Das smarte Opium

Warum hast du eigentlich immer noch kein Smartphone?, fragte gestern eine meiner ältesten Freundinnen mich. Eventuell auch hervorgerufen durch die Tatsache, dass die SMS, die sie mir schreiben wollte, bei ihr nicht abgeschickt wurde und sie keine Ahnung hatte, warum nicht. Und vor zwei Tagen las ich einen Bericht (oder eine Klage) über Digital Detox. Und heute überzeuge ich mich, aufzustehen, meinen Laptop viel zu früh zu mir ins Bett zu holen und bei einem Internetspiel wenigstens eine kleine Aktion auszuführen, weil mir das später am Tag beim Spiel helfen wird.

Ich fürchte, ich neige zur Sucht. Und damit ist im Endeffekt auch schon der beste Grund genannt, warum ein Smartphone nicht in meinen Besitz gelangen sollte. Nun halte ich mich für vernünftig, reflektiert und stark. Aber dieses Spiel hat mich in den ersten Monaten dazu verleitet, insgesamt 55 Euro dafür auszugeben. Das ist immerhin seit sechs Wochen nicht mehr passiert, weil ich mich jetzt besser unter Kontrolle habe, aber wenn ich z.B. ein Smartphone hätte und immer und überall spielen könnte?!

Wenn ich Langeweile habe, greife ich weniger oft zu einem Buch, sondern hatte vor Jahren sehr intensiv begonnen, diesen Blog zu füttern, versackte dann ein paar Monate lang zu häufig vor Instagram und habe nun eine andere, leider eben zum Geldausgeben animierende Beschäftigung gefunden. Ich frage mich, ab wann es Sucht ist und halte es für ein gutes Zeichen, dass das Spiel mich nun ab und zu schon nervt.

Trotzdem. Ein Smartphone benötige ich aus anderen Gründen auch nicht. Vor allem weil ich die Abhängigkeit hasse. Weil das dauernde Starren darauf den Blick von der Welt wegnimmt. Und vielleicht ist das der noch wichtigere Grund. Wenn wir glücklich beseelt auf das Gerät in unseren Händen starren, wenn wir alles darüber abwickeln können, die Schönheiten der Welt auf Instagram bestaunen und ihnen dann höchstens in der Realität hinterher laufen, warum sollten wir die Welt, die wir zu faul sind selbstständig zu entdecken, jemals wirklich lieben? Sind wir nicht schon längst eingelullt? Ist nicht das, das wirkliche Opium des Volkes geworden?

Natürlich, es formiert sich auch Widerstand über das Netz, über die Smartphones. Nie ist etwas nur schlecht, aber auch schon die Verfolgbarkeit, dass man weiß, was ich mache, was ich mag, wo ich bin, die Übermittlung meiner Daten, die Aufgabe meiner Privatssphäre … All das sind Konsequenzen, die ich nicht in Kauf nehmen will. Mein billiges kleines Nokia verrät sicher auch den Standort – so ungefähr. Aber ich fühle mich nicht gläsern.

Und dann ist da noch die Vereinigung der Dummen. Das Internet bzw. vor allem die Smartphone-Nutzung scheint dazu zu führen, dass die Leute das Nachdenken teilt komplett eingestellt haben. Sie haben das allwissendste Teil der Geschichte in den Händen, aber die Fragen, die z.B. in den Gruppen jenes Sucht-Spieles gestellt werden … Unglaublich! Manchmal wundere ich mich, ob man zu faul oder zu dumm ist, die Antwort auf seine Probleme einfach zu googeln. Bewahre, die Suchdienste haben auch nicht immer die korrekte Lösung, aber ich habe das Setzungsprogramm Latex mir alleine für meine Doktorarbeit beibringen können, nur weil ich über die Suchprogramme und richtig gestellte Fragen auf Foreneinträge gelangt bin. Doch selbst dazu sind die Menschen zu dumm geworden.

Versteht mich nicht falsch. Das Internet und das Smartphone sollen hier nicht verdammt werden. Nur der sich oft abzeichnende Umgang mit ihnen. Ich habe zum Beipspiel kein Navi, sondern schaue mir die Route vorher an, schreibe mir die Richtungen und Autobahnen auf und fahre los. Und vor einer Woche bemerkte ich, dass ich falsch fuhr, weil die Sonne zu konstant woanders stand, als sie hätte stehen müssen. (Immerhin fuhr ich Richtung Norden …) Mit Smartphone wäre mir das Verfahren sicher nicht passiert. Aber das selbstständige Denken auch nicht.

Und das ärgert mich. Dass wir wieder zu Jüngern werden. Zu Folgern. Dass zu viel von uns die große Masse ergeben, die eingelullt durch Dauerblick auf das Gerät durchs Leben gehen. Wie wichtig kann einem eine Umwelt sein, wenn man sie oft kaummals wahrnimmt?!

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