In Sepia

Als ich ihn sah, glaubte ich wieder an Liebe auf den ersten Blick. Es war nur eine Momentaufnahme, die mir aber 15 Jahre später immer noch so vor Augen ist, als wäre damals ein Filter darüber und Musik dahinter gelegt worden.

Die Sonne hatte schon längst ihren Sinkflug begonnen und tauchte die Fußball spielenden Jungs in goldenes Licht, während Lisa und ich auf sie zugingen. Im Gegensatz zu mir kannte Lisa die vier Engländer, weil sie in den den vergangenen drei Wochen mit ihnen herumgefahren und mit einem von ihnen zusammen gewesen war. Ihre große Liebe, sagte sie, wie man das innerhalb eines Monats mit neunzehn schon mal so behauptete. Lisa und ich waren einander nicht sonderlich ähnlich, im Gegensatz zu ihr kam ich mir wie die langweilige, bodenständige Deutsche vor, wohingegen sie die flippige, weltoffene Kanadierin war. Und dass ich die vergangenen vier Monate alleine durch Australien gereist war, änderte an diesem Gefühl leider auch nichts.

Es schien mir, als würde ich in ihre Sphäre eindringen, als sie mir die vier Jungs vorstellte, doch nachdem ich in Sams Augen gesehen habe, war es mir gleichgültig. Er war zum Glück nicht Lisas Freund, wenngleich sie ihn trotzdem als ihr zugehörig ansah, und sie die Blicke, die wir uns zuwarfen, nicht unbedingt billigte. Wahrscheinlich wunderte sie sich, warum ich, die spröde Wirkende, Anziehung auf nicht nur Sam, sondern wie sich später herausstellte, auch auf Dave ausübte.

Zwei Abende verbrachten wir alle zusammen, doch nach dem zweiten entschlossen die Jungs sich weiterzufahren, weil Männerfreundschaft über eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft gehen sollte und Sam und Dave sich nicht einigen konnten, wer es bei mir versuchen durfte.

Aber vergessen tat ich Sam nicht. Damals, 2002, vor Social Media konnte ich nur Google nutzen, um etwas über ihn herauszufinden, aber ich fand nichts heraus. 2005, während meines Auslandssemesters in England, startete ich einen weiteren Versuch, allerdings war ich auch dieses Mal erfolglos. 2007 oder 2008, nachdem ich Facebook zu nutzen begann, nahm ich ihn (und einige andere Verflossene, wie wir das ja vielleicht alle ab und an machen?!) mir ein drittes Mal vor, aber nein, auch die blaue Plattform half nicht.

Erst als ich gestern die Instagram-Suche anschmiss, wurde mir ein Bild von zwei Jungs oder Männern unter seinem Namen gezeigt, aber die beiden waren so klein abgebildet, dass ich mir nicht sicher war: Nannte er sich Samson plus seinem Nachnamen? Dieses Mal half Facebook. In schönster Offenheit präsentierten er und seine Frau sowie seine Freunde und Lisa sich. Alle erinnerten noch an die Menschen, die sie vor 15 Jahren waren. Aber während Sams Lächeln immer noch breit ist und sein Gesicht den jungenhaften Charme beibehalten hat, ist seine Stirn schon um einiges höher geworden.

Es war eigenartig. Zu sehen, dass es sie gibt, alle fünf. Irgendwo auf dieser Welt. Und dass sie einander immer noch zu (Facebook-)Freunden zählen. Während Sam für mich der letzte bleibt, in den ich mich innerhalb einer Sekunde verliebte.

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