Die Kartoffelweise

Das Bild der Großmutter vor Augen, die jeden Tag, den die Enkelin vorbeikam, auf der Couch gelegen hat. Rheuma angeblich, aber die Unlust am Leben vielleicht irgendwie auch. Von Depressionen sprach man damals nicht. Hatte sie sie? Oder einfach nur ein Leben, das sie niedergerungen hatte? Oder doch nur das Rheuma? Und „nur“ am besten in Anführungszeichen, weil … Vermutlich ist es wie mit Migräne. Wenn man es nie hatte, glaubt man, es dürfe doch eigentlich nicht allzu schlimm sein.

Und nun also selbst Couchpotato? Irgendwo in einer Frauenzeitschrift beim Arzt hatte gestanden, ab 35 entscheide es sich, zu welchem Typ Mensch man tendiere. Zu jenem oder zum aktiven Dauersportler. Was dazwischen war nicht wirklich zur Sprache gekommen. Schaute sie auf ihre letzten Monate, ihre letzten Jahre, vor allem während der Winterzeit, schien sie zur Kartoffel geworden zu sein. Manchmal noch ein kleines Aufbäumen, ein Drang in die Freiheit, die Welt, die Natur, aber meistens motivationslos auf dem Sofa in der schon perfekt eingelegenen Kuhle. Tausend Ausreden gab es dafür. Ausreden, die teils sicher auch Gründe waren, aber doch eben nur teils. Andere Menschen schafften es ja trotz gleichen Jobs auch aktiv zu sein, zu bleiben, sich hochzuheben vom Nachmittagsschläfchen und danach den Tag noch einmal mit etwas zu füllen. Oder den Abend. Sie meistens nicht.

Dass sie nicht mehr schrieb, schob sie auf die vermehrte Tabletnutzung, die ihr das Schreibgefühl vermieste. Den mangelnden Sport schob sie auf das durch ihn nicht hervorgerufene Lustgefühl. Die mangelnden Treffen mit Freundinnen darauf, dass diese zu weit weg wohnten und sie kein Auto mehr hatte. Alles ließ sich begründen. Aber an ihr lag es dennoch. Es ließen sich ja Lösungen finden. Aber nicht, wenn man keine Muße hat, sie zu suchen.

Überhaupt: Muße ist auch so eine Ausrede von ihr. Vonwegen, sie nähme sich eben Zeit und Muße zu tun, was sie wolle. Und das sei nun mal ihr dämliches Internetspiel zu spielen und ihre teils ebenso gehirnflache Serien zu schauen. Und damit zu entspannen von einem weiteren Tag, der ja, auch sicherlich geistig und emotional überwiegend sehr zermürbend war.

Die Wahrheit aber schiebt sich so langsam vor die Ausreden: Dass sie ihre Zeit verleben lässt. Und dass das ein Ende haben muss.

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