Gezoomt

Während sie auf den Stufen des alten Rathauses saß, auf ihre Freundin wartend, spürte sie etwas. Eine glühwürmchenblinkende Ahnung um sie herum. Hunderte Leute schlenderten an ihr vorbei und schauten sie, die die Hände in den Schoß gefalten hatte und mit gehobenem Kopf in die Welt sah, neugierig bis interessiert an. Doch sie erwiderte keine Blicke, sondern ließ die Augen über die Menschen hinwegschwirren, weil sie wusste, einfach wusste, dass sie einen von ihnen kennen würde. Wellengleich näher kam Wärme auf sie zugeschwappt und doch hatte sie nicht den Tsunami erwartet, der sich über ihr entlud, als sie ihn wiedersah.

Sie starrte. Unverwandt. Nur ihn an. Als wäre die gesamte Umgebung herausgezoomt, war da lediglich er. Keine HipsterStudies, keine LeerenNesterMenschen, keine GefühltErwachsenen, keine Kreischkinder. Nur er. Und sie. Inmitten von Unschärfen war sein Lächeln gestochen. In ihr Herz hinein.

Grand Tour

Ich habe mich gefürchtet und wollte es aufschieben, soweit es geht. Alle sahen mich als Freigeist, als Rumtreiber und eine, die das Leben so auskostet, wie wenige in meinem Umfeld. Und es war kein Bild, das irgendwer von außen gezeichnet, sondern eins, dass ich aus tiefstem Innersten selbst in Auftrag gegeben hatte. Sesshaft werden war mit langweilig werden verbunden und davor hatte ich Schiss. Das war ja dann nicht mehr ich, oder?

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Nicht genug – Der Ungebundene – Ende

Nachdem sie im Wasser gewesen waren und frierend wieder auf ihren Handtüchern saßen mit Blick Richtung Meer, stellte er fest: „Es tut mir wirklich gut.“

Auch nun fragte sie nicht, ob er sich damit implizit meinte, so wie sie eben nichts zu seinem Kommentar über den entspannten Sex gesagt hatte. Vielleicht wäre es besser, sich in solchen Situationen mehr wie eine Frau zu verhalten, mehr den Erwartungen zu entsprechen und nach tieferen, weiteren Komplimenten zu graben. Aber so war sie nun einmal nicht. Sie wollte sich nicht immer in das allerbeste Licht rücken und um seine Zuneigung buhlen. Und was anderes war es doch nicht, oder? Wirklich, die normale Frauenfrage wäre hier gewesen „Was genau tut dir gut?“  Und frau hätte erwartet, dass die Antwort etwas mit ihr zu tun hätte. Eine isatypische Äußerung auf Marcs Feststellung wäre dagegen eher: „Nein, am meisten tu ich dir gut.“ – Und vermutlich wartete er genau darauf. Aber auch diesen Gefallen tat sie ihm nicht. Sie wusste, dass es diese Antworten waren, diese Unverblümtheit, dieses Zeigen von Selbstbewusstsein, was ihn ihr gegenüber oft unsicher werden ließ, was ihn glauben ließ, dass sie unnahbar und stark war.

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Eine Nacht

Wilde Nächte übervoll mit Erlebnissen. Menschentrauben durchqueren, sich anschließen, sich freimachen. In Lichtkegel hinein und wieder aus ihnen heraustanzen. Glitzer über Gesichtern, Farbenspiele auf dem Haar. Ein Blick zu ihm und wieder fort, ein Lächeln irgendwann. Komm rüber, winken seine Augen; komm du zuerst, signalisieren ihre. Er folgt der Einladung. Zwei zusammen, die zusammen gehören. Für diesen Abend. Vielleicht nur für diesen.

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Der Morgen danach – Der Ungebundene XV

Am folgenden Morgen hätte sie es vielleicht bereuen sollen, nachgegeben zu haben, aber als sie sich gerade aus seinen Armen lösen und aufstehen wollte, merkte sie, dass auch er schon wach war, und sie begannen ihr Spiel von vorne. Es war zu einfach, zu sehr, wie es sein musste. Wie furchtbar ist es eigentlich, jemandem sich so geben zu können, von dem man wusste, dass er einem mehr bedeutete, als man ihm? Sie hatte sich schon zu oft den Kopf darüber zerbrochen. Sie wollte nicht mehr, sie wollte nicht mehr nachdenken darüber.

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Verlangen – Der Ungebundene XIV

Sie

Es gab hundert Gründe, wieso sie die Finger bei sich halten sollte, statt sie sich von ihm küssen zu lassen. Und nur einer der letzten war der Typ, den sie vergangene Woche kennengelernt hatte. Zwanzig andere waren zum Beispiel die Tusen, die Marc ihr vorzog, und die generell weniger attraktiv als sie waren; wie er meist selbst zugab. Ein anderer Grund war der, aus dem sie hier am Meer waren: Weil er nicht wusste, wie man entspannte, und weil er keine Ahnung davon hatte, wie man sich selbst glücklich machte, wie man durch sich selbst glücklich wurde.

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m/w – Der Ungebundene XII

Er drehte sich auf den Rücken und cremte sich umständlich seinen Bauch ein, dann richtete er sich etwas mehr auf, um auch seinen Beinen Schutz geben zu können: „Eincremen ist schon irgendwie unmännlich.“ – „Als Frau für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, ist schon irgendwie unweiblich“, erwiderte Isa prompt und rührte nicht einen Finger, um seine Cremearbeit zu übernehmen. – „Wenn du nicht das letzte Wort hast…“ – „… dann bin ich nicht glücklich. Aber das bist du ja schon von mir gewöhnt.“

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Entspannung – Der Ungebundene XI

Weil gerade Ebbe war, war es ein weiter Weg bis zum um fast einen halben Kilometer zurückgewichenen Meer – ok, eventuell kam es ihm auch nur vor, als wäre es ein halber Kilometer.  Als er das Wasser endlich erreicht hatte und die erste Welle seine Füße umspülte, erinnerte er sich noch sehnsüchtiger an das für einen Tagestrip zu weit entfernte Meer, das um so vieles wärmer war als der kalte Atlantik. Es kostete ihn einiges an Überwindung mit dem gesamten Körper einzutauchen. Heute Nachmittag, wenn es ein bisschen wärmer war und er mit Isa Beachball gespielt hatte und sie beide ins Schwitzen gekommen waren, würde er die Temperatur vielleicht nicht mehr als ganz so schlimm empfinden. Nun aber huschte er schnell wieder zu seinem Handtuch zurück.

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Nachruf auf den Roten

Nach 12 Jahren musste ich dich im Alter von 23 Jahren nun doch abgeben. Als ich dich zu deinem letzten Platz fuhr, sah ich den halbvollen Tank an und dachte: Oder doch weiter? Leerfahren oder weitere Meinungen einholen oder gar einfach zu viel Geld investieren? Loslassen wollte ich nicht. Und du fuhrst ja noch. Du fuhrst und fuhrst und fuhrst. Einwandfrei gestartet in den letzten zwei Jahren. Egal, wie lange du gestanden hast und auf mich warten musstest, wenn ich den Schlüssel drehte, warst du bereit.

3500 Euro hast du uns damals gekostet, 140.000 Kilometer hast du mich gefahren. Über Belgien nach England, Dover, Rye, Arundel, Salisbury, Nottingham, Lincoln, York, Whitby, Scarborough, York, Hadrians Wall, Edinburgh, Inverness, Oban, Glasgow, York, Cambridge, Canterbury, Dover, nach Hause, nach München, Weinheim, Cuxhaven, auf meine Mitteleuropareise nach Hamburg, Lübeck, Schwerin, Berlin, Quedlinburg, Goslar, Bad Harzburg, Dessau, Eisenach, Gotha, Naumburg, Weimar, Leipzig, Dresden, Königstein, Krivoklar, Prag, Wien, München, St. Gallen, Konstanz, Straßburg, Freiburg, Weinheim, Gießen, nach Hause, noch mal nach England, diesmal bis Cornwall und zurück, wieder nach Berlin, nach Marburg, Bremerhaven, zur Fortbildung nach Mannheim, zur Disco nach Heinsberg, immer wieder nach Köln, nach Mönchengladbach, liegengeblieben bist du in Göttingen, zur Arbeit hast du mich täglich gebracht nach Düren, nach Monschau, nach Eupen …

Unfälle habe ich mit dir gebaut, eine Person auf der Motorhaube gehabt, Laternenpfähle in die Stoßstange gehauen und andere Leute haben dich angestupst, aber alles hast du ausgehalten. Regen mochtest du nicht immer und verschlucktest dich manches Mal an irgendwelchen undichten Stellen. Aber wir haben es doch immer wieder hinbekommen. Du hast meine Mixtapes, die letzten „neuen“ von vor drei Jahren, abgespielt, warst aber am Ende auf einer Box taub, hast meine Haare im Wind wehen sehen, obwohl die Schiebedachöffnung in den letzten Jahren geschlossen bleiben musste …

Ich hänge mein Herz immer auch an meine Autos. Und wenn eines davon mir Freiheit geschenkt hat, dann bist du es gewesen.