Nur dabei

Sie kam nicht raus aus der Rolle, die sie immer, immer schon inne hatte. Die der guten Freundin. Stets war sie gut, aber nie die beste. Stets war sie Freundin, aber keine feste. Sie wusste nicht, was sie ändern sollte, konnte, wollte, damit sie als Mensch wirklich für die anderen zählte.

Als Anhängsel wurde sie mitgezogen, in der Sphäre der Coolen wurde sie geduldet, weil sie etwas zur Gemeinschaft beitrug, aber sie war nur dabei. Am Rand irgendwo. Und einsam unter all denen, die einen so leichten, lockeren Umgang miteinander hatten.

Schon immer war es so gewesen und selbst mit 58 kam sie aus dieser Rolle der netten, dicken Freundin nicht raus. So freute sie sich über Brotkrumen, die ihr das Alphafrauchen zuwarf und hoffte aus tiefstem Inneren, dass es vielleicht doch eine wirkliche Freundschaft war und sie nicht vergessen werden würde, kaum dass die andere sich umdrehte.

Lieblingsmode

Hätte man mich gefragt, hätte ich nur abfällig den Kopf geschüttelt und behauptet, dass sowas nicht Mode werden würde. Mit großem Fragezeichen über dem Kopf bin ich vor fünf Jahren neben einer Freundin her durch die Stadt gegangen, während sie, knallenge Hosen, Überknöchelschuhe, die Haare zum Hipsterdutt tragend, sich in eine Vintagetasche aus den beginnenden 80ern, aus gestepptem, braunem Leder und mit vergoldetem Gurt verliebte. Das kann sie nicht ernst meinen, habe ich gedacht. Und Tage später über die unmöglich gemusterte, viel zu große schwarz-weiße Strickjacke gelacht, die sie sich dann dazu kaufte. Zwar fehlten Schulterpolster, aber viel zu breit wirkten ihre Schultern in ihr doch. Und viel zu dünn die Goldkette des Täschchens.

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Der Wolf und der Zaun

Habe ich euch nicht immer gut beschützt und euch auf die grünsten Wiesen geführt, fragte der Wolf die Schafe. Ja, ja, nickten sie, das hast du getan. Nun werde ich einen Zaun um die grünste Wiese bauen, um euch noch mehr Sicherheit zu geben. Ja, ja, sagte etwas mehr als die Hälfte der Schafe und jubelte, während der Wolf den Zaun errichtete.

Sonntagszeit

Der Regen prasselt herunter, trippelt auf der Kapuze und setzt sich langsam in der offenbar grundlos teueren Regenjacke fest. Er zieht die Nase kraus und hasst sich ein bisschen dafür, dass er nicht früher nach Hause gegangen ist, bevor die Himmelstränen einsetzten, und als er noch die erhobenen Hauptes den Baggerschuppen hätte verlassen können, weil es seine Entscheidung und nicht die der Türsteher gewesen wäre.

Und weil er so betrunken schien, hat er kein Taxi bekommen. Also hat er sich irgendwo hingesetzt und ist eingepennt. Und nun steht schon über irgendeinem Ort, der deswegen viel schöner ist als diese verdammte Stadt, die Sonne, doch ihn weckte eben bloß der Regen und treibt ihn nun unter sich her. Vielleicht nach Hause. Vielleicht.

Vielleicht auch nicht. Denn was erwartet ihn da? Eine Frau, die er immer nur halb wollte, ein Kind, das er eigentlich gar nicht wollte, vor allem nicht von dieser Mutter, aber das er liebt. Natürlich tut er das. Dennoch. Manchmal hebt er die Hand und wendet sich erst in letzter Sekunde ab. Es ist nicht das Kind, nicht die Frau, die Schuld an der Unzufriedenheit in seinem Leben sind. Es sind die Entscheidungen, die er traf, mit zu vielen illegalen Substanzen im Blut, und zu denen er nun nicht steht. Aber auch die Drogen können keine Ausrede sein, denn schon die Entscheidung für sie war eine falsche. Aber die leichteste. Um zu fühlen, um ein wenig glücklicher zu sein, um sich Hoffnungen vorzugaukeln und sich einzureden, dass Träume nicht verloren sind. Doch sie sind es.

Von irgendwoher windet sich der Geruch nach Ofenbrötchen durch den Regen zu ihm hin, von irgendwoher ertönt Glockengeläut und von irgendwoher erscheint ihr Bild vor seinen Augen. Sie, die mit so vielen seiner Träume verbunden war. Weil sie seine beste Freundin und vielleicht mehr gewesen ist, weil sie der Mensch war, der ihn verstanden und unterstützt hat, und dann irgendwann nicht mehr. Sie, die ihn hat abgleiten lassen in ein Leben, das er nicht hat haben wollen. Er zieht die Nase hoch. Nein. Auch ihr kann er keine Schuld geben.

Es ist Sonntagmorgen. Es wäre die Zeit, um in einem warmen Bett aufzuwachen, sich zu jemandem umzudrehen, den man liebt, Kindergetrappel zu hören, sich auf zum Bäcker zu machen, sich nachmittags mit Freunden zu treffen. Es wäre die Zeit.

Doch es ist eine andere.

Ringe (Andere Zeiten)

Keinen Ehering sah sie aufblinken und obwohl sie sich für modern hielt, schockierte es sie ein wenig, vielleicht wegen der zwei wundervollen Kinder, die den Mann und die Frau so eindeutig als ihre Eltern adressierten. Sie hatte immer von sich gedacht, dass sie progressiv wäre und offen. Auch sie hatte einmal eine Beziehung gehabt, von der sie geglaubt hatte, dass sie ohne Ehering in ihr glücklich werden würde. Aber als dann nach Jahren immer noch keiner an ihren Finger gesteckt worden war, hatte sie einsehen müssen, dass man das erhält, was man dem anderen möglicherweise unbewusst suggeriert, obwohl man das eventuell nur tat, um die andere Person zu halten.

In ihrem Herzen, das hatte sie anschließend gewusst, war sie bei weitem nicht so fortschrittlich gewesen, dass sie ohne dieses Zeichen der offiziellen Zusammengehörigkeit glücklich hätte sein können. Und als sie jenem Mann damals vorgeworfen hatte, dass er nie etwas Ernstes mit ihr im Sinn gehabt hatte, hatte er sie nur verwundert angesehen und gemeint: „Nichts Ernstes? Glaubst du das wirklich? Und hast du nicht immer gesagt, du brauchst keinen Ring?“ – Danach hatte es nie mehr sein können, wie es vorher gewesen war, und die Trennung war unvermeidlich gewesen.

Nun blickte sie auf die miteinander lachenden Eltern am Nachbartisch und fragte sich, ob nicht der einzige Mann, den sie für immer allumfassend hätte lieben können – und wollen, eben jener war, der ihr nie einen Ring gekauft und in theatralischer Geste überreicht hätte.

Wäre sie doch nur in ihrem Herzen tatsächlich modern gewesen …

Rangfolgen (Andere Zeiten)

Ein wunderschöner Tag. Sie erhob sich und schlenderte eine Weile durch die Stadt, ehe die alten Knochen, schon längst nicht mehr an viele Schritte hintereinander gewöhnt, eine Pause benötigten und sie sich auf die Terrasse eines Eiscafés setzte. Wenn sie sich richtig erinnerte, aber das war in ihrer Vergangenheit ja oft trügerisch gewesen, gab es hier das beste Eis der Stadt.

Neben ihr saß eine Mutter mit ihrer vielleicht zehnjährigen Tochter an einem Tisch mit leeren Eisbechern. Bezahlt hatten die beiden offensichtlich auch schon, doch Anstalten sich zu erheben machten sie nicht. Und es lag nicht am Unwillen der Tochter, sondern an etwas, das die Blicke und Finger der Mutter gebannt hielt: Jenes kleine schwarze Ding, jenes Mittel der Kommunikation, das der alten Dame schon vorher aufgefallen war. Ein Telefon schien es nicht zu sein, aber irgendwie erreichten die Mutter wohl Nachrichten, auf die mal mit zusammengezogenen Brauen, mal mit einem Zucken der Mundwinkel reagiert wurde.

So ging das fünf Minuten, sieben Minuten, einen ganzen neuen Eisbecher lang: Die Mutter ließ sich nicht von dem Kommunikationstablett ablenken und die Tochter schien es besser zu wissen, als Ansprüche auf Unterhaltung oder auch nur auf Beachtung anzumelden.

Seltsam diese scheinbare Rangfolge. Oder war es nur eine nicht-verallgemeinerbare Momentaufnahme? Sie hoffte es doch sehr.

Körpergefühl (Andere Zeiten)

Ein Kleinlaster auf dem Weg zu einer Dessouskette ratterte auf dem Kopfsteinpflaster an ihr vorbei. Ihre Blicke folgten der Frau auf der Seitenwand, die sich lasziv auf weißem Fell ausstreckte und ihre unnatürlich langen Beine in den Himmel reckte. Ein kleines Lächeln huschte da über ihr Gesicht und verschob ihre Falten fast vor die Augen: Ach, noch einmal jung sein und sich einbilden, man müsse so aussehen, wie irgendwelche Werbegestalten …

Dabei kam es nie auf die Rundungen oder Nicht-Rundungen des Körpers, nie auf die Zartheit der Haut, nie auf den Glanz der Haare an, sondern stets nur darauf, ob die Freude am Dasein aus dem Innersten schien, ob man mit dem, was einem die Natur gegeben hatte, umzugehen wusste. Leggings bei Stempeln und bauchige Oberteile bei großem Busen demonstrierten das aber gerade nicht.

Als Modistin früher hatte sie durchaus auf ihren Körper Wert gelegt, hatte gesund gegessen und sich ohne Auto durchs Leben bewegt. Aber hungrig hatte sie nie ausgesehen, dafür war sie zu gern Frau gewesen: Sie hatte ihre Hüften durch die Stadt geschwungen, hatte ihr Haar vom Wind verwirbeln lassen und den Menschen entgegengelacht.

Natürlich hatte es auch damals schon Jammerfrauen gegeben, nämlich solche, die zu viel Zeit hatten, sich über zu Nichtiges Gedanken zu machen. Und natürlich hatte es, gerade als Folge des Wirtschaftswunders, bereits zu kräftige Frauen gegeben, die die Finger von Zucker und zu viel Fett hätten lassen sollen. Aber in ihrem Umfeld hatten die Frauen sich zu kleiden gewusst, hatten aus mancher fehlenden und mancher ausgeprägten Rundung das Beste gemacht. Und nur darauf kam es an, oder? Das Schönste aus einem gesunden Körper und das Beste aus dem eigenen Leben zu machen.

Proletenmode (Andere Zeiten)

Plötzlich knirschte es hinter ihr und irgendjemand schien einen Urwaldbewohner nachzuäffen. Sie wandte ihren Oberkörper langsam in die Richtung und sah zwei junge Männer, unmöglich angezogen. Aber das hatte natürlich die ältere Generation stets über die jüngere gesagt. Dennoch: Sie war vom Fach. Jahrzehntelang hatte sie die Läufe der Mode verfolgt und Eigenes kreiert. Und sie konnte durchaus noch erkennen, was modisch und was dahergelaufener Proleten-Chic war.

Diese Jugendlichen vor ihr mit den größten falschen Brillianten im Ohr, die sie je gesehen hatte, mit Goldketten im entwachsten V-Ausschnitt und kneifenden Hosen, mit seitlich kurzgeschorenen Haaren und der gelackter Wasserwelle obenauf, mit gezupften Augenbrauen und gestriegeltem Bärtchen waren Proleten. Wollten sie mit den Brillies ihr nicht vorhandenes Geld, mit der Hühnerbrust ihre Unreife, mit dem überpflegten Äußeren ihre Eitelkeit zeigen? Männlichkeit war immer schon etwas anderes. Oder?

Die jungen Kerle marschierten mit O-Beinen und leicht vornübergebeugtem Rücken an ihr vorbei. Sie stießen sich in die Seiten, grinsten und deuteten mit ihren behaarten Kinnen über den Platz hinweg auf eine Blondine, die mit größter Mühe über die Pflastersteine stöckelte. Dann nahmen sie Fahrt auf und pfiffen laut. Pfeifen. Es gab Dinge, die sich in all den Lebensjahrzehnten nicht änderten. Und nie ändern würden.