Fußballfieber – Beziehungsfrost

Deutschland ist im Halbfinale. Ganz Deutschland feiert, als ob wir schon gewonnen hätten. Ganz Deutschland? Nein. In einem kleinen Zimmer hat ein Mädchen krebsrote Augen und weint und weint und weint. Ich hab mich so gefreut, dass wir gewonnen haben, dass der Krimi für uns gut ausging, aber schon während des Spiels hatten F. und ich Probleme. Ich bin überhaupt kein extrovertierter Mensch, ich mag es gar nicht aufzufallen und mit F. als Freund tue ich das, weil er in beschissener Tonlage mitgrölen muss und mir ins Ohr pfeift, weil er meine Lippen mit zwei Fingern zerquetscht und nicht glaubt, dass es wehtut. Und weil ich ihm gestern nach der Disco keine SMS schrieb, da er eh schlief und ich kaum Guthaben auf dem Handy habe, war er zickig. Er hielt es mir während des Spiels vor und meinte, dass er das demnächst auch machen würde.

„Dann mach es“, ich habe wirklich keine Lust mehr auf diese Kindereien.

„Ist dir egal, ja? Und wenn ich hier mit ner Tuse was anfangen würde, dann wär dir das auch egal oder wie?“

Ehrlich: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Also habe ich nicht darauf reagiert.

Nach dem Spiel wollte ich zu Sabrina und ihrem Freund, die die Straße ein bisschen weiter hoch standen. F. aber musste sich erst einmal betrunken auf zwei wacklige, auf dem Pflasterstein stehende Stühle stellen und telefonieren. Und von den Stühlen fallen und weitertelefonieren, statt aufzustehen und zuzugeben, dass er sich wehgetan hat. Damit hatte er die Aufmerksamkeit aller Leute um uns auf uns gezogen, was ich ja am meisten hasse. Während er noch immer telefonierte, löste ich seinen Fuß, der zwischen zwei Stühlen eingeklemmt war: Dafür musste ich ihm den Schuh ausziehen, den er auf einer gepolsterten Bank wieder anzog, auf der er einen schönen Fußabdruck hinterließ. Mir war das alles so unangenehm und ich wollte weg. Aber nein, F. musste immer noch weitertelefonieren und sein Gespräch zu ende führen. Dann meinte er: „Wenn ich dir so peinlich bin, dann geh doch.“

Was ich nicht tat. Er forderte mich noch einmal auf, aber ich tat es wieder nicht. Dann sah er, dass er sich beim Sturz am Arm verletzt hatte, und als ich das Blut sah, wollte ich sehen, ob an seinem Rücken auch was ist. Ich sah nur Eindrücke, die morgen blau sein werden, so wie er heute, aber kein Blut.

Er meinte in diesem Zusammenhang irgendwie: „Komm…“

Und ich dachte, wir würden endlich zu Sabrina gehen, aber…

„…geh doch, wenn du dich für mich schämst.“

Ich hatte mich umgedreht, dachte ja zu Beginn des Satzes, wir würden zusammen weggehen, aber als ich nun den Rest hörte, bin ich wirklich gegangen. Alleine. Irgendwann ist gut.

Bei Sabrina erzählte ich ihr kurz, was war und ging weinend durch die feiernde Stadt nach Hause. Wo ich jetzt bin. Von F. kein Wort bisher. Und wenn er jetzt wirklich feiern kann, dann ist er das Letzte…

Ich fühle mich alleine, ich bin traurig und wütend und ich versteh nicht, wieso er immer noch eins draufsetzen muss. Wieso er in seinen Augen immer Recht hat, wieso er glaubt, mich so behandeln zu können. Es sind solche Momente, in denen ich nicht an eine Zukunft glaube. Mir ist schlecht. So schlecht.

(24jähriges Ich, Juni 2006, immer noch mit dem Typen zusammen, von dem mein heutiges Ich schreit: Warum?!)

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