Interessierte

Semesterferienzeit. Oxford ist ein bisschen ruhiger, als ich es mir vorgestellt habe. Andererseits finde ich es erstaunlich, dass sie bei 9000 Pfund pro Jahr die Hörsäle überhaupt voll bekommen. Ob die Unis hier wirklich so viel besser sind, als meine in Deutschland es war?! Alex, der hier studiert hat, nickt natürlich. Was soll er auch sonst machen? Er meint, er sei super ausgebildet. Auf meine Frage, warum er dann nicht einen Topposten irgendwo hat und stattdessen durch die Gegend zieht, weicht er aus: Bei „was mit Medien“ könne man sich durchaus auch einmal eine Auszeit nehmen, ist alles, was er sagt.

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Hippiezeit

Die Sonne scheint vom … warte, lass mich einen Blauton überlegen … vom verkehrsblauen Himmel herunter. Nein, veräppelt. Ist nicht natürlich nicht verkehrsblau, sondern eben doch himmelblau, zumindest laut Farbkarte. Und wegen dieses Himmels schieben wir noch eine Tour durchs Exmoor ein, ehe wir nachmittags in Glastonbury ankommen. Ein in Kristall klirrendes Städtchen.

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Das Biest im Kopf

Ein Schaufenster. Dahinter ein Nagelstudio. Eines für all die, die ihre Individualität mit Nageldesign ausleben wollen oder die keine Zeit finden, die Nägel vor dem Fernseher zu feilen und zu lackieren, oder die Bruchnägel haben und darum monatliche Maniküren brauchen. (Ja, schon die reine Existenz eines Nagelstudios läuft mir quer. Auch wenn ich mir mit der eingeschränkten Sichtweise wahrscheinlich keine Freunde mache …)

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Vergessene Kinder

Bildung. Angeblich wird ja viel in diesen Bereich investiert, weil Kinder die Zukunft sind usw. Wie kommt es dann, dass ich auf einer Schulform unterrichte, die seit Jahrzehnten sterben gelassen wird?! Und auf der Hundertausende von Kindern und Jugendlichen das Gefühl haben müssen, vergessen zu werden, wenn sie von anderen Schulen hören, wie viel besser die Ausstattung an Personal und Material dort ist.

Egal, ob Haupt- oder Realschule: Wir sind die Resteschulen NRWs. Schüler, deren Eltern ihre Kinder nicht auf dem Gymnasium unterbringen können und die für die Anmeldung an der Gesamtschule zu spät waren, geben ihre Kinder auf Realschulen. Und Kinder, die zu oft gescheitert sind oder zu schlechte Voraussetzungen hatten, kommen auf die Hauptschule. Es gab einmal eine Zeit, als das dreigliedrige System funktionierte. Doch diese Zeiten sind lange vorbei – kaputtgewirtschaftet von diversen Landesregierungen. Wenn man Gesamtschulen etablieren will, hätte man von vornherein Real- und Hauptschulen mit abschaffen müssen. (Und Gymnasien eigentlich auch, aber dafür gibt es eine zu starke Lobby. Stattdessen sind die mittlerweile auch so stark verändert, dass sie eins nicht mehr ausbilden: Die Elite. Und das, obwohl alle unter einer Leistungsgesellschaft zu ächzen meinen, aber das ist ein anderes Thema.)

Real- und Hauptschulen wurden erst wieder interessant wegen Inklusion und jungen Flüchtlingen. Auf einmal glaubte man vielleicht auf das anders geschulte, anders erfahrene Personal dieser Schulformen zurückgreifen zu können (oder man sah einfach noch Platz) und stopfte die einst eher kleinen Klassen mit neuartigen Problemfällen zu. Es gibt gewisse Kinder, die man nicht in Regelschulen unterrichten kann, einige schwere oder besondere Fälle von Autismus z.B.  oder eben auch solche Schüler, die kein Wort Deutsch reden. Letztere sollten zumindest ein Schuljahr in reine Sprachlernklassen zusammengefasst werden, ehe dann entschieden werden kann, welcher Schulform sie zugeführt werden können. (Das hat die neue Landesregierung ja mittlerweile auch so vor. Mal sehen, ob ich zu Beginn des Schuljahres trotzdem drei oder vier Schüler ohne Deutschkenntnisse zugeschoben bekomme, denen wir nur zwischen Tür und Angel und gemeinsam mit Fortgeschrittenen Basiskenntnisse nebenher vermitteln.)

Aber ausgestattet werden diese beiden Schulformen für die Ansprüche kaum. Mal bekommt man den einen oder anderen Lehrer von einer schließenden Haupt- oder Realschule herbeigezaubert – und wenn man Glück hat, ist der auch noch gut, und mal erhält man eine Stelle zugewiesen, die man aber meist nicht besetzen kann. Wir sind drei Stellen im Unterhang. Warum?! Weil keine Lehrer für diese Schulformen da sind.

Um hier zu unterrichten, muss man Lehrer sein wollen. Mit Herz und allem, was dazu gehört. Warum sonst sollte man diese geringer bezahlte Schulform wählen, die von der Politik im Stich gelassen wird?! Netto 300 Euro weniger beim Einstiegsgehalt im Gegensatz zu Gesamt- und Gymnasiallehrern. Ich will nicht sagen, dass einige dieser Lehrer das Mehrgeld nicht verdienen würden: Oberstufenunterricht und -korrekturen sind in einigen Fächern ja durchaus anstrengender als gleiches in der Sekundarstufe I, aber viele haben es eben auch nicht verdient. Nur, das alte Problem: Wie soll man das bemessen?! Sei Erdkunde/Sport-Lehrer am Gymnasium und erzähle mir nicht, dass du so hart arbeiten musst, wie die Deutsch/Sport-Lehrerin an der Realschule. (Natürlich gibt es auch bei uns die, die sich mit ihren Fächerkombis einen lauen Lenz machen. Fazit: Gewisse Kombinationen sollten schon als Studienwahl untersagt werden.)

An Haupt- und Realschulen gehören wegen all der momentan so üblen Bedingungen die besten Lehrer, die, mit dem meisten pädagogischen Geschick, den stärksten Nerven, die wissen, wo sie sich wann Hilfe holen sollten, die das Unterrichten lieben und bereit sind, ihren Unterricht immer und immer wieder auf all die schwierigen Einzelfälle zuzuschneiden. Es gibt kaum ein Kind bei uns, dass nicht aus zerrüttetem Elternhaus kommt und nur vielleicht jedes 6. spricht zuhause mit den Eltern Deutsch. Ritzen, Selbstmord (-drohungen), Schulangst, Absentismus, Gewalt in jeglicher Form … Jeden Tag. Noch jetzt, drei Wochen nach Ferienbeginn träume ich nächtlich von der Schule. Denn im Gegensatz zu Politik und Teilen der Gesellschaft vergesse ich diese Kinder nicht.