Normale Tage (2)

Der Foodcourt ist ziemlich voll und kurz muss ich wieder an Mutti denken, die mir davon erzählt hat, wie außergewöhnlich für sie damals solche Fressmeilen waren, als sie nach ihrem Abi für ein Jahr nach Australien gegangen ist. (Am außergewöhnlichsten war natürlich ich als kleines Mitbringsel aus dem Gesamterlebnispaket, aber das ist eine andere Geschichte.) Sie meinte, Einkaufszentren waren damals in Deutschland noch so gut wie unbekannt.

Die letzten Jahre vor der Jahrtausendwende liegen mittlerweile tatsächlich fast so weit im Geschichtsgefühl zurück wie der 2. Weltkrieg. Sorry, wenn ich wem auf die Füße trete, aber wenn die Erwachsenen von „vor zwanzig Jahren“ erzählen, aus einer Zeit ohne Smartphones, mit mangelnder Internetverbindung, ersten Email-Accounts, einem Messenger namens ICQ und null Erreichbarkeit? Noch dazu ohne Einkaufszentren, keinem Onlineshopping, zumindest keinem, das sich schon durchgesetzt hätte, und Technoveranstaltungen mit einer Million ohne Terrorangst?! Unvorstellbar …

Beim Essen haben wir unter uns Freunden die Abmachung, dass wir die Handys beiseite lassen. Erwachsener als manche Erwachsenen, ich weiß. Herr Teubner hatte uns darauf gebracht. Manchmal haben Lehrer ja durchaus auch gute Ideen. Elias hat allerdings immer die meisten Schwierigkeiten, sich an unsere Vereinbarung zu halten, weil er der Meinung ist, ihm könnte ein Tinderflirt durch die Lappen gehen. Andauernd. Wahrscheinlich hat er sogar Recht. Aber ein Flirt ist nur ein Flirt. Und Freundschaft ist mehr. Vor allem seine mit Lisa. Auch zu sowas hat der Teubner eine Meinung, aber wir können ja nicht auf alles hören, was er uns vorkaut. Und es ist doch besser, wenn man seine Sexualität mit Freunden erfährt, als mit so dahergelaufenen Typen, sei es mit denen aus der Disco oder denen aus dem Netz.

Jedenfalls haben wir also diese Abmachung und darum sehe ich erst verspätet, dass Oma sich gemeldet hat und Hilfe mit ihren Einkäufen braucht. Ich höre sie schon Rummeckern, wieso ich mein Handy nie zur Hand habe, wenn sie mich braucht. Aber Oma ist mit ihren 60 Jahren noch agil genug, sodass ich mir kein allzu schlechtes Gewissen einreden muss. Wer dreimal die Woche ins Fitnessstudio geht, wird nicht an ein paar Tüten krepieren …

Ich muss los“, sage ich trotzdem und Dennis bietet sich an, mich zu fahren. Ist auch so ein Freund mit gewissen Vorzügen. Einem Auto in seinem Fall. Und manchmal einem Körper zum Anschmiegen, aber mehr auch nicht. Eigentlich müsste ich ihn wohl mal fragen, ob er sich mehr vorstellt, wenn er sich immer wieder für mich einsetzt und stark macht und immer da ist, wenn ich ihn brauche. Ich will ja auch kein Mädel mit Scheuklappen sein. Aber zugegeben: Ich habe ein bisschen Schiss vor seiner Antwort. Vermutlich, weil ich sie kenne. Darum lehne ich sein Angebot diesmal ab.

Das ist auch so etwas, das man in diese Frauendebatte einwerfen müsste: Wie oft wir Frauen, weil wir Frauen sind, Männer ausnutzen. Ihre Autos, ihre Stärke, ihre Bereitschaft, viel mehr für uns zu tun, als wir für sie, wenn sie in uns verliebt sind.

5 Gedanken zu “Normale Tage (2)

      1. Hm, sonst kenne ich keine Einkaufszentren mit Foodcourts. In mweiner Kleinstadt gab es die Einkaufsstraße mit Einzelhandel. So wie wohl noch in allen Städtchen vor 25 Jahren?

      2. Nun, auch vor dem CentrO gab es das Rhein Ruhr Centrum in Mülheim, da gab es auch schon „Fredsbuden“ oder im ehemaligen EKZ Altenessen, wohl nicht so gehäuft an der Zahl aber für damalige Verhältnisse recht gut, aber natürlich kein Vergleich mit Heute…

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