Ohne Sicherheiten

Vor drei Wochen fragte ein Schüler, ob es Krieg geben werde. Und ich antwortete mit „Ich hoffe nicht, aber es kann sein. Kommt ganz auf Putin an.“ Bei einzelnen Schülern hörte ich in anschließenden Kommentaren Bewunderung für ihn heraus, weil er den starken Mann gibt. Es war ein eher unreflektiertes Plappern jener, deren Elternhäuser Erdogan noch den Hof machen. Jedenfalls war kein russischstämmiger Schüler dabei.

Vor zehn Tagen baten sie, dass wir über den sich zuspitzenden Konflikt sprechen könnten. Ich wiegelte ab, dass ich erst einmal den Mittwoch abwarten wollte. Die US-Geheimdienste hatten ja für jenen Mittwoch den Angriff vorhergesagt und ich empfand es als Unruhestiftung seitens der Amerikaner, weil es so ein seltsamer Schachzug war, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Dennoch sprachen wir kurz darüber und als ich es später meinem Freund erzählte, nannte er mich grinsend einen Putinfreund. Ich hatte versucht, beide Seiten zu erklären: Teile der ukrainisch-russischen Geschichte, das vermutliche Versprechen nach der Wende an Russland, dass die Ukraine neutral bleiben, sich nicht der EU und der NATO zuwenden würde, dass es Putin lediglich um die Sicherung der Außengrenzen ging, dass die Ukraine aber als selbstständiger Staat eben das Recht haben müsse, ihre künftigen Verbindungen selbst zu bestimmen, …

Vor zwei Tagen, also an diesem Mittwoch, teilte ich Informationen zur Geschichte der Ukraine und zum aktuellen Konflikt in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und damit unterschiedlich komplex aus. In dem Kurs gibt es ein starkes Leistungsgefälle, was daran liegt, dass drei ehemalige Flüchtlingskinder mit dabei sind, und unsere SchülerInnen sowieso nicht zu den stärksten zählen. Die Stunde lief auf die Wahrscheinlichkeit eines Einmarsches in den Ostteil des Landes hinaus, um die von Putin mittlerweile als selbstständig anerkannten Regionen zu stützen. Ich denke, die meisten dachten zu diesem Zeitpunkt ähnlich wie ich. „Danke“, sagte einer der Schüler beim Verlassen des Raumes, „heute habe ich wirklich wieder etwas gelernt.“

Als ich am Donnerstag die Nachrichten beim Frühstück las, war die Schlagzeile, dass Putin die gesamte Ukraine angegriffen habe. Und ich hatte einen Kloß im Hals, weil ich so gar nicht begreifen wollte, was das bringen soll. Ich dachte an mein „Putin-Verständnis“, das im übrigen überhaupt nicht hieß, dass ich den Mann nicht absolut verachte und ihn für einen hinterhältigen und durch seine geringe Körpergröße psychisch beeinträchtigten Kerl halte, dem es nur um Macht geht, aber ich hatte eben zumindest versucht, mir sein Gebaren irgendwie zu erklären, die zwei Seiten einer Medaille zu sehen und dies noch am Vortag möglichst neutral zu vermitteln.

Nun sitzen meine SchülerInnen in den „Karnevalsferien“ und starren vermutlich viel zu oft auf irgendwelche Schlagzeilen, geteilt bei Insta und TikTok, lassen sich reinziehen in diesen Wahnsinn, der bei solchen Ereignissen mittlerweile immer in den Sozialen Netzwerken tobt und in dem es z.B. heißt, es könne etwas mit Tschernobyl geschehen, oder sehen die ganzen Angstbekundungen und Anteilnahmen, die geteilt werden. Und von denen ich wenig halte, weil sie nur der Massenhysterie in die Hände spielen.

Seit sieben Jahren ziehe ich eine Generation mit heran, die immer wieder solchen Ängsten ausgesetzt ist: Begonnen mit den Flüchtlingskindern aus Syrien ab 2015, aber verstärkt seit zwei Jahren durch den vermeintlich 3. Weltkrieg ausgelöst durch den Iran und die USA im Januar 2020 über die Corona-Meldungen über Impfängste über den Ukraine…krieg.

Schon Ende 2019 sagten Schüler zu mir, als sie erfuhren, dass meine Teeniezeit die 90er waren: „War das nicht ein tolle Zeit, Frau W.? Ich hätte auch so gerne in den 90ern gelebt!“ Und ja, natürlich gab es damals auch Kriege, im Irak, im damaligen Jugoslawien, aber sie rüttelten nie an dem Selbstverständnis, mit dem unsere Nicht-Kriegsgenerationseltern uns aufgezogen haben: Dass es hier keinen Krieg mehr geben wird. Und obwohl man sich als Jugendliche Sorgen um die Umweltzerstörung machte und es die alltäglichen Probleme im häuslichen Umfeld gab, wuchs ich in einer absoluten Sicherheit auf. Eine, die der 11. September mir nahm, die meine SchülerInnen aber nie hatten.

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