Dunkles

Oft waren es vor allem die dunklen Zeiten, die zeigten, was tief im Charakter des Menschen verborgen liegt, zu welcher Stärke, welcher Ausdauer, welchem Durchhaltevermögen er sich aufschwingen kann. Es sind diese Zeiten, die ihn schärfen und formen und vorbereiten auf all das, das noch kommen mag. Harte Zeiten darum zu wünschen, käme niemandem in den Sinn. Und so schlittern viele auf der Oberfläche umher und jammern, ohne zu wissen, wie viel schwerer es doch eigentlich sein könnte.

Weiterlesen „Dunkles“

Advertisements

Die Retter

„Sprich immer nur, wenn du sicher bist, dass du die Frage wirklich verstanden hast“, riet das Fräulein der Siebenjährigen am Morgen eines grauverhangenen Tages, an dem die Sonne durch die Fenster hereinbrach. Das Mädchen nickte schüchtern und wollte sich am liebsten in sich selbst zurückziehen und niemanden ansehen. Vielleicht würden ihre Mitschüler sie verraten? Ein bisschen Angst davor hatte sie. Vor allem Heiner, den sie sowieso ein wenig fürchtete und der ihr mehr als einmal an den Zöpfen gezogen hatte, würde sie es zutrauen. Nicht, weil er im Herzen böse wäre, sondern weil er sie oft ärgerte. Und was wäre einmal mehr?

Es könnte sie ihr Leben kosten, hatte das Fräulein gesagt. Und niemand war so klug wie das Fräulein. Fast niemandem traute sie so sehr wie ihr. Außer dem Papa. An Papa reichte keiner heran. Auch nicht das Fräulein. Aber Papa war nicht in der Schule, sondern auf Schicht unter Tage und er würde ihr nicht helfen können heute, an dem Tag, an dem der Schulrat die Volksschule besuchte.

Kurz nach der Pause hörten sie zackige Schritte auf dem Flur, es klopfte und die Türe wurde aufgerissen. Das Mädchen wollte am liebsten in den blauen Himmel hinaus schauen, statt die braun-graue Aura des strammstehenden Herren in ihren Blick zu nehmen. Doch sie wusste: Sie durfte nicht auffallen. Also wandte sie sich ihm und den anderen beiden Männern zu und beobachtete Heiner, dessen Sprung von der Bank hoch neben das Pult sie rasch kopierte. Wie alle erhob sie den Arm zum Gruß und wie alle ahmte sie die Sprechchöre der Erwachsenen nach.

Der Herr Schulrat trat neben das Fräulein, beugte sich zu ihr und besprach kurz etwas mit ihr. Dann feuerte er Fragen in die Klasse hinein. Das Mädchen wusste kaum, wie ihm geschah: So viele Wörter purzelten vorbei. Immer, wenn ein Schüler eine Frage beantwortet hatte, konnte er oder sie sich setzen. Irgendwann standen nur noch vier Kinder: Das Mädchen und Heiner waren auch dabei. Da fragte der Schulrat etwas – und keines der verbliebenen Kinder antwortete. Also wiederholte das Fräulein die Frage und fixierte das Mädchen. Und es antwortete. Das Fräulein lächelte, als es sich endlich hinsetzen durfte.

Nach der Stunde kam Heiner zu dem Mädchen, grinste und sagte deutlich: „Das haben wir gut gemacht, oder? Wie wir ihn veräppelt haben, als würden wir die Frage nicht verstehen, damit das Fräulein sie noch einmal wiederholen kann?“ Und das Mädchen, das von seinen Lippen lesen konnte, gab ihm einen Kuss auf die Wange: „Danke“, sagte es.

Der Lustige

Stets war er der Lustige. Der, der alle freudig begrüßte, der immer ein Lächeln auf den Lippen hatte, wenn ihm eine Frau begegnete, der, der einen lockeren Spruch in einer Gruppe von lauter Unbekannten brachte. Stets war er der Lustige.

Aber auch der, den man als oberflächlich ansah, weil er alles so leicht nahm, weil er lachte, selbst, wenn er über Ernstes sprach. Man würde sich nicht an seiner Schulter ausweinen; man würde keine Probleme mit ihm durchkauen. Vielleicht, weil man Angst hätte, dass man nicht ernst genommen werde würde.

Stets war er der Lustige. Stets blieb er einsam.

Ein Detail mehr

Irgendwann hatte ich schon mal davon erzählt. Von diesem Kerl, mit dem ich zwei Wochen zusammen war, als er mir einen Spaziergang in den Wald hinter der Stammdisco vorschlug und dort auf einer Bank mit dem Fummeln begann. Er wollte mir in die Hose, was ich ihm verbat, weil ich keine Lust hatte, ihm als „Dank“ in seine zu gehen, wie ich ihm sagte.

Nein, das müsse ich auch nicht, meinte er, drückte dann aber fünf Minuten später meine Hand zu seiner Hose. Recht rabiat. Ich machte mich von ihm los und betonte noch einmal, dass ich genau das nicht gewollt hatte. Was er nicht wirklich verstand. Der Wald und mein Einverständnis in ihn zu gehen, hatten offenbar in seinem Hirn zu falschen Erwartungen geführt.

Was ich damals vergessen hatte, über den Vorfall zu berichten, war, dass er ein Polizist war. Auch nur ein Mensch. Aber eben ein Polizist. Und es ist ja nichts passiert. Dieses Mal.

Unileben

Sie sieht auf ihre Materialien und wieder hoch. Meint sie das nur oder schaut der Typ von schräg gegenüber sie immer einmal wieder an? Hm, eigentlich ist er echt hübsch. Trotz Brille. Die macht ihn irgendwie erwachsener – und das ist im Gegensatz zu den ganzen Bubis hier im sechsten Semester eine deutliche Steigerung der Attraktivität. Als sie damals die alten Fotos ihres Vaters aus Studienzeiten gesehen hat, sahen die Typen zwar immer ziemlich wild, aber doch stets wie Männer aus. Wenn sie sich nun umsieht, fehlt ihr das bei allen, außer bei dem Typen mit der Brille.

Weiterlesen „Unileben“

The Good Wife

Es ist tatsächlich die erste Serie, die ich über Netflix kennengelernt und in mehreren Staffeln nun nahezu zu Ende gesehen haben: The Good Wife. Ich wusste nicht genau, worauf ich mich einließ, als ich sie begann, nur, dass sie viele gute Kritiken erhalten hatte. Nachdem die 7. Staffel sich nun ihrem Ende zuneigt, muss ich feststellen, dass fünf Staffeln und ein bisschen weniger Hin und Her vermutlich ausreichend gewesen wären. Alicia, die Hauptdarstellerin, arbeitet im Grunde stets (abgesehen von der letzten Staffel und dann da auch wieder doch) mit den gleichen Menschen zusammen, aber die namensgebenden Partner der Kanzlei wechseln.

Weiterlesen „The Good Wife“

Die

Er hatte schon viele tolle Frauen gehabt. Da war die Sportkanone, mit der er viel Ski gefahren ist und für die er in eine andere Stadt zog. Und die Hübsche, die ihn eine Weile in der neuen Stadt hielt, mit der er aber Schluss machte, weil er in die Ex seines besten Kumpels verknallt war. Was nichts werden durfte. Und seit ein paar Jahren war da seine Nachbarin, einige Jahre jünger als er, die nun seine Mitbewohnerin, weil Lebenspartnerin, war und die nicht mehr mit ihm schlief.

Und fremdgegangen war er mindestens zwei von den drei genannten Beziehungsfrauen. Keine konnte ihn wirklich halten, binden, absolut von sich überzeugen. Warum nicht? Was war das „Mehr“, nach dem er sich sehnte?

Er wollte alles. Die perfekte Frau, die ihn heiß machte, die sein Kumpel war, die seine Interessen teilte, die gut verdiente, um die seine Freunde ihn beneideten, der fremde Männer mit Blicken folgten, die meisterhaft Snowboard fuhr, die ihn umsorgte und aufbaute, aber nicht bemutterte.

Oder vielleicht musste es auch nur die sein, die er wirklich liebte.

Wünsche

Wir sind hier. Sind angekommen. Sind glücklich. Miteinander am ausgesuchten Ort. Die Katze schnurrt zu meinen Beinen, der Eierlikörkrapfen ist verputzt, der Kaffee leer, der Tee in der viel zu teuren Tasse kalt. Und so leben wir vor uns hin.

Kleine Ziele sind entlang des Weges. Häusliche und arbeitsbezogene. Doch letztere eher für dich. Ein Ally-McBeal-Moment fehlt mir bisher. Doch ja, seltsam ist es schon, dass meine zehn Jahre jüngere Kusine ein Baby bekommen hat und der Kinderwunsch bei mir nie stark war, eher so etwas gewesen ist, das dazu gehörte, weil … Ohne dass das Weil aus meiner Seele hätte beantwortet werden können. Ich ersehne sie mir nicht, die Zeit mit Babys. Aber ja, auch seltsam war der Gedanke, dass wir das Haus keinem vererben werden. Gott, grade erst gekauft, hoffentlich noch 50 Jahre drin, aber der Gedanke ans Danach war da. Dabei ist es für uns. Nicht für später, sondern für jetzt oder als Vorsorge fürs Alter. Aber doch nicht für wen, der es dann nicht will, der kein Interesse am Einzug hätte, ja, vielleicht nicht einmal mehr in unserer Nähe wohnen würde.

Kinder sollte man nicht bekommen, weil sie dazugehören, weil sie die Zukunft weniger einsam machen, weil man jemanden zum Erben braucht. Falsche Gedankengänge allemal. Sie sollten wahrgewordene Wünsche sein. (Auch wenn man sich manchmal verfluchen wird.) Aber Wünsche? Ich sitze in meinem. Ich gehe jeden Arbeitstag zu meinem. Ich krieche in die Arme von meinem. Das ist schon ziemlich viel Glück. Ziemlich viel. Und trotzdem lassen mich manche Menschen – unbewusst meist – mein Leben vor ihnen rechtfertigen.