Räuber 1

Es war vor etwas mehr als sieben Jahren gewesen. Sie stand in einer Disco. Ein langweiliger Abend, eine langweilige Nacht, ein langweiliges Publikum. Und dann hatte er den Raum betreten. „Oh mein Gott. Was für ein ätzender Typ“, hatte sie sofort zu ihrer Freundin gesagt und ihn damit abgekanzelt. Doch aus irgendeinem Grund hatte sie immer wieder zu ihm hinsehen müssen.

Er gefiel ihr nicht, wirklich. Er hatte eine zu hohe Stirn, seine Augen wirkten seltsam, seine Lippen schienen zu weich und er hatte einen beginnenden Bierbauch. Wirklich, er war gar nicht ihr Typ. Und dann noch diese weiten Klamotten und die Kappe, die seine hohe Stirn nicht verbergen konnte.

Etwas später küsste er ein Mädchen und in ihrer Magengegend zog sich etwas zusammen. Sie wollte nicht, dass er ein Mädchen küsste. Und erst recht nicht so eine Skaterbraut in weiten Hosen mit verfilzten Haaren, so eine, die ganz anders war als sie selbst. Er begann, sich auf die Musik mit dem Mädchen zu bewegen und sah beim Tanzen aus wie ein Pinguin, der sich zu lange auf dem Land aufgehalten hat und dringend ins Meer zum Pinkeln muss.

Doch sie konnte ihre Augen nicht von ihm nehmen. Egal wohin er ging, egal was er tat, sie folgte ihm mit Blicken. Bis er mit dem Mädchen verschwand.

Ich gehe zum Klo und dann was zu trinken holen. Soll ich dir was mitbringen?“, erkundigte sie sich bei Natascha, aber die schüttelte nur den Kopf. Als sie an der Theke wartete, stand er plötzlich neben ihr. Er grinste sie breit an: „Na? Genug gesehen?“

Sie erwiderte seinen Blick: „Was soll ich denn gesehen haben?“

Mich.“

Sie rollte mit den Augen, eine Geste, die niemand so perfekt beherrschte wie sie: „Und was genau könnte mich an einem wie dir interessieren?“

Weiß nicht. Aber geguckt hast du.“

Ja, ich habe dich angesehen und mir gedacht, wie scheiße du aussiehst“, sie nahm ihr Getränk und kehrte zu Natascha zurück.

Was wollte der denn von dir?“

Keine Ahnung. Spinner.“

Ja, ein Spinner war er gewesen. Ein Spinner, der nicht locker ließ. Nur eine halbe Stunde später, gerade hatte Tascha sich zum Technoraum abgeseilt, stellte er sich wieder neben sie.

Jetzt ist die Frage, wer hier wen beobachtet“, grunzte sie. Er verwirrte sie. Es war die Art, wie er ihr nicht gefiel und wie er es doch tat. Es war die Art, wie er, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, neben ihr auftauchte.

Ich beobachte dich nicht. Ich interpretiere dich.“

Na, aber dafür musst du mich beobachten.“

Zweifellos. Ich wollte bloß dieses Wort ‚beobachten’ ein wenig erweitern.“

Gut, dass wir das jetzt klargestellt haben.“

Bist du immer eine Zicke?“

Ja, zu Typen wie dir schon.“

Und was genau sind Typen wie ich?“

Typen, die keinen Arsch in der Hose haben.“

Er grinste und zog seine Baggy hoch, bis über den Po: „Jetzt hab ich einen drin.“

Sie konnte nicht anders, sie musste lachen. Er sah so dumm aus. Und er sah für sie dumm aus.

He, wegen dir muss ich grad an mein altes Poesiealbum denken.“

Du hattest ein Poesiealbum?“

Oute ich mich hiermit als Idiot?“

Nee, schon gut… Und was war mit dem Album?“

Da hat Silvy, das war meine Sitznachbarin in der dritten Klasse, jedenfalls hat Silvy reingeschrieben: ‚Du bist viel hübscher, wenn du lachst, als wenn du eine Schnute machst.'“

Sie musste wieder lachen und ihr wurde bewusst, dass er sie eingewickelt hatte. So schnell… Seine Stirn wirkte nicht mehr zu hoch, sondern genau richtig, aus seinen Augen sprühten kleine Funken, und sein Mund konnte sich zu einem wunderschönen Lächeln verziehen: \glqqUnd nun zieh die Hose wieder runter. In den Kniekehlen sieht sie besser aus, als direkt unter deinem Bierbauch.“

Er klopfte sich auf den Bauch: „Hat mich viel Geld gekostet…“, und zog die Hose wieder runter: „Siehst du, und da fällt mir noch was aus dem Poesiealbum ein“, er richtete seine Boxer-Shorts und die Hose.

Ach? Und was?“

Das Leben wär nicht halb so nett, wenn nicht jeder einen Vogel hätt.“

Und wer hat dir das reingeschrieben?“

Entweder Leonie oder Manuela. Weiß ich nicht mehr. Ist ja schon ein paar Jährchen her.“

Haben sich auch Jungs verewigt?“

Nur ich.“

Und was?“

Dieses Poesiealbum ist von Simon.“

He, so was hatte ich auch drinstehen. Bei mir stand: ‚Dieses Poesiealbum ist von Lotte.‘ “

Wow. So ein krasser Zufall“, er lächelte. „Und an was erinnerst du dich noch?“

Mein Patenonkel hat geschrieben: ‚Immer dir bewahre die Ideale deiner Mädchenjahre.‘ “

Wahre Worte. Und? Was sind deine Ideale?“

Sie zuckte mit den Schultern: „Nichts, was ich dir in den ersten fünf Minuten auf die Nase binden muss. Außerdem… ich weiß gar nicht, ob man es Ideale nennen kann.“

Wenn du denkst, es sind welche, werden es wohl welche sein. Ich bin wieder weg…“, er brach das Gespräch abrupt ab und sie sah den Grund: Seine Freundin hatte den Raum betreten. So schnell wie er gekommen war, tauchte er ab. Und sofort fehlte er ihr an ihrer Seite.

Nun konnte sie erst Recht nicht mehr ihm und dem Mädchen zusehen. Deswegen suchte sie Tascha im Technoraum auf und veranlasste sie, ihr wildes Tanzen abzubrechen und den nächsten Discobus nach Hause zu nehmen.

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