Räuber 6

Es war nicht nur dieser Tag, den sie gemeinsam verbrachten, es waren nahezu alle folgenden in den nächsten Monaten. Sie feierten Silvester, sie führten sich gegenseitig in ihre Freundeskreise ein, sie gingen schwimmen und machten Schneeballschlachten und freuten sich immer wieder, wenn sie einander sahen. Aber es blieb nicht zu übersehen, dass es ein Problem gab. Und es hatte mit ihm zu tun.

In der ganzen Zeit vorher hatte er sich nie Gedanken um Liebe oder so etwas machen müssen, weil es nie dazu gekommen war. Doch nun machte er sie sich. Er wusste, dass sie das Beste war, was ihm hatte passieren können und er wusste, dass er mit ihr zusammen sein wollte, so lange es nur ging. Immer noch kribbelte es in ihm, wenn sie ihm einen Kuss gab; und wenn sie ihn berührte, dann meinte er, dass er ausflippen müsste. In allem was sie tat, war sie genau richtig und niemand war besser. Das alles wusste er.

Doch er war nun einmal nicht gut im Lügen und er konnte auch sich selbst nicht belügen. Sein Problem fing donnerstags an und hörte sonntags auf. Wenn er sich mit Freunden traf, dann war es immer nur zu normal gewesen, dass sie etwas tranken. Und es war normal geworden, dass sie von Donnerstags bis Sonntags betrunken waren. Sie hatten keine Ahnung wie, aber sie schafften es immer. Und er, er war der Extremste. Der Allerextremste, denn auch wenn er „nur“ die Hälfte der Woche betrunken war, so trank er doch auch an den anderen Tagen. Darunter litt sein Abi und darunter litt auch er. Denn er wollte es nicht, aber es war normal. Zu normal, um darauf zu verzichten. Er mochte den Geschmack von Bier, von Tequilla und all dem anderen Zeug. Er mochte auch Gras, aber Alkohol war ihm lieber.

Wenn er sich mit Lotte traf, versuchte er es einzuschränken, versuchte gar nicht zu trinken. Das klappte in der Woche ganz gut. Doch wenn er sie nach Hause gebracht hatte, oder sie selbst nach Hause gefahren war, oder wenn er von ihr nach Hause kam, dann öffnete er sich sein allabendliches Bier und manchmal wurden auch zwei draus. Am Wochenende hatte er sich zwar über Tag unter Kontrolle, langte abends aber zu. Es war nicht richtig, und auch Lotte sah das so, aber sie hielt sich zurück. Anfangs hatte sie gar nichts gesagt und immer wenn sie dann mal etwas erwähnte, brauste er auf und motzte sie an. Früher war er nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen gewesen…

Ende März schrieb er die Abivorklausuren. Er bekam es kaum hin, vernünftig zu lernen und war froh, dass Lotte da war; Lotte, die ihn antrieb, die mit ihm Englischvokabeln paukte und Geschichtsdaten lernte. Sie kontrollierte seinen Schreibstil und beschaffte ihm kurze englische Aufsätze von ihrem Lehrer, zu denen er dann Aufgaben beantwortete. Kurz, sie half ihm, wo sie konnte. Und wenn er alleine sein wollte, dann verstand sie das. Es kam ihm vor, wie ein Verrat an ihr, wenn er sie bat zu gehen, nur um sich dann zwei Flaschen Bier aus dem Keller zu holen und sie zu süffeln, um sich hinzusetzen und entspannter ein paar weitere Vokabeln, ein paar bessere Ausdrücke vor sich hinzusagen, ein paar feinere Wendungen zu finden, um Dinge in Englisch auszudrücken. Mit Bier in der Hand sah er sich Dokumentarfilme über das Thema des letzten Halbjahres in Geschichte an und fand auch etwas Zeit, sich mit Mathe zu beschäftigen, wo Lotte ihm nicht wirklich helfen konnte.

Die Klausuren schaffte er befriedigend, was sich aber nicht mit seinen früheren Leistungen messen konnte. Er wusste, dass er besser war und dieses Wissen nagte an ihm.

Lotte selbst schrieb ebenfalls Klausuren, lernte kaum und hatte Zweien. Irgendwie war das alles nicht so, wie es sein sollte.

7 Kommentare zu „Räuber 6

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