Zurechtgebogen

Irgendwie hatte ich gehofft, dass er sich meldet. Doch erst abends kam ich dazu, in meine Mails zu schauen. Und hatte neue Post. Eigentlich hatte ich keine mehr offen, deswegen hatte ich direkt den aufblitzenden Funken Hoffnung, dass er mir geschrieben hatte. Doch ich erstickte ihn.

Diesmal hatte der Funke jedoch ein Recht entzündet zu werden, denn die Mail war von ihm: Ob ich seinen Abend für ihn rekonstruieren könne, wieso seine Hose nass gewesen sei, ob wir was miteinander gehabt haben, wie er nach Hause gekommen sei, wieso er mehr Geld im Portemonnaie hatte als zu Beginn des Abends.

So viele Fragen um die wichtigste herum, ob wir was miteinander gehabt haben. Offenbar hatte sein sturztrunkenes Hirn mich in seinen Armen und seinen Mund in meinem Haar in Erinnerung.

Ich habe ihm, mal wieder ziemlich ehrlich, zurückgeschrieben. Wie der Abend war, was er gesagt hat (auch die Sache mit den wertlosen Küssen, und dass sie das für mich nie waren – wertlos). Er wird von mir keine Lügen hören. Ich bin damit fertig, mich so hinzustellen, als ginge mich nichts was an, als berühre mich alles nicht. Ich bin mir nicht sicher, was er nun schreiben sollte. Im Gegensatz zu ihm habe ich nur eine Frage gestellt, am Ende der Mail: „Bist du nun erleichtert?“ – dass wir nichts miteinander gehabt haben.

Es sollte mich vielleicht abschrecken, jemanden vor mir zu haben, der so vehement behauptet, wie wertlos frühere Küsse gewesen sind, und der andererseits die Arme um einen liegen hat, die Nähe fast schon sucht, sogar dann, wenn ich die Arme verschränkt halte, und …

Es hat alles etwas mit Zerrissenheit zu tun. Es ist eine Zerrissenheit, die ich auch ohne Alkohol kenne und nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, wie er die Welt sieht, ich weiß nur, dass in mir im Moment so viele Zweifel sind, wie ich leben und mein Leben gestalten möchte. Ich glaube, ich werde immer wieder aus den Grenzen ausbrechen wollen, auf der Suche nach mehr und mit dem Willen nach Freiheit. Manchmal denke ich an den warmen Sand unter meinen Füßen und das Meer in Reichweite. Ich denke an das ursprüngliche, einfache Leben. Ich bin einerseits so sehr ein „Ich lebe jetzt“-Vertreter, doch schalte ich meine Vernunft ein, kommt direkt die Frage: „Und was ist mit später?“ Dazwischen zerreiße ich. Ich habe kein Lebenskonzept. Ich glaube, ich könnte in vielem gut sein; aber was ist es, das ich wirklich will?

Nächster Tag:

Als ich gestern Nacht ins Bett gegangen bin, hatte ich kurze Zeit später so ein seltsam warmes Gefühl, das mich zur Überzeugung kommen ließ, D. müsse sich gemeldet haben. Wie dumm, oder? Aber heute morgen sah ich, dass tatsächlich eine Mail von ihm auf mich wartete. Und er bestätigt mich und das, was ich über unsere Küsse denke, wenn er schreibt: „übrigens war das von meiner seite eigentlich nie wertfrei, auch wenn ich das gerne behaupte, wenn ich voll bin. ich fands immer schön und kann mir wirklich nicht vorstellen, aus welchem ‚vernünftigen‘ grund ich ein solches angebot ausschlagen konnte. oh mann, depp…“

(27jähriges Ich, das seelisch verbunden bleibt, Januar 2009)

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