„Die Nazis und die Juden“

Vermutlich sind sie dafür in der 7. Klasse am empfänglichsten. Vielleicht kann man sie, so kurz um den Einbruch der Pubertät, am meisten beeinflussen. Und ja, hier muss ich wohl „beeinflussen“ schreiben oder „formen“. Denn das wollen wir doch, oder? Sie zu guten Menschen erziehen. (Wie auch immer man genau das „gut“ definiert.)

Man muss vorsichtig sein, wie man dies schreibt und sich selbst darstellt. Keinesfalls darf man manipulativ wirken, ganz gewiss nicht so, als wolle man Kinder und Jugendliche nach seinem ganz persönlichen inneren Bild erziehen und, ja, eben formen. Aber im Grunde ist es das, was von uns Lehrern doch auch verlangt wird, was wir leisten möchten und sollen. Wir sollen kaum noch Wissen lehren, denn das sei ja mittlerweile überall abrufbar und bringe nichts, stattdessen sollen wir Kompetenzen beibringen, um z.B. das im Internet gefundene Wissen zu filtern, sodass die Schüler selbst ausloten können, wie qualitativ z.B. ihre Quelle ist. Wir sollen nun also Schüler hauptsächlich zur Menschlichkeit, Toleranz, zum guten Umgang miteinander erziehen.

Und ich frage mich nur so nebenbei, ob das nicht eigentlich immer inklusiv neben der auch nicht viel mehr als rudimentären Bildung, die wir vor 25 Jahren schon vermittelt bekommen haben, gewesen ist. Hat nicht eventuell die Auseinandersetzung mit den Bildungsinhalten uns empfänglicher für Menschlichkeit und Toleranz gemacht? Ist das nicht auch ein Grund, aus dem man Bücher im Unterricht liest, Gedichte analysiert, Klassiker hervorkramt?! (Wie haben im übrigen meine Neuner den „Besuch der alten Dame“ in diesem Schuljahr geliebt. Als ich sie fragte, ob man es immer noch in der Schule lesen könne oder es komplett an ihrer Lebenswelt vorbei, weil schon so alt, sei, widersprachen sie mir vehement. Sie hatten Spaß an der Diskussion, an den Überlegungen über Unrecht, Recht, Todesstrafe. Sie wollten schauspielern, sich einfinden in diese Figuren und haben tolle innere Monologe verfasst. Und ich rede von Schülern einer nordrheinwestfälischen, sterbenden Realschule. Literaturunterricht ist nicht tot. Auch nicht für Schüler der sogenannten bildungsfernen Haushalte.)

Mir geht es aber eigentlich um „die Nazis und die Juden“, um Deutschland im 3. Reich. Im Geschichtsunterricht, den ich nur chronologisch unterrichtet kenne, ist das Thema des 1. Halbjahres der 10. Klasse. Sehr spät also. Mit 16 sind die vielleicht von älteren Geschwistern, Eltern oder Verwandten, coolen Freunden wiedergekauten Meinungen schon viel zu gesetzt. Aber mit 12, 13 kann man die Schüler noch packen. Sie wollen wissen, was gewesen ist, und sie wollen verstehen, wie es sein konnte. Und hier habe ich die Verantwortung, sie zu formen, sie vom rechten Gedankengut wegzuhalten und ihre Kritikfähigkeit zu aktivieren. Und ja, in gewisser Weise manipuliere ich sie, rücke die Geschichte an sie heran, wenn ich immer wieder den muslimischen Glauben der Hälfte meiner Schüler und die Einwanderungsgeschichten ihrer Familien in Verbindung mit denen der Juden bringe.

Ausgehend vom Buch „Um ein Haar“, das die Geschichte des jüdischen Mädchens Rosemarie (eigentlich die Autorin Marietta Moskin) nachvollzieht, setzten wir uns mit dem Beginn der Judenverfolgung, der Maßnahmen gegen sie, der Einweisung in die Lager und dem Lagerleben auseinander. Weil Rosies und Anne Franks Geschichte erschreckend ähnlich verlaufen, habe ich, anfangs etwas verwirrend für die Schüler, parallel die Verfilmung mit Ben Kingsley geschaut. So wurde die Geschichte des Buches veranschaulicht und zugleich eine Geschichte mit anderem, leider so viel häufigerem Ausgang gezeigt. Denn im Gegensatz zu Anne Frank überlebte Mariette Moskins enge Familie die Lager aufgrund besserer Kontakte und der „Südamerika-Pässe“.

Am Ende des Buches erhielt ich auf meine Nachfrage von welchem Themenbereich sie mehr wissen wollte, dennoch (neben sinnvollen Beiträgen, z.B. dass sie gerne Zeitzeugen kennenlernen würden) die unreflektierten Anfragen, die „Toten in den Gaskammern“ oder verschiedene Tötungsmöglichkeiten von Menschen zu sehen. Aber im Gespräch mit den Schülern konnten sie dann immerhin von sich aus herleiten, warum ich ihnen genau diese Sensationsgier nicht befriedigen würde. Stattdessen zeigte ich ihnen die Dokumentation „Sklaven der Gaskammer“, in der die Männer des Sonderkommandos Auschwitz von ihrer furchtbaren Aufgabe berichten und man nur die Überreste der Gaskammern sowie Zeichnungen sieht. Erst war ich mir nicht sicher, ob die Dokumentation nicht zu „ruhig“ für die Schüler wäre, die ja schnelle Schnitte und krasse Bilder gewöhnt sind. Aber für die 45 Minuten benötigten wir zwei Schulstunden, weil wir immer wieder stoppten, erklärten, reflektierten und mit den Männern fühlten.

Wir fühlten mit ihnen. Und wir fühlten mit den Menschen, die dort gestorben waren, weil wir durch Rosie und Anne Verbindung mit ihnen aufgebaut hatten. „Warum hat man den Juden das angetan? Warum wurden sie so gehasst? Kann so etwas noch einmal passieren? Mit den Muslimen? …“ So stellten wir auch immer wieder Gegenwartsbezug her. Und ich hoffe, ich hoffe, sie haben verstanden und ihre Herzen bleiben offen.

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2 Gedanken zu “„Die Nazis und die Juden“

  1. Hallo Stefanini,
    was mir dazu einfällt, sind folgende Stichpunkt:
    – integrativer Geschichtsunterricht in Deutsch: Das Tagebuch der Anne Frank kann ggf. schon in der 7. Klasse behandelt werden
    – in der 8. Klasse wird meines Wissens nach die Hexenverfolgung behandelt, ggf. kann mir mal eine globale Einheit Verfolgung, Hetze, Vorurteile einbauen, Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich und viele Themen haben Parallelen, die es sich zu diskutieren lohnt.
    Und ja, das Thema ist wichtig und muss behandelt werden, bevor der „Drops gelutscht“ ist. Lg Schwarze Elster

    1. Hi, ich hatte ja geschrieben, dass ich ein Buch dazu lese und das Tagebuch nur als Verfilmung behandle. Es ist (meiner Meinung nach) zu subjektiv, zu sehr im kleinen Raum und endet vor den Lagern aus den bekannten Gründen. Darum eignet sich „Um ein Haar“ meiner Meinung nach wesentlich besser für den Unterricht. Und für 22 von 25 Schülern war es die beste Reihe des Jahres, wie wir heute evaluierten.
      Wir haben die Hexen in der 7. Klasse und in der 8. wird ein Jahr ausgesetzt. Aber ja, die Thematik ist dann sicher so zu füllen, wie du sie angesprochen hast.
      Lieber Gruß!

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