Vergessene Kinder

Bildung. Angeblich wird ja viel in diesen Bereich investiert, weil Kinder die Zukunft sind usw. Wie kommt es dann, dass ich auf einer Schulform unterrichte, die seit Jahrzehnten sterben gelassen wird?! Und auf der Hundertausende von Kindern und Jugendlichen das Gefühl haben müssen, vergessen zu werden, wenn sie von anderen Schulen hören, wie viel besser die Ausstattung an Personal und Material dort ist.

Egal, ob Haupt- oder Realschule: Wir sind die Resteschulen NRWs. Schüler, deren Eltern ihre Kinder nicht auf dem Gymnasium unterbringen können und die für die Anmeldung an der Gesamtschule zu spät waren, geben ihre Kinder auf Realschulen. Und Kinder, die zu oft gescheitert sind oder zu schlechte Voraussetzungen hatten, kommen auf die Hauptschule. Es gab einmal eine Zeit, als das dreigliedrige System funktionierte. Doch diese Zeiten sind lange vorbei – kaputtgewirtschaftet von diversen Landesregierungen. Wenn man Gesamtschulen etablieren will, hätte man von vornherein Real- und Hauptschulen mit abschaffen müssen. (Und Gymnasien eigentlich auch, aber dafür gibt es eine zu starke Lobby. Stattdessen sind die mittlerweile auch so stark verändert, dass sie eins nicht mehr ausbilden: Die Elite. Und das, obwohl alle unter einer Leistungsgesellschaft zu ächzen meinen, aber das ist ein anderes Thema.)

Real- und Hauptschulen wurden erst wieder interessant wegen Inklusion und jungen Flüchtlingen. Auf einmal glaubte man vielleicht auf das anders geschulte, anders erfahrene Personal dieser Schulformen zurückgreifen zu können (oder man sah einfach noch Platz) und stopfte die einst eher kleinen Klassen mit neuartigen Problemfällen zu. Es gibt gewisse Kinder, die man nicht in Regelschulen unterrichten kann, einige schwere oder besondere Fälle von Autismus z.B.  oder eben auch solche Schüler, die kein Wort Deutsch reden. Letztere sollten zumindest ein Schuljahr in reine Sprachlernklassen zusammengefasst werden, ehe dann entschieden werden kann, welcher Schulform sie zugeführt werden können. (Das hat die neue Landesregierung ja mittlerweile auch so vor. Mal sehen, ob ich zu Beginn des Schuljahres trotzdem drei oder vier Schüler ohne Deutschkenntnisse zugeschoben bekomme, denen wir nur zwischen Tür und Angel und gemeinsam mit Fortgeschrittenen Basiskenntnisse nebenher vermitteln.)

Aber ausgestattet werden diese beiden Schulformen für die Ansprüche kaum. Mal bekommt man den einen oder anderen Lehrer von einer schließenden Haupt- oder Realschule herbeigezaubert – und wenn man Glück hat, ist der auch noch gut, und mal erhält man eine Stelle zugewiesen, die man aber meist nicht besetzen kann. Wir sind drei Stellen im Unterhang. Warum?! Weil keine Lehrer für diese Schulformen da sind.

Um hier zu unterrichten, muss man Lehrer sein wollen. Mit Herz und allem, was dazu gehört. Warum sonst sollte man diese geringer bezahlte Schulform wählen, die von der Politik im Stich gelassen wird?! Netto 300 Euro weniger beim Einstiegsgehalt im Gegensatz zu Gesamt- und Gymnasiallehrern. Ich will nicht sagen, dass einige dieser Lehrer das Mehrgeld nicht verdienen würden: Oberstufenunterricht und -korrekturen sind in einigen Fächern ja durchaus anstrengender als gleiches in der Sekundarstufe I, aber viele haben es eben auch nicht verdient. Nur, das alte Problem: Wie soll man das bemessen?! Sei Erdkunde/Sport-Lehrer am Gymnasium und erzähle mir nicht, dass du so hart arbeiten musst, wie die Deutsch/Sport-Lehrerin an der Realschule. (Natürlich gibt es auch bei uns die, die sich mit ihren Fächerkombis einen lauen Lenz machen. Fazit: Gewisse Kombinationen sollten schon als Studienwahl untersagt werden.)

An Haupt- und Realschulen gehören wegen all der momentan so üblen Bedingungen die besten Lehrer, die, mit dem meisten pädagogischen Geschick, den stärksten Nerven, die wissen, wo sie sich wann Hilfe holen sollten, die das Unterrichten lieben und bereit sind, ihren Unterricht immer und immer wieder auf all die schwierigen Einzelfälle zuzuschneiden. Es gibt kaum ein Kind bei uns, dass nicht aus zerrüttetem Elternhaus kommt und nur vielleicht jedes 6. spricht zuhause mit den Eltern Deutsch. Ritzen, Selbstmord (-drohungen), Schulangst, Absentismus, Gewalt in jeglicher Form … Jeden Tag. Noch jetzt, drei Wochen nach Ferienbeginn träume ich nächtlich von der Schule. Denn im Gegensatz zu Politik und Teilen der Gesellschaft vergesse ich diese Kinder nicht.

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5 Kommentare zu „Vergessene Kinder

  1. Ich bin (eigentlich) Gymnasiallehrerin in Bayern und habe das letzte Halbjahr an einer Realschule unterrichtet und muss sagen, hier funktioniert das System noch. Es gibt auch viele, die ihr Kind lieber auf die Realschule schicken wollen als aufs Gymnasium (umgekehrt aber auch). Und auch finde das System mit 3 Zügen die unterschiedlich Fähigkeiten ausbilden gar nicht mal so schlecht. Ich war total faszinierte, dass es Kochen und Werken gibt, bzw. Auch so praktiziert wird. Und dass man nur mit Abitur Erfolg haben kann ist auch Blödsinn, Leute mit mittlerer Reife verdienen z.t. sogar mehr. Ich habe das beste Beispiel hier zu Hause.
    Lediglich die Hauptschule bzw. Mittelschule bleibt auf der Strecke, zumindest was man so mitbekommt. Und v.a. auch die Schüler dort, was aber laut einer mutter, deren Sohn auf der MS war, an den Eltern (und deren unerzogenen Kindern) und System liegt und weniger an den Lehrern

    1. Soweit ich weiß, funktioniert das Schulsystem in Bayern sowieso noch besser als hier in NRW, was auch daran liegt, dass ihr (oder verbessere mich) Schüler nur mit einem bestimmten Notenschnitt auf das Gymnasium lasst. Ich finde, hier sollte es durchaus solche Mechanismen geben, sofern man aber auch innerhalb des Systems wechseln kann, wenn man doch besser als gedacht ist oder sich leistungsorientierter entwickelt.
      Unerzogene Kinder kenne ich hier sowohl vom Gymnasium (wo ich vier Jahre arbeitete) sogar fast noch eher als von der Realschule. Die Eltern bei uns stehen tatsächlich mehr hinter den Lehrern, als die am Gymnasium es taten. Das muss, je nach Qualität des Lehrers, nicht gut sein, aber für eine gute Zusammenarbeit ist es eben doch wichtig, dass nicht die Prinzen und Prinzessinnen immer Recht haben müssen und ansonsten der Anwalt kommt.
      Weil die Realschulen hier überwiegend so in Verruf gekommen sind, gibt es kaum Eltern, die ihre Kinder freiwillig hinschicken würden,es sei denn, sie haben zufällig mit einem älteren Geschwisterkind doch gute Erfahrungen gemacht.

      1. Ja, es gibt Schnitte die erreicht werden ,müssen (2,33 fürs Gymnasium und 2,66 für die Realschule in 3 oder 4 wichtigen Fächern). Zudem kann man aber am Probeunterricht für den höhere Schulart teilnehmen und macht dann eine Prüfung. Aber auch hier gibt es Schulen, die sehr stark auf schülerzahlen aus sind. Das wechseln geht mit einem bestimmten Schnitt auch, machen aber nicht so viele. Aber nach der Realschule gibt es auch die Möglichkeit der FOS oder BOS (auch wieder mit einem bestimmten schnitt), sodass eigentlich viele die Möglichkeit des abis haben.
        Ich meinte auch an der Hauptschule. Wobei ich schon einen Unterschied zwischen Gym und Realschule feststellen konnte, was aber auch daran liegt, dass mehr Schüler mit „Störungen“ auf der Realschule sind als auf dem Gymnasium. (Die dann aber meistens schon kaum die Realschule packen).
        Die Realschule an der ich war kriegt da. 45% der neuen 5er, die eigentlich dem Schnitt für’s Gymnasium haben. (Das Gym in der Stadt hat aber wohl auch nicht den besten ruf). Ich habe den Eindruck, dass gerade bei Nicht-Akademikern oftmals der Ruf Gymnasium sehr einschüchtert.

  2. Es geht leider viel schief im deutschen Schulsystem (oder vielmehr den Schulsystemen) 😦 Dass es eine Menge hochmotivierter, engagierter Lehrer und Lehrerinnen gibt, die nach Kräften daraus das beste machen, ist toll, und wir als Gesellschaft sollten jedem und jeder einzelnen dankbar sein (ich jedenfalls bin es). Aber das reicht halt nicht, und irgendwann machen wir die guten Lehrkräfte kaputt. Dass du z.B. drei Wochen nach Ferienbeginn noch von der Arbeit träumst (und so, wie es klingt, sind das keine schönen Träume), ist nicht in Ordnung. Ich hoffe, du schaffst es noch, abzuschalten und dich zu erholen.

    Die Schulen, und zwar alle Schularten, brauchen mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Das heißt einerseits mehr Geld, aber andererseits auch eine weitsichtigere Politik. Ich hoffe, dass sich diese Einsicht durchsetzt, bevor noch mehr Schüler und Lehrer verschlissen werden…

    Bis dahin wünsche ich dir und deinen engagierten Kolleginnen und Kollegen viel Kraft.

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