Gedankenlauf

Die Gedanken bleiben nicht still, doch ich schon. Draußen liegt der erste wirkliche Schnee, und auch der ist nur fingerspitzenhoch, vor mir brennt das Feuer im Kamin. Feinstaub zum Trotz.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich mache zu wenig. Ich könnte Freundschaften besser pflegen, zum Sport oder mehr schreiben, meine Nähkarriere voranbringen oder Bücher schneller lesen. Ich könnte aber auch weiter auf Sparflamme bleiben, weil das Schulhalbjahrsende eine stressige Zeit für mich ist, da neben sieben weiteren Aufgaben nun auch die Zeugnis- und Stundenplanerstellung dazu gehört. Zwei von den letzten drei Jahren war ich um diese Zeit stimmlos krank.

Ob man unsere Zeit mit dem Biedermeier vergleicht oder vergleichen wird? Mit dem Rückzug ins Private? Es geschieht so viel auf der Welt, so Einschneidendes, wir sehen vielleicht Diktaturen entstehen und doch ist das Gefühl der Ohnmacht überwiegend beim Wandel in der Politik, bei Wirtschaftsentscheidungen, Klimaproblemen. Ist die Rückbesinnung auf Handarbeiten, Einkochen und Steinzeitdiät damit zu erklären? Wenn ich das große Ganze nicht ändern kann, ziehe ich mich zurück und übe mich in Dingen, die ich während der freien Lebensphase belächelte?

Die freie Lebensphase – damit meine ich die 90er, als meine Mutter Brot beim Bäcker, Fleisch beim Metzger, Milch und Wasser in Glasflaschen, Obst und Gemüse im Korb, Süßigkeiten in Maßen, Klamotten zweimal im Jahr in den Geschäften der nächstgelegenen Großstadt kaufte und jeden Tag frisches Essen kochte. Socken wurden gestopft, Hosen geflickt und Schuhe zum Schuster gebracht. Und Sachen von ihr aus den 70ern durch mich aufgetragen. Wir waren ein Arzthaushalt, auch wenn die zweite Hälfte dieses Absatzes nicht so klingen mag.

Zurück zu den 90ern. Diese, Jahrzehnt, in dem die Welt hier, hier wo ich lebe, in Ordnung schien und der Balkankrieg nur durch „Ich bin ein Mädchen aus Sarajewo“ und die muslimische Unterdrückung der Frau durch „Nicht ohne meine Tochter“ und „Prinzessin aus dem Hause Al Saud“ erfahren wurde. Und weil es Bücher waren, blieben sie literarisch entrückt.

Selbst meine Schüler, die ältesten 2002 geboren, wünschen sich die 90er wieder her. „Das war toll, dann zu leben, oder Frau Weber? Und die Musik!“ Tupac und Biggy für die Jungs und Destinys Child für die Mädchen (der Klasse) … Warum diese Ablehnung ihrer eigenen Zeit? Ich wollte mit 15, 16 nicht in den 80ern oder 70ern leben. Ich lebte im Jetzt und fieberte jeden Wochentag aufs Wochenende hin, um tanzen zu können und vielleicht einen tollen Typen kennenzulernen. Und wollte ansonsten die Welt vor der Klimakatastrophe retten und verstehen, warum die Liebe meiner Eltern nicht gehalten hatte.

Das Feuer knistert im Kamin. Das Puzzle liegt auf dem 120 Jahre alten Schreibtisch im 90 Jahre alten Eigenheim. Die Büchersammlung stapelt sich neben und hinter mir. Der selbstgekochte Gulasch steht zum Kalthalten auf der weißen Terrasse. Und Netflix wird wohl das einzig moderne meines Abends sein.

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Ein Gedanke zu “Gedankenlauf

  1. Ich glaube wirklich, dass an deiner „Biedermeier-Theorie“ etwas dran ist. 😉 Zudem mit dem Alter: Ich denke schon, dass man einen regulären, ruhigen Alltag mehr schätzt. Und natürlich mit der Jahreszeit. Im Sommer bin ich definitiv aktiver als im Winter, heißt, ich unternehme mehr.

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