Der Ungebundene V

Weil gerade Ebbe war, war es ein weiter Weg bis zum um fast einen halben Kilometer zurückgewichenen Meer – ok, eventuell kam es ihm auch nur vor, als wäre es ein halber Kilometer. Er stapfte über die Wasserlachen, Muscheln und Algenreste und ihm fiel das Mittelmeer ein, bei dem die Gezeiten nicht so krass waren, wenn man sie denn als überhaupt vorhanden bezeichnen konnte. Als er das Wasser endlich erreicht hatte und die erste Welle seine Füße umspülte, erinnerte er sich noch sehnsüchtiger an das für einen Tagestrip zu weit entfernte Meer, das um so vieles wärmer war als der kalte Atlantik. Es kostete ihn einiges an Überwindung mit dem gesamten Körper einzutauchen. Heute Nachmittag, wenn es ein bisschen wärmer war und er mit Isa Beachball gespielt hatte und sie beide ins Schwitzen gekommen waren, würde er die Temperatur vielleicht nicht mehr als ganz so schlimm empfinden. Nun aber huschte er schnell wieder zu seinem Handtuch zurück.

„Angenehm?“ – „Ja, warm“, log er. – „Hm, irgendwie erinnerst du mich aber an die FKKler an diesem See in Berlin …“ – „So genau kannst du das gar nicht sehen.“ Vor drei Jahren waren sie gemeinsam mit anderen Freunden nach Berlin gefahren. Sie hatten sich die heißesten Tage des Jahres ausgesucht und waren an einem Tag statt in die Stadt an einen kleinen See spaziert, der ihnen wegen des klaren Wassers empfohlen worden war. Und es war an dem Tag auch egal, dass das Wasser wirklich kalt war: Da der See fast von allen Seiten von dichtem Wald umgeben war, konnte er sich kaum aufwärmen. Jedenfalls hatten um den See herum viele FKKler gelegen, die in all ihrer Pracht an ihnen vorbeimarschiert waren – nur dass auf dem Weg zum See einiges an Pracht mehr da gewesen war als auf dem Weg zurück: Da war die Herrlichkeit durch die Kälte um ein paar Zentimeter geschrumpft.

„Ich habe eine lebhafte Vorstellung.“ – „Ja, ich weiß“, er kramte in der Tasche und beförderte das Buch heraus, das sie für ihn gekauft hatte. Erst als er Isa ihn darauf aufmerksam machte, dass er sich nun aber endlich eincremen müsse – womit sie vollkommen richtig lag, wie er abends mit Blick auf seinen Rücken feststellen würde – legte er das Buch das erste Mal weg.

„Du hast mehr als 50 Seiten auf einmal gelesen.“ – Er blätterte: „Stimmt. Ich glaube, ich entspanne.“ – „Gut. Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass du nicht mehr weißt, wie das geht“, sie setzte sich auf seinen Po und rieb ihm rasch den Rücken ein. Dann turnte sie wieder von ihm runter und ermahnte ihn: „Und vergiss nicht die Kniekehlen.“

„Nein, Mutti…“ – „Ja, lach nur… Aber wenn du heute Abend nicht mehr auf dem Rücken liegen kannst, dann werde ich am längsten lachen.“ – „Gehässiges Weib.“ – „Dummer Kerl.“

Dumm? Vermutlich war er das. Dumm war zum Beispiel, dass er so offensichtlich nicht wusste, was ihm gut tat, und er Isa brauchte, die es ihm zeigte. Dumm war, dass er ihre Gefühle nicht erwidern konnte, obwohl das sein Leben um so vieles einfacher gemacht hätte. Dumm war auch, dass er stets nur über sein Leben und seinen Job meckerte, sich aber nie konstruktiv bemühte, etwas zu ändern. Selbst wenn er einigermaßen passende Stellenanzeigen fand, überwand er sich doch nie, eine Bewerbung hinzuschicken. Er bewunderte Menschen, die an einem Tag drei oder vier Bewerbungen schreiben konnten und nicht einen ganzen Tag darüber nachgrübelten, wie sie das Anschreiben am besten formulierten. Isa, das wusste er, machte sich über das Anschreiben die wenigsten Gedanken, denn sie war der Meinung, dass die Personaler eh nur darüber hinwegflogen. Stattdessen legte sie Wert auf einen übersichtlichen und gut strukturierten Lebenslauf. Andererseits hatte sie auch erst vier Bewerbungen geschrieben und alle waren in Absagen gemündet. Deswegen arbeitete sie weiter für das Eventmanagement, für das sie schon während der Uni gejobbt hatte. Mittlerweile musste sie allerdings kaum mehr als Servicekraft mit Schürze einspringen, sondern koordinierte die Events.

Er drehte sich auf den Rücken und cremte sich umständlich seinen Bauch ein, dann richtete er sich etwas mehr auf, um auch seinen Beinen Schutz geben zu können: „Eincremen ist schon irgendwie unmännlich.“

„Als Frau für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, ist schon irgendwie unweiblich“, erwiderte Isa prompt und rührte nicht einen Finger, um seine Cremearbeit zu übernehmen. – „Wenn du nicht das letzte Wort hast…“ – „… dann bin ich nicht glücklich. Aber das bist du ja schon von mir gewöhnt.“

Ja, war er. Und es wäre nicht Isa, wenn sie nicht immer noch etwas zu sagen hätte. Mit Worten konnte er sie selten schlagen, aber beim Beachball spielte er sie später in Grund und Boden. Und unter Wasser tauchte er sie ebenfalls mehr als einmal. Als sie prustend an die Wasseroberfläche kam, sagte er: „Du bist echt ne richtige Frau.“ – „Warum?“ fragte sie und schlug mit der Hand Wasser in sein Gesicht. – „Wegen solcher Sachen.“

Schwupps, plätscherte auch noch ein Schwall aus ihrem Mund gegen seine Brust. – „Und ein Kind bist du auch“, stellte er fest. Dann packte er sie um die Taille und zog sie erneut mit sich unter Wasser. Da sie diesmal ihr vehementes Strampeln aufgegeben hatte, blieb ihr Körper gegen seinen gepresst, und sie trug den Sieg davon. Denn als sie sich von ihm löste und meinte „Ich geh raus“,  musste er sie ziehen lassen, um seinen Drang, sie gleich hier im Wasser zu nehmen, wieder unter Kontrolle zu bekommen. Und er wusste, dass sie es wusste, zumal sie sagte: “Du bist echt ein richtiger Mann…”

Am liebsten würde er laut seufzen, ächzen, brüllen … Wieso hatte er keine Kontrolle über sich, wenn sie bei ihm war? Sobald sie wenig bekleidet war, wollte er sie. In Discos und auf Feten ging’s, da war ihr Kontakt ja auch nicht so intensiv, aber hier?! Er kam sich vor wie ein Tier, so vom Instinkt getrieben. Verschlimmert wurde die ganze Sache noch dadurch, dass, egal wie läppisch sie rüberkam, er genau wusste, dass es ihr ähnlich ging. Sie hatten schon zu häufig darüber gesprochen. Und irgendwann hatte sie gesagt, dass sie sich – auch wenn er angezogen war – zu ihm hingezogen fühlte, und dass er sie nur mit dem kleinen Finger berühren musste, um ihr einen Hitzeschauer über den Rücken zu jagen. Ja, einmal hatte sie sogar befunden, dass ihr Körper offensichtlich der Meinung war, dass er ihr Kinder geben solle, denn anders könne sie sich seine Anziehung auf sie nicht erklären. Ziemlich instinktiv und tierisch also auch bei ihr.

Keine gute Idee, heute gemeinsam in einem Bett zu schlafen, aber verzichten wollte er auch nicht: Es war ein Spiel mit der Erwartung, der Hoffnung, und ein Spiel mit Hitze. Wenn er neben ihr liegen würde, später, wenn er nur Schemen erkennen konnte, und doch genau wusste, wer neben ihm lag, dann … dann hatte er Hitzewallungen wie sie. Eigentlich war die Erwartung fast noch das beste. Deswegen würde er die Erfüllung herauszögern, um … Nein, die Erwartung war toll, das Kribbeln war gut, aber wenn sie sich dann in seine Arme ziehen ließ und aus Erwartung Realität geworden war, um das Kribbeln zu stoppen, dann fing das richtig, richtig Gute erst an.

 

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