Abglanz

Fotos sind nur ein Abglanz von der Wirklichkeit, denn die Luft auf der Haut und den Geruch in der Luft können sie nicht wiedergeben. Aber sie rufen die Erinnerungen wach. An den Moment und die Luft und die Haut und den Geruch. An das Gefühl.

Und weil es meistens gute Augenblicke sind, in denen wir Freizeitknipser einen Apparat zur Hand haben, ist es dies ein gutes. So wie gerade, als ich auf Stonehenge, die dänische Wanderdüne, den Strand von Oostende und die Palme in der karibischen Nacht sehe – und sie mich tief durchatmen lassen.

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Auswiegen

Das Schlechte ist uns oft so viel mehr Wert. Mehr Gefühle, mehr Kopfzerbrechen, mehr Leid. Wir lassen uns runterziehen von dem angeblich so Negativen um uns und teilen das unserer Umgebung durch unsere Laune, unsere Miene und die Körpersprache mit. Doch all dem Schlechten steht so viel Gutes entgegen. So oft, so viel. Nur bemerken wir es kaum. Es ist wie ein Schmetterling: Kurz da und schon weitergeflattert, während das Schlechte  haften bleibt wie die Raupe im Kokon.

Das Schlechte waren die Schläger der letzten Woche. Das Gute war das Mädchen aus der Schlägerklasse, das sich bei mir (die ich nicht ihre Lehrerin bin, wohl aber die des Geschlagenen) erkundigte, ob es ihm wieder besser geht. Das Schlechte sind die Jungen, die täglich über den Sprachfehler eines Mädchens lachen, und das Gute jenes Mädchen selbst, das sich zwar langsamer, aber viel empathischer und inhaltlich klarer als sie artikulieren kann. Und sich das auch zu tun wagt.

Immer wieder lässt das Schlechte mich zweifeln, wie lange ich diesen Job ausüben kann. Aber vielleicht wiege ich das Schlechte zu schwer. Vielleicht ist es nur mein Blick aufs Ganze, der noch unausgewogen ist.

Lebenssonnenstrahlen

Meistens fühle ich mich toll. Vielleicht lasse ich das ab und an auch zu sehr raushängen oder zeige das in meiner nicht immer ganz sympathischen besserwisserischen Art. Wenn ich „toll“ sage, meine ich allerdings nicht superhübsch oder umwerfend klug, sondern eher mit mir selbst vollkommen zufrieden, weil ich weiß, dass so viele meiner Entscheidungen die richtigen gewesen waren.

Ich führe in allen Bereichen ein so gutes Leben, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie es besser werden könnte: Bliebe es so, wie es ist, wäre es für den Menschen, der ich augenblicklich bin, perfekt. Und ja, Kinder gehören momentan weiterhin nicht dazu.

Manchmal glaube ich aber, Menschen wollen das gar nicht wissen, sondern finden oftmals mehr Anknüpfungspunkte bei den Leidern, den Unzufriedenen und den Weltenhassern. Nicht, dass ich das nicht alles auch einmal war. Alle Phasen habe ich vor allem zwischen 15 und 28 mehrmals und teils sehr intensiv durchlaufen. Aber ich bin froh, dass ich sie nun Jahre schon hinter mir gelassen habe.

Trotzdem gibt es Tage und Wochen, die mich umhauen. Wer hat die nicht? Sie ändern jedoch nichts an der dennoch vorhandenen Geschmeidigkeit meines Lebens. Es sind Stolpersteine, kleine Gemütsfallen, die durchschritten werden müssen, um zu genießen, was ein normaler Tag einem dann wieder bieten kann. Psychoterror in verschiedenster Weise vom Anfang der Woche löste sich ab mit befreiten Stunden, Lob von Schülern und einem erleichternden Gespräch mit dem Immobilienfinanzwirt am Ende der Werkwoche. Und wohl auch darum scheint heute Morgen nicht nur draußen die Sonne.

Sonnengeruch

Ein bisschen Sonnencreme, ein wenig Schweiß und leicht gebräunte Haut. Der Wasserdampf unter der Dusche setzt es frei: Dieses Aromagemisch von Sonne und Sommer und mir. Es gibt wenig Gerüche, die mich zufriedener machen.

(Leider roch dieser Sommer viel zu selten so.)

Der Eine im Konjunktiv

Nur mit einem würde sie ihrem Freund fremdgehen, sagte sie. Zumindest nur mit einem, den sie so deutlich benennen könne. Da gäbe es diesen jungenhaften Mann, der so anders sei, so anders wirke. Seit sieben Jahren kenne sie ihn. Sieben Jahre – vom Sehen. In Discos war er ihr zuerst aufgefallen. Dann in ihrem Viertel. Dann auf dem Weg zum Sport, weil sie immer da vorbei musste, wo er kellnerte. Alle paar Wochen, alle paar Monate aber mindestens trafen ihre Wege sich. So häufig, wie sie sonst niemanden zufällig sah. Und irgendwie habe das eine Bedeutung in ihrem Kopf.

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Ausbruch

In der Sekunde, in der ich die Augen aufschlage, weiß ich: Es wird sich ändern. Alles. Mein Leben. Komplett. Von unten nach oben wird es sich ändern. Warum? Weil ich es so will. Weil ich mich in den Arsch treten werde. Heute. Und nein, ich laber nicht dumm rum wie schon seit drei Jahren. Dauernd habe ich es vor mir hergeschoben, habe immer andere Ausreden gefunden, wenn doch die Wahrheit war: Die Sicherheit war zu bequem.

Aber das, was ich als Schutzzone empfunden habe, was ich zu brauchen dachte, um mein Dasein sinnvoll gestalten zu können, es ist trügerisch, falsch, an der Realität vorbei. Denn die sieht so aus: Dir kann immer überall alles passieren. Jeder kann jederzeit auf dich losgehen, seien es Menschen oder Naturgewalten. Sicherheiten sind der Kokon, in den wir uns eingewebt haben, und der kann durch Außeneinwirkungen zerstört werden oder durch mich selbst. Ja, durch mich, weil ich ihn aufbreche, mich aus ihm herausschäle, in die Welt luge, meine Flügel ausbreite und abhebe.

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Zwischen Ruhe und Tummel

Ich brauche diesen Blick. Jetzt. Ich brauche die Gewissheit, dass da unten eine Welt an mir vorbeifließt und ich keinen Einfluss auf sie nehme. Die Gedanken daran lassen mich zur Ruhe kommen.

Seit einer Woche bin ich in Edinburgh und entspanne, halte meine Nase in die Sonne oder in ein Buch, wähle mir aus, mit wem ich Oberflächlichkeiten tausche und erhalte meine Unterkunft frei, weil ich mich als Putzteufel versuche. Das sind die einzigen beiden Stunden, in denen ich wirklich etwas machen muss, in denen mein Leben nach einem Plan läuft.

Ist es nicht seltsam, dass man nach nur sieben Nächten das Gefühl haben kann, zum Inventar eines Hostels zu gehören?! So, als wäre man schon immer da gewesen, so, als wäre Edinburgh keine Reise-, sondern eine Lebensstation. Doch, es ist seltsam, denke ich, während mein Blick weiter über die Stadt schweift, denn immerhin habe ich kaum mit tatsächlichen Schotten zu tun. Und verstehe sie sowieso nur halb, wenn ihr eigentümliches Englisch über mich hinwegfliegt. Trotzdem ist es meine Stadt, die da unten liegt. Sie hat die richtige Mischung aus alt und neu, wobei sie eher zum Alten tendiert, aus konservativ und hip, aus Ruhe und Tummel. (Tummel? Ist das ein Wort? Manchmal, wenn ich zu viel Englisch geredet habe, bin ich mir nicht mehr sicher.)

Übrigens: Alex werde ich wiedersehen. Wir haben die gleiche Fähre nach Amsterdam gebucht. Also er hat meine gebucht. Ich war nämlich die erste. Nur, dass das klar ist.

(Ende der Reihe)