Großtantliche Geschenke

Über die Großtante wurde oft mit dem Kopf geschüttelt. Aber vielleicht ließ es häufig eher den Anstand und die Empathie der Kopfschüttelfraktion missen, vielleicht hatte sie es so nicht verdient. Immerhin war sie, Jahrgang 1922, eine der wenigen Ärztinnen gewesen – wenngleich ihre Nähe zum Regime noch in der direkt nach dem Krieg erschienenen Doktorarbeit zu eng war. Immerhin lebte sie selbstbestimmt und unabhängig – wenngleich sie die jahrzehntelange Geliebte eines Arztes war, der seine Frau nie verlassen hätte, weil man das so nicht macht. Immerhin kannte sie ihren Wert und ihre intelektuelle Überlegenheit – wenngleich sie sie allen anderen Frauen gegenüber zu sehr heraushängen ließ. Frauen, so schien es oft, verachtete sie. Fehler verzieh sie ihnen viel weniger als den Männern.

Sie war keine angenehme Person und vielleicht war es darum so leicht, den Kopf zu schütteln und sich zu denken: Ach, Tante M.! Danke für die Stofftaschentücher zum Geburtstag und zu Weihnachten, die ich nie brauchen werde, und die du in Dreierpacks verschenkfertig für jede Gelegenheit im Schrank liegen hast. Danke für die unförmigen Nachthemden, in denen wir Frauen das verstecken sollen, was dir so auseinander gelaufen ist. Und danke für deine Erinnerungen, die du stets mit uns teilst, die schlüpfrigen, interessanten Details dann aber verschweigst.

Wegen der Taschentücher musste ich heute an sie denken. Weil ich unsere Stofftaschentücher eben bügelte und wegfaltete. Und weil ich die sechs von ihr, 25 Jahre nach jenen zwei Weihnachten, zu denen ich sie bekam, noch stets habe – und benutze, vor allem seit ich vor ca. fünf Jahren dachte, was für eine Verschwendung solche aus Papier sind. Taschentücher braucht man wirklich immer. Und da hatte sie ganz Recht mit, sie zu verschenken. Aber unpersönlich war es eben auch. Vor allem für eine Zehnjährige. Wenigstens war ich noch zu jung für jene Großmutternachthemden gewesen. Aber vielleicht sind die ja mittlerweile auch wieder in Mode?! Und schlimmer als meine löchrigen Schlafshirts können sie eh nicht gewesen sein.

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