Fremde

Wenn du mich mitnehmen würdest, hatte er gesagt und den Rest des Satzes offen gelassen. Was würde dann passieren, fragte ich mich unwillkürlich. Gerade auf dieser Etappe meiner Reise, die mich durch das legendäre Dartmoor bis zur Gefängnisstadt Dunmere bringen würde? Ein bisschen gruselig ist es da schon, jemanden mitzunehmen, den man in einem indischen Imbiss in Exeter kennengelernt hat und über den man nur das weiß, was er einem erzählt. Hier, meinte er, als er mein Zögern bemerkte und hielt mir sein Smartphone hin, hier ist mein Blog. Du kannst ja irgendwem die Adresse unter dem Impressum weitergeben. Nennt mich verrückt, aber das reichte mir schon. Ich schickte Robin über Alex‘ Smartphone den Link und ließ Alex seine beiden Taschen im Auto verstauen.

Im Gegensatz zu Kaffkind, das merkt man vielleicht schon daran, dass ich Alex beim Namen nenne, ist er mir sympathisch. Wir witzeln darüber, welche europäischen Länder und Völker wir bisher am unangenehmsten fanden und ich sage, Eifeler Naturkinder knapp gefolgt von mürrischen Franzosen. Warum denn Franzosen, will Alex wissen, die Deutschen wären ja auch nicht gerade die Sonnenscheine schlechthin. Aber meine Franzosenabneigung reicht tief. Nicht unbedingt erbfeindetief, aber doch soweit, dass sie in diversen Urlauben und Durchfahrten gewachsen ist. Eine Beziehung mit einem Franzosen, sage ich, ist wohl etwas, was ich mir am wenigsten vorstellen kann. Und wenn er dann auch auf noch Französisch redet … irgendwie unmännlich. Ein Französisch redender Franzose, nein, er sehe ein, das ginge gar nicht, stimmt Alex grinsend zu. Cornwall

In Postbridge machen wir einen Halt, begutachten die besonders hübsche Clapper-Brücke (Ist Clapper nicht eigentlich auch eine Geschlechtskrankheit?! – Nee, das ist wohl nur eine Mischung in meinem Kopf aus „Clap“ und der deutschen Übersetzung „Tripper“, wie Alex mich aufklärt) und gehen von da aus eine Runde durchs Moor mit seinen Gesteinsformationen und Ponys – aber letztere sehen wir nur, als wir weiterfahren wollen und sie uns den Weg verstellen.

Und hier wolltest du alleine übernachten?, fragt Alex, nachdem wir im Borough Arms angekommen sind, unserer Übernachtungsmöglichkeit in Dunmere, was wolltest du hier eigentlich sehen? – Nichts wirklich. Ich dachte nur, es sei ein guter Halt nach einer anstrengenden Wanderung im Moor. Aber ich gebe unumwunden zu, dass ich froh bin, dass er bei mir ist und ich mit ihm jemanden habe, den ich immerhin seit sechs Stunden kenne. Die anderen Menschen hier und die Zimmer an sich sind eher gewöhnungsbedürftig.

Oder hast du mit einem der Häftlingen einen langen Briefkontakt und bist eigentlich hergekommen, um ihn kennenzulernen und zu heiraten?! – Weil ich so verzweifelt wirke? Eine Frau, die alleine reist, weil sie keine Freunde und keinen Mann hat, die mit ihr die Reise unternehmen?, ich grinse, um meinen Worten die Schärfe zu nehmen. Wir kennen uns nicht. Wir haben keine Ahnung, wieso wir reisen und warum wir das ohne feste Gesellschaft machen. Vielleicht stimmt ja tatsächlich etwas mit uns, mit ihm nicht?!

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2 Kommentare zu „Fremde

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