu kämpfen. Weltenbrand im Namen von irgendwelchen Irren, die meinen, die Formel für ihre Glückseligkeit zu kennen. Und wenn sie dafür über Leichen gehen müssen – na denn … War schon immer so, kann man schulterzuckend sagen. Wenn es nicht die Religion ist, ist es was anderes, sind es die Tyrannen, die Diktatoren, die ach-so-gut-meinenden Emporkömmlinge, denen es blendend geht, während ihr Volk leidet.

Wie viel wichtiger heute war meine Geschichte von gestern über den Jungen, der vor dem IS floh, und dem Popmusik hörenden Mädchen, das sich in ihn verschossen hat. Und all die Geschichten davon, dass wir Kindern und Jugendlichen hier die Möglichkeit eröffnen, trotz allem, was sie erlebt haben und was sie nachts quält, einen Teil ihrer normalen Jugend, nämlich die erste Liebe, die ersten Eifersüchteleien, Freundschaften, Fußball, Probleme und Erfolge in der Schule, Popmusik … und ja, trotz allem ein Gefühl von Sicherheit und Frieden zurückzugeben.