Der Individualist

Selbstvergessen tanzt er, selbstvergessen, wie sonst kaum ein Mann. Er lächelt manchmal und sein gesamten Gesicht feuert die gute Laune ab – in alle Richtungen, aber in keine bestimmte. Irgendwann kann er sich nicht halten und springt auf die kleine Bühne, um dort zu seiner Lieblingsband abzugehen, vielleicht in der Hoffnung, alle anderen mitzureißen. Denn nun sucht er Blickkontakt mit anderen. Mit mir. Nicht mit mir. Mit allen und keinem.

Nicht nur durch sein Tanzen fällt er auf. Auch wenn er mit dem klapprigen Rad durch die Straßen fährt, vorne eine Holzkiste, ist es, als wäre die Zeit in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts stehen geblieben. Die Schirmmütze, die Hosenträger, die Stoffhose, die Haltung, das arglose Lächeln auf seinem Gesicht. Arglos, weil Menschen damals zwar sicherlich auch grausam sein konnten, aber man noch nicht ahnte, wie sehr.

Würde er einen Spazierstock über der Schulter haben mit einem daran hängenden Kleiderbündel, würde er nur Tagelöhnerjobs annehmen und sich nicht um Rente und seine Zukunft scheren, würde er nur ein paar Hosen zu wechseln haben und in einer Wohnung ohne eigenes Bad leben, keinen würde es verwundern.

Es gibt wenig wirkliche Individualisten. Ist er einer? In seinem Herzen, ist er da einer?

8 Gedanken zu “Der Individualist

  1. Solche Menschen können faszinieren. Aber nicht alle können es. Könnten es alle, wäre letztlich niemand mehr ein Individualist.

    Ich weiß nicht, ob ich in einer Welt voller Individualisten leben möchte oder könnte. Ich glaube eher nicht.

    Ich versuche zu verstehen, dass jeder Mensch ein bisschen Individualist ist. Das ist der Teil, der etwas von seiner Besonderheit ausmacht. Wenn es freilich seine ganze Besonderheit ausmachen würde, würde mich das ängstigen.

    Das Thema ist schwieriger und differenzierter als es zunächst scheint …

    Aber ich will es nicht zerreden. – Dein Text ist sehr schön. Wieder einmal widerspiegelt er feine Beobachtung, aus der Phantasie geboren wurde. Das ist großartig!

    Liebe Sonntagabendgrüße für Dich, Stefanie!

    1. Faszinierend finde ich den Dargestellten auf jeden Fall. Er flitzt auch tatsächlich hier in der Stadt so rum – es ist also weniger aus der Phantasie geboren, als mal wieder sehr aus der Realität entnommen.
      Aber du hast vermutlich Recht: Wie viele Individualisten verträgt die Welt? So habe ich es eigentlich noch nie gesehen. Andererseits: In einer aktuellen Umfrage unter Jugendlichen, erklären sie, dass sie angepasst sein wollen, dass sie eben gerade nicht sonderlich auffallen möchten. Auffallen tut man lediglich durch die Länge der falschen Nägel und Tattoos. Zu meinen Schulzeiten gab es noch ganze Gruppen, wie die Heavy Metaller, die Skater, die Supernerds. An allen Schulen, an denen ich bisher war (vier) hat es so eine Gruppenkultur nicht mehr gegeben. Schade.

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