Die Unnormalen VIIII (IX)

7

– Sie –

Und deswegen sind wir nun in Düsseldorf. Es ist eigenartig, dass es geklappt hat, dass er mich nicht hängengelassen hat. Es ist seltsam, wie reibungslos der Abend im Grunde verlaufen ist. Als ich um acht Uhr am Bahnhof meiner Heimatstadt angekommen bin, da habe ich die Chancen fünfzig zu fünfzig eingeschätzt, dass er sich einfinden würde. Doch er hat dort schon rauchend auf mich gewartet und mich von oben bis unten gemustert.

„Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich von dir halten soll“, habe ich gemeint.

„Und manchmal weiß nicht, was ich von dir halten soll. Ich glaube, du bist total durchgeknallt.“

„Aber du dann auch, immerhin bist du hier.“

„Wenn ich nicht gekommen wäre, dann…“

„…dann?“ Ich glaube, ich habe erwartet, dass er etwas furchtbar abwertendes sagt. Wie so oft. Keinesfalls habe ich mit einem Augenzwinkern und dem leisen Satz „…dann hätte ich mich immer gefragt, was ich verpasst hätte“ gerechnet.

„Du hättest mich verpasst“, habe ich ruhig gesagt.

„Ja, und möglicherweise ein ziemlich gutes Silvester.“

Kurz danach kam der Zug und es ist seltsam gewesen, ihm gegenüber zu sitzen, weil wir nicht sicher waren, über was wir bedenkenlos reden konnten.

„Hier. Ich habe uns Alkohol mitgenommen.“

„Ich uns auch“, grinste er.

– Er – 

Ich bin ziemlich nervös gewesen am Anfang unseres gemeinsamen Silvesters. Gestern habe ich den ganzen Tag überlegt, ob ich kommen oder ob ich sie nicht besser – wie sie es von mir gewohnt sein könnte – versetzen soll. Als sie am Bahnhof auf mich zugekommen ist, habe ich ihrem Gesicht angesehen, wie erleichtert sie gewesen ist, und schon für diesen Gesichtsausdruck hat es sich gelohnt, meinen Freunden und den Fußballleuten abzusagen, die ich ja sowieso fast jeden Tag sehe.

Obwohl sie heute Nacht nicht aussieht, wie mein Traumbild von einer Frau aussehen sollte, sieht sie umwerfend aus. Na gut, vielleicht nicht umwerfend, aber sehr gut. Ich mag es, dass sie Stiefel anhat, dass ihr Rock kurz über den Knien aufhört, dass ihr Mantel dazu passt und ihr eine gute Silhouette gibt. Ich liebe ihre Haare offen und wild und ihre Augen, die als einziges in ihrem Gesicht betont sind. Heute Abend hat sie etwas, das viele nicht haben und das auch ihr selbst manchmal fehlt, weil sie nicht an allen Tagen und Nächten das Beste aus sich macht: Stil und Klasse.

Ich passe natürlich überhaupt nicht zu ihr heute, aber das scheint sie nicht mal bemerkt zu haben. Meine weite Hose, mein warmes Sweatshirt und meine dicke Jacke, genauso wie meine abgewetzten Turnschuhe werden das ihrige dazu beitragen, dass wir nur in gewöhnliche Kneipen gelassen werden und nirgendwo hingehen können, wo sie hinpassen würde. Und überall da, wo wir reinkommen, wird sie fehl am Platz aussehen. Die Sache ist nur: Sie kann noch so fehl wirken, im Grunde genommen wird doch wieder keiner über sie lachen, weil sie… gut aussehen wird. Das werden sie alle anerkennen.

Es ist früher häufig so gewesen, dass ich mich gefragt habe, wieso so viele Typen ihren Kopf nach ihr wenden. Mittlerweile verstehe ich es. Ich würde meinen Kopf auch immer nach ihr umdrehen. Zumindest wenn sie aussieht wie heute.

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