Worte genug

Komplexe Zusammenhänge in einfache Worte kleiden. Und dabei die Worte genau auswählen, damit sie exakt treffen, was im Kopf herumschwirrt und dort für große Unordnung sorgt. Und für das Verlangen. Eben nach diesen: Den richtigen Worten für all das. Wie eine Katze, die sich vom eigenen Schwanz gejagt fühlt und ihm doch nie entkommen kann.

In der Zeit, in der ich aufwuchs, war das Leben als etwas Generelles innerhalb der Welt in Ordnung. Zumindest vermittelten mir meine Eltern den Eindruck, dass die persönlichen Probleme, die wir in unserer Familie hatten, weitaus bedeutsamer waren als die, die die Welt zu haben schien. Weltprobleme schienen unendlich weit entfernt, Familienprobleme dagegen waren dauernd da, dauernd greifbar. Aber dies war natürlich auch die Perspektive einer Jugendlichen, die als Gruppe laut Definition sehr egozentrisch an alles herangehen und sich selbst als Nabel der Welt erfühlen. (Wenngleich sie andererseits alle Weltenprobleme durch einfachste Lösungen ausmerzen zu können meinen …)

Doch als Heranwachsende ließ ich mich auch infiltrieren durch die zahlreichen Serien der 90er und 2000er Jahre, in denen im Mittelpunkt standen: Liebe und Freunde. Sei es „Willkommen im Leben“, „Dawson’s Creek“, „Sex and the City“ oder „Gilmore Girls“ und ja, im Grunde selbst „Bones“. All meine Serien bauten sich stets um ein langverhindertes Liebespaar und viele freundliche Charaktere herum auf. Und so war auch meine Welt: Mehr als genug Freundschaften gab es, mit denen dann im Einzelnen meine im Grunde nicht vorhandene, aber doch so tief empfundene, Beziehung zu Mr. X durchgekaut werden konnte.

Und all mein Leid, in das mich so gerne ergab, war begründet in nur ebendiesem: dem Gefühl der unerwiderten Liebe. Natürlich ist das schmerzhaft, vor allem wenn so viel Hoffnung, so viel „wir“ existierte. Aber dass alles daneben so häufig verblasste? Alles, was so gut, so wunderbar, so richtig, so glücklichmachend war? Ich übersah nie, dass ich ein Glückspilz war, oft genug fühlte ich es, weil ich es fühlen musste, weil mein Leben so ein gutes gewesen ist. Aber ach, dieses Leid … (Ihr seht mich die Augen rollen.)

Nun schaue ich mich um, hatte eben den besten Ausblick aus dem Arbeitszimmerfenster, schaute auf herbstfarbenfrohe Wälder unter einem blauen Himmel, sah die Nachbarshäuschen, die sich an den Hang schmiegten, fast unsichtbar von den durch ihre Besitzer gepflanzten Bäumen. Und ich weiß, dass ich hier in den 90ern lebe, weil die Welt so, so in Ordnung ist. Es ist dieses kleine Kaff am Landesrand, in dem der schlimmste Polizeieinsatz dieses Jahr vermutlich der rauchende Wagen auf der Hauptstraße gewesen ist. Ein Kaff, angebunden an eine Großstadt, mit Zugang zur freien Natur, wo es so viel geregnet hat, dass ich verstünde, wieso alle nach hier kommen wollten: Weil es hier heil bleiben wird. In meinem Kopf zumindest wird das hier die Zuflucht vor Klimakatastrophen sein.

Dieses komplett perfekte Leben, das ich bisher hatte. Es war nie perfekt-perfekt. Aber doch war das Schlimmste, was in ihm und was in all meinen Serien passsierte, dass Gefühle durcheinandergewirbelt worden sind. Das ist alles. Ich bin so verdammt piviligiert gewesen. Immer schon. Alles, was ich machen wollte, habe ich machen können. Es war immer genug. Ich war genug. Selbst als ich dem einen nicht genug war, war ich mir genug. Aber so richtig begriffen habe ich das vielleicht erst jetzt.

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