Verdammt unperfekt

Manchmal fühle ich mich fast gezwungen, bestimmte Dinge schön und gut zu finden, einfach, weil ich so oft auf sie gestoßen werde. Wieder und wieder. Und nach einiger Zeit stumpfe ich ab und verpflichte mich doch, sie mir näher anzusehen, ihnen mehr Chancen zu geben, als ich ihnen ohne die dauernde Präsenz eingeräumt hätte. (Gegenüber meinen Schülern ist das eine gute Charaktereigenschaft meinerseits … )

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Hass, den ihr verbreitet

Die Ähnlichkeiten fielen mir auf. Dieses Zwischendenweltenstehen. Seien es die Schwarzen in den USA, seien es z.B. türkisch- oder marokkanischstämmige Jugendliche hier. Sie sind mittendrin und doch am Rand. Wenn sie sich zu sehr anpassen, werden sie von ihresgleichen zurückgewiesen, wenn sie sich zu wenig anpassen, schreien alle nach Integration, ohne dass sie wirklich möglich gemacht wird.

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Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß

Viele Lehrer sind toll. Wirklich. Ich will gar kein Lehrerkritisieren beginnen … Aber manchmal wünsche ich mir, dass Lehrer sich mehr mit alternativen Lektüren auseinandersetzen, statt nur die wieder und wieder zu nehmen, die sie seit Jahren oder die andere Lehrer seit Jahren unterrichten. Beispiel: „Damals war es Friedrich“. Ist es wirklich ein so einzigartiges Buch, das man es in der Schule gelesen haben muss? (Ulrike Schrader setzt sich damit in einem Aufsatz auseinander und sie empfiehlt es für den Deutschunterricht nicht. (1))

Wieso stattdessen nicht einmal „Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß“ von Rudolf Frank wählen? Statt des 2. Weltkrieges ist der 1. Weltkrieg Thema, statt eines jüdischen Jungen ein polnischer. Aber es ist niemand, der in der Opferrolle ist, sondern sich mit den Opfern und dem Leiden des Krieges so auseinandersetzt, dass er …

Zugegeben, der Titel ist nicht passend und bezieht sich im Grunde nur auf das erste Kapitel. Das liegt daran, dass der usprüngliche – und wegen der Bedeutung wesentlich geeignetere – Titel „Der Schädel des Negerhäuptlings Makaua“ aufgrund des mittlerweile als diskriminierend angesehenen „Negers“ geändet wurde. (Und statt einfach „Der Schädel des afrikanischen Hauptlings Makaua“ oder ähnliches daraus zu basteln, wurde der Titel komplett umgeworfen.)

Ich glaube, dass man Jungen mit der Darstellung des Krieges und der Entwicklung des 14jährigen Jans, der vielleicht ab und an ein wenig zu kindlich gezeichnet ist, durchaus interessieren und zum Lesen motivieren kann. Zudem ist die Geschichte des Buches wichtig, da es erstmalig 1931 erschien und die Nazis es verboten und wohl auch verbrennen ließen. Hier könnte man daher Verknüpfungen zur NS-Zeit ziehen.

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(1) Ulrike Schrader: Immer wieder Friedrich. Anmerkungen zu dem Schulbuchklassiker von Hans Peter Richter. In: Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht, Jg. 32 (2005), Bd. 195, S. 57–58

Deutschland – Ein Wintermärchen

Schon als der Deutschlehrer, der bereits Schiller und Goethe (und Lessing … ) an uns herangeführt hatte, uns sagte, das nächste zu lesende Werk sei „Deutschland – Ein Wintermärchen“, wusste ich, dass ich es lieben würde. Natürlich wegen des „Märchens“ im Titel. Dass das eigentlich ironisch gemeint war, konnte ich ja als Heine-Nichtkenner und 16- oder 17-jährige Schulgöre nicht wissen. Aber ich liebte es dennoch. Wahrscheinlich gerade wegen des Sarkasmus‘.

Heinrich Heine wurde zu einem meiner liebsten deutschen Schriftsteller, vielleicht weil er eben kein wirklich deutscher Schriftsteller war. Vielmehr sehe ich in ihm einen der ersten und einen der echten Europäer. Und wie so viele Schriftstellerbiografien ist auch Heines keine besonders glückliche – aber vielleicht brauchen das die Großen, um Großes schreiben zu können.

In „Deutschland – Ein Wintermärchen“ rechnet er wunderbar ironisch und doch voll tiefer Heimatliebe mit Deutschland ab:

Die sonst so leichte französische Luft, / Sie fing an mich zu drücken; / Ich mußte Atem schöpfen hier / In Deutschland, um nicht zu ersticken.

Und er spricht von seinen Träumen, seinen Wünschen, seinen Zielen  – deren Verwirklichung wir um ein so Vieles nähergekommen sind:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,/  O Freunde, will ich Euch dichten! / Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich seyn, / Und wollen nicht mehr darben; / Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, / Was fleißige Hände erwarben.

Mich, die schon damals nicht an das Reich nach dem Tod glaubte, sprachen bereits diese fast ersten Verse des Werkes an. Und ich verstand schon damals eins nicht: Die Errichtung des Himmelreiches auf Erden ist für so, so, so viele mehr mittlerweile möglich. Warum errichten wir es nicht einfach? Für uns und für so viele um uns, die wir packen können.

Faust I

Schon bevor das kleine Reclamheftchen, in das das deutsche Kulturgut hineingepresst worden war, überhaupt als Lektüre im Unterricht feststand, hatte man immer einmal wieder ein Raunen gehört: „Faust. Faust. Faust. Goethe … Meisterwerk … Bildungsgut … Teil deutscher Geschichte …“ Und man hatte sich gefragt, was dahinter steckte, doch selbst lesen wollte man es nicht. Aus Respekt? Aus Angst? Aus Faulheit?

Es war gut so. Allein gelesen hätte ich Goethes Kunststück nicht gemocht. Denn ich hätte es nicht verstanden. Doch „Faust I“ – und mein Lehrer – zeigten mir, was alles in einem schmalen Reclamheftchen stecken kann. Beeindruckend.

Unser Lehrer erklärte, Goethe habe stets zahlreiche Lexika (z.B. eines zur Mythologie) neben seinem Schreibtisch stehen gehabt, um sich aus ihnen zu bedienen, um sie in seine Schriften einzuarbeiten. Und das hat mich gleich noch einmal mehr beeindruckt. Dass Geschichten so konstruiert werden können, war mir neu. Dass man so viel hineinlesen konnte, auch.

Allerdings war und ist es oft Faust, der mir aus dem Herzen spricht, wenn er verkündet

»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.«

Wie oft hatte ich den Eindruck, dass mein Innerstes zerrissen wurde (und manchmal noch wird) zwischen dem, was das Herz will, und dem, was der Verstand befiehlt. Der Verstand ist es, der einen oft angstvoll (oder vernünftig) vor Entscheidungen zurückweichen lässt, während das Herz drängt, das Leben „einfach“ zu leben. „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Oder?

(Zahlreiche weitere Faust-Zitate finden sich z.B. bei Wikiquote. Als Mensch wäre Goethe wohl nicht mein Freund geworden; aber als Schriftsteller ist er doch nichts anderes als großartig.)

Emily – Lesezeiten

Emily bin ich. Ich bin Emily. Dieses verträumte Mädchen, das loszieht, um das Ende des Regenbogens zu finden, das sich in Schreibereien verliert, dessen Welt immer mal durch den Blitz erweitert wird, das manchmal fühlen kann, was geschehen wird. Und das so liebt, dass es lieber alleine einsam, als vernünftig gemeinsam ist.

Lucy Maud Montgomery schrieb sich selbst in die drei Emily-Bände hinein und sich aus ihrem spröden und anstrengenden Alltag als Frau eines depressiven Pfarrers hinaus. Und obwohl die Bücher ab 1923 erschienen, hatten sie für mich, als ich sie um 1995 las, nichts Altbackenes. Emily ist moderner als vieles, was sonst zur damaligen Zeit geschrieben wurde, weil sie Liebschaften hat, einen starken eigenen Willen und weil sie schreiben will. Unbedingt. Sie muss kämpfen: Gegen ihre Tanten, bei denen sie nach dem Tod des Vaters unterkommt, gegen Mitschüler, gegen die Mutter ihrer großen Liebe. Aber sie setzt sich durch, denn sie schreibt und schreibt und schreibt.

Ich wollte stets so willensstark sein wie Emily. Aber hinsichtlich des unbedingten Schreibenwollens kann ich immer noch von ihr lernen.

Die Räuber

Ein Klassiker. Also so ein richtiger. So einer, wo der Autor sich hingesetzt hat, um sein Gedankengut, seine Ansichten hineinzupacken, und Anlehnung fand bei diversen Autoren und historischen Personen. So etwas, das zeitlos ist. Und immer noch in der Schule gelesen wird. Und das, wenn man einen guten Lehrer hat und es im richtigen Alter liest, einem Spaß machen kann.

Warum machte es mir Spaß? Wieso hob es sich von den anderen Schullektüren ab? Nun, wir hatten vorher „Hauptmann von Köpenick“, „Der Richter und sein Henker“, „Der Name der Rose“ und „Emilia Galotti“ gelesen. Alles Werke, von denen ich sagen kann, dass unser Lehrer sie gut ausgewählt und sie gut rübergebracht hat. (Lassen wir mal „Katz und Maus“ von Grass außen vor … Das mochte ich einfach nicht sonderlich.) Dennoch waren das „nur“ Schullektüren. Doch in die „Räuber“ erkannte ich mich als rebellierende Jugendliche wieder. Idealistisch, radikal, leidenschaftlich. So war Karl Moor und ich wohl auch.

Es ist ein Werk, das meiner Meinung nach wirklich miterleben lässt. Und durch das Miterleben die Schaffung eigener Erfahrungen ermöglicht. Man möchte so idealistisch sein wie Karl. Aber man wird vor Menschen wie Spiegelberg oder Franz Moor gewarnt. Und auch davor, dass der Idealismus der Jugend so nicht auf die Erwachsenenwelt übertragbar ist.

„Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit!“ – Die Räuber II, 3 / Moor

Und hier könnte man als Lehrer vielleicht einen Einschub Richtung RAF wagen. Oder, wenn man ganz mutig ist, hinterfragen, warum eigentlich gerade junge Leute voller Idealismus und Radikalität fortziehen und sich Räuberbanden wie der IS anschließen. Es ist ein weites Feld …

Die Säulen der Erde

Mein erster Schinken. Natürlich habe ich vorher schon dicke Bücher gelesen. Aber das hier, das war eine andere Nummer. Und es war wohl auch mein erstes beendetes Erwachsenenbuch. Den „Medicus“ hatte ich nach vielleicht zweihundert Seiten abgebrochen, weil es für mich Elfjährige einfach noch nichts war. Aber ein Jahr später also dann „Die Säulen der Erde“.

Recht naiv ging ich heran, wunderte mich zum Beispiel, dass die dort Wörter wie „ficken“ und Schimpwörter aus der heutigen Zeit nutzten. Redete man damals so? Das kam mir eigenartig vor. Doch genug Distanz und Reflektionsfähigkeit besaß ich damals zur Entschlüsselung dieses Mysteriums nicht. Und dennoch war dieser Roman vielleicht das Buch, das mein Interesse an Geschichte gestärkt hat. Schon vorher haben mich Heinrich Schliemanns Ausgrabungen oder die Entdeckung des Titanic-Wracks fasziniert und ich ahne, dass ich später „irgendwas mit Geschichte“ machen würde. „Die Säulen der Erde“ aber ließ meine Faszination hinsichtlich des Mittelalters entstehen.

Und da neben meinem Bett „The Queen’s Vow“ über Isabella von Kastilien liegt, ist wohl eindeutig: Die Faszination bleibt.

Das doppelte Lottchen

Erich Kästners Werke für Erwachsene habe ich nie gelesen – vielleicht, weil ich finde, dass er ein solch guter Kinderbuchautor und Dichter ist? Vor meiner Kommunion hatten meine Mutter und ich uns hingesetzt und eine Bücherwunschliste erstellt: Neben dem „Doppelten Lottchen“, dessen Geschichte wohl allen bekannt sein dürfte, wurde mir auch „Der 35. Mai“ geschenkt. Beide habe ich gern gelesen, das Lottchen aber doch viel lieber.

Es war eine Mädchengeschichte, von der es damals noch nicht so viel gab, denn die Eltern waren getrennt. So wie bei mir. In all meinen anderen Kinderbüchern wurde stets ein „normales“ Elternhaus vorgelebt und das hatte ich nun einmal nach diesen Maßstäben nicht. Aber Kästners Buch ließ meine geheimsten Hoffnungen sich hochwühlen: Wenn mein Vater doch meine Mutter einmal geliebt hatte, tat er das dann wirklich jetzt nicht mehr?! Vielleicht könnte er ja auch wieder …

Andererseits war ich wohl auch damals schon zu sehr Realist für diese Vorstellung. Immerhin hatte ich ja „neue“ Geschwisterchen. Und so blieb es bei Träumereien, während im „Doppelten Lottchen“ das Happy End seinen Lauf nahm.

Die Kinder von Bullerbü

Den Klassiker von Astrid Lindgren nahm meine Mutter mit in meinen ersten großen Urlaub. Es ging – nicht neidisch werden – nach Fiji. Dort, auf dem Schiff meiner Stiefgroßeltern, saßen wir unter kraftvoll blauem Himmel am Heck, lehnten unsere Rücken gegen die Reling und hatten das Klatschen der aus kristallklarem Wasser bestehenden Wellen als Hintergrundmusik, während Mama ihrer bald Fünfjährigen aus „Die Kinder von Bullerbü“ vorlas.

Sie musste es in den folgenden Monaten noch so oft lesen, dass ich die ersten Seiten auswendig konnte: „Ich heiße Lisa. Ich bin ein Mädchen. Das hört man übrigens auch am Namen. Ich bin sieben Jahre alt und werde bald acht.“ Wie genau ich mir den Text merken konnte, zeigt sich daran, dass ich mir durch das Buch selbst das Lesen beibrachte.

Oft habe ich mir gewünscht, in Bullerbü aufzuwachsen, mit einem sicheren Elternhaus, mit Freunden links und rechts, mit mehr Platz zum Spielen, als ich ihn in unserer Kleinstadt hatte, mit so langen Sommerferien … Fahre ich mit dem Auto durch den September und rieche abgemähte Felder, steigt Bullerbü noch heute aus meinen Gehirnwindungen auf. Bullerbü und dann Fiji. So unterschiedlich und doch so nah.