Räuber 9

Am Abend traf er sich mit Lotte in der Fußgängerpassage. Sie wollten etwas trinken gehen.

Es war ein eigenartiges Gefühl, bei ihr zu sein und sie nichts wissen zu lassen. Direkt fühlte er sich schlechter. Er konnte nicht… Er konnte, er wollte sie nicht anlügen. Doch wenn er ihr die Wahrheit sagen würde, dann würde er alles viel schlimmer machen. Für sie und für ihn. Er wollte nicht, dass sie ihn verachtete. Er verachtete sich schon selbst genug. Schon längst war er nicht mehr der selbstsichere Typ, den sie kennengelernt hatte. Natürlich, irgendwie war er das, aber durch sie war er verletzbar geworden und es machte ihm Angst. Große Angst. Er hatte seinen Alkoholgenuss eindämmen wollen. Er hatte es nicht geschafft. Er hatte ihr zeigen wollen, dass er nur sie wollte. Er hatte versagt. Was spielte es für eine Rolle, dass er wirklich nur sie wollte, dass er wusste, was er an ihr hatte? Dass er noch nicht auch nur ansatzweise so empfunden hatte, wie bei ihr und dass er mit ihr das beste halbe Jahr verlebt hatte, das möglich gewesen war. Was spielte das für eine Rolle? Er war nichts, ein wertloses, ein schlechtes Nichts. Er hatte nichts, konnte nichts und würde nichts können. Sie verdiente alles. Und was tat er? Er ging ihr fremd… Also fasste er einen Entschluss. Er fasste den Entschluss zu lügen.

Sie sah ihn an, sah ihn aufmerksam an. Nichts entging ihr. Weder seine angespannte Haltung, noch seine zitternden Hände. Auch das Zucken um seine Augen prägte sich ihr ein und seine nervösen Bewegungen. Sie wusste, dass das was er ihr als nächstes sagen überhaupt nicht gut sein würde. Doch es überstieg ihre Vorstellung, was genau es sein könnte.

Lotte… Ich… Ich.. Bitte, lässt du mich ausreden und redest nicht dazwischen?“

Sie nickte.

Ich habe mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht. Über uns. Wir sind noch jung… Ich meine, was ist das für ein Alter, 18 und 19? Keines, oder? Ich hab gerade mein Abi und den Platz beim Zivildienst. Hab sogar ne Bude dort bekommen. Scheißzivi werde ich. Wie auch immer“, er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen: „Wir sind jung und na ja… Ich habe… Also versteh mich nicht falsch… Oh scheiße, es ist so schwer.“

Ich soll zwar nichts sagen: Aber was wird das hier? Wieso hast du mir keinen Kuss gegeben? Hast du Mundfäulnis? Und wieso druckst du hier mit dem Zivildienst herum. Ich weiß, dass du in ne andere Stadt gehst und dass mit der Bude weiß ich doch auch längst. Da haben wir schon drüber geredet. Was ist los?“

Simon fühlte sich so unwohl wie nie in seinem Leben zuvor. Sein innerer Kodex, seine Moralvorstellungen, verbaten ihm zu lügen. Aber er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen, weil er sie selbst nicht genau wusste. Das heißt, er wusste einen großen Teil der Wahrheit. Er wusste nur nicht das Warum hinter dieser Wahrheit. Und in seinem Hirn hatte sich in der kurzen Zeit nur eine sehr diffuse Vorstellung von diesem Gespräch und von all seinen Gefühlen, die damit zusammenhingen, gebildet. Und er war dieser Unklarheit in sich selbst ausgesetzt. Alles, was er wusste, war, dass er mit Lotte reden musste. Und wenn er mit ihr redete, würde er ihr wehtun. Er hasste allein den Gedanken daran. Weich spürte er ihre Wange unter seiner Hand und merkte erst dann, dass er sie streichelte. Erst dann wurde ihm bewusst, dass sie sich näher gekommen waren und auch die Worte aus seinem Mund hörte er zu spät: „Mundfäulnis? Bist du bescheuert? Als hätte ich so etwas“, und dann küsste er sie. So lange, bis er zurückzuckte: „Lotte, das ist nicht gut, ich bin nicht gut. Ich… Das mit uns beiden muss aufhören. Wir müssen Schluss machen. Bitte, ich will …“, er würde lügen, er wusste, dass er würde: „Ich will andere Frauen kennenlernen. Ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung. Alles was zwischen dir und mir sein wird oder schon ist, das ist alles schon viel zu viel. Es erdrückt mich, ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll und ich… Ich will meine Freiheit noch nicht aufgeben“, er stockte als er ihr Gesicht sah. Wie ein verwundetes Reh. Diese Augen. Sie hatte jedes Wort in sich aufgesaugt und er hasste sich: „Lotte, bitte, versteh mich nicht falsch. Du bist der beste Mensch der Welt, aber der Zeitpunkt ist nicht richtig, Wir haben beide noch so viel vor, wollen Länder sehen und die Welt bereisen. Und wir müssen doch beide noch unser echtes Ziel finden. Also was wir als Beruf machen wollen. Wir haben doch… Wir wissen doch nichts. Verstehst du? Du bist der wichtigste Mensch der Welt, aber ich kann nicht… Ich muss Schluss machen…“, weil er nicht mehr weiter wusste und weil er den Blick ihrer Augen nicht ertrug, wandte er sich rasch ab und ging. Ging in die Nacht, in die Straße hinein.

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