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Befindlichkeiten gehen mir mittlerweile ziemlich auf den … sorry .. Sack. Ich habe einfach keine Lust mehr nach anderthalb Jahren Eiertanz noch Rücksicht zu nehmen. Und nehme sie doch, aber innerlich bin ich unglaublich nah am Kippmodus. Meistens kippt es zur emotional zu leicht rührbaren Seite und mir steigen Tränen für Dinge in die Augen, die ich früher einfach hingenommen hätte.

Ängste hatte ich nie, nie um jemanden in meinem Umfeld, Sorge ein bisschen um meinen Bruder, der als ehester zu einer Risikogruppe gehörte. Dauernd las ich mir irgendwelche neuen Entwicklungen und neues Wissen an, informierte mich über alle Seiten so gut ich konnte, verglich mit meinem doch einigermaßen geschulten Hirn die Infos und lebte mit den Einschränkungen, die mein Umfeld und der Staat mir vorhielten, weil ich Vorsicht für die weitaus bessere Option halte und es mir als Beamtin auch gut erlauben konnte.

Stets versuchte ich meinen SchülerInnen ein Vorbild zu sein, besprach mit ihnen, was es zu besprechen gab und versuchte ihnen doch, soweit irgend möglich, ein bisschen Normalität zu geben. Wir sagten die Klassenfahrt im Herbst ab, machten aber zumindest einen eintägigen Ausflug in den Erlebnispark. Und nachher zermarterte ich mir den Kopf, wie unverantwortlich die Busfahrt dahin war – obwohl nahezu alle SchülerInnen täglich zur Schule den Bus nahmen.

Von Anfang Januar bis zur 3. Februarwoche strukturierte ich den Unterricht wieder aufs Distanzlernen um und hoffte jede Woche, doch wieder in der nächsten in die Schule zu dürfen, weil meine SchülerInnen überwiegend zu den schlecht Ausgestatteten zählten. Und weil sie zuhause litten. Manche wussten es vielleicht nicht, weil es doch so cool ist, nur Minimalarbeit für die Schule zu leisten, aber dass es für die 14- bis 16-jährigen eine emotionale Katastrophe ist, zuhause zu hocken, … Jaja, damals während des Krieges war alles noch schlimmer und meine Großeltern haben sicherlich noch mehr mitgemacht, das weiß ich auch.

Es geht auch gar nicht um die Befindlichkeiten der SchülerInnen, auf den Piss gingen mir die der Erwachsenen. Sonderwünsche, die LehrerkollegInnen durchbekamen und die in keiner anderen Arbeitsgruppe möglich gewesen wären, Informatiklehrer, die nicht online unterrichten konnten, weil das ja „nicht geht“ und Mathelehrer, die im Monat eine Aufgabe stellten, und Englischlehrerinnen, die die Hälfte der Hälfte der Klasse unterrichten wollten, aber nicht mehr, und Biolehrerinnen, die zwar die 8a, nicht aber die 8b oder die 9a und die 9c unterrichten wollten, weil die ja nicht die zuverlässig die Masken trugen. Und allem wurde stattgegeben. Auf den Rücken von anderen halt.

Die Dauerbeschallung zum Thema auf sämtlichen Kanälen führt bei vielen zu noch mehr Ängsten, ja, zur Hysterie und einige bleiben erstaunlich weiter so ungebildet. Zehnmal konnte ich bestimmten Leuten sagen, dass es in den NRW-Notverordnungen keine Einschränkungen im Privaten gab, man da offenbar auf die Vernunft der Menschen setzte, und erst die Bundesnotbremse auch ins Private eingriff. Hundertmal konnte ich erklären, dass der Kleine Grenzverkehr zu uns zuließ, dass wir weiter besucht werden konnten … Wie hilflos ich mich manchmal fühlte. Als wäre ich ein Querdenker, ein Verweigerer, nur weil ich Dinge checkte, die ich von jedem annahm, dass er/sie sie auch verstehen müssten.

Viele fühlen eine innere Schere, die Zensur im Kopf, weil sie wissen, dass Hinterfragen und Vergleichen oft gar nicht gewünscht ist. Ich las schon früh, dass Forscher herausgefunden haben, dass Menschen unter 27 eigentlich keinen Nutzen von der Impfung haben, es sei denn, sie gehören zu einer Risikogruppe, und darum verstehe ich auch die Diskussionen nicht. Doch, ich verstehe sie und muss sie hier von keinem erklärt bekommen, man hatte ja die Hoffnung, dass Covid dann von Geimpften auch nicht weitergegeben werden kann, aber ich ziehe aus ihnen nicht, dass ich als Lehrerin weiter nur eingeschränkt arbeiten gehen muss, wenn die Ferien vorbei und es keine Impfempfehlung für SchülerInnen gibt. Ich brauche keine geimpften SchülerInnen, um zu unterrichten.

0.0009%: So hoch ist laut Oxford Risk Calculator mein Risiko an Covid zu sterben. Und mittlerweile bin ich geimpft, denn ja, ich glaube an die Medizin. In einem Arzthaushalt mit einer Krankenschwester als Mutter aufzuwachsen lässt einen manche Sachen vielleicht blauäugig sehen … oder realistisch. Wer weiß das schon?

Wir müssen wieder ins Leben zurückfinden. Und darum denke ich auch nicht, dass die Engländer oder die Niederländer zu verdammen sind, nur weil sie vom deutschen Kurs abweichen. Wenn die Vulnerablen und die, die geimpft werden wollen, geimpft sind, hat man schon viele Vorkehrungen getroffen. Scheinbar werden wir keine Herdenimmunität erreichen und müssen lernen, mit Unsicherheiten z.B. wegen neuer Mutationen umzugehen.

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