Tellerrant (d)

Und was ich auch nervig an unserer Gesellschaft finde: Wie viel uns schlecht geredet wird. So viel! Ausgehend vom Grundlegenden wird behauptet: Nein, das und das und das geht nicht, das kannst du nicht machen, das solltest du nicht essen, du musst …

Nicht nur werden Bilder in unsere Köpfe gepflanzt, wie wir auszusehen haben – das war ja schon so, seit die erste Urzeitfrau einen besonderen Stein gefunden und ihn in ihren Haaren festgebunden hat -, nein, jetzt müssen wir auch noch durch aufgehübschte Fotos zeigen, wie toll wir uns ernähren, um nur ja die Figur zu erhalten, die wir laut Kaum-Frauen, Influencern und Modedesignern haben könnten und sollten, wenn wir uns bloß anstrengen würden.

Was die alles essen, diese Instagram-Foodblogger! Wie ansehnlich es hergerichtet ist! Wie gesund! Super tolles food. Am besten vegan, weil nicht nur die Tiere, sondern auch die Umwelt leidet, aber dafür mit so natürlich europäischen Ingredients wie Chiasamen (Mexiko), Quinoa (Anden) und Kokosöl (Palmenländer). Raubbau an der Natur wird auch durch Hipster betrieben.

Dauernd verkneifen wir uns irgendetwas, lassen uns sagen, dass Bananen kein gutes Obst sind, dass Kuhmilch im Kaffee unnatürlich ist, immerhin seien die meisten Völker ja laktoseintolerant (aber wir hier nun mal überwiegend nicht …), dass wir durch Nutella die Palmölindustrie unterstützen, durch Fleischverzehr nicht nur Massentierhaltung sondern damit auch Umweltverschmutzung fördern, durch Zucker Diabetes kriegen und durch Fett fett werden … Alles kann man uns schlecht reden.

Nachdem ich gleich mein Körnerbrötchen halb mit selbstgemachter Holunderbeer-Pflaumenmarmelade (inklusive einem Schuss Rum) und halb mit Nutella gegessen habe, gehe ich zum Markt, um Obst und Gemüse zu kaufen, letzteres für ein vegetarisches Gericht morgen, in dem aber auch Pfannkuchen (böse Milch, böses Weizen, böse Eier, böööööser Zucker) enthalten sein werden, und freue mich heute auf die Reste vom Sheperd’s Pie, den es aber erst abends gibt, sodass ich zwischendurch eine Banane, Haferflocken plus 3,5% Joghurt essen werde. Ohoh. Und noch was von der Schokolade im Kühlschrank. Weil ich es kann.

Aber immer wieder falle ich doch drauf rein, lasse mir von irgendwelchen Leuten ihr Leben und ihre Ernährung vorbeten und fühle mich konfrontiert mit den Jüngern der hundertsten Essenssekte, anstatt klar zu sagen: Hau ab.

Ich esse an sechs von sieben Tagen zuvor unverarbeitetes Selbstgekochtes und in gesunden Maßen, alles, was mir schmeckt. Und jetzt gibt’s erstmal einen Plantagenkaffee mit viel Bio-wait for it-Kuhmilch. 
      

Das geilste ist sowieso nicht das Frühstück. Sondern der blaue Himmel über ihm und das Leben drumherum.

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9 Kommentare zu „Tellerrant (d)

  1. es ist sowieso alles falsch. der eine ernährt sich mit chiasamen gesund und schadet dabei der umwelt, bis eine neue studie aufzeigt, dass diese samen doch nicht so gesund sind, der nächste hält sich dafür wieder an andere mythen. im prinzip soll jeder für sich das finden womit er sich am wohlsten fühlt, ob es jetzt nach geschmack geht, oder ob es die verträglichkeit ist. ich achte zum beispiel gern auf den gesundheitlichen aspekt der ernährung, denn darum geht es dabei doch eigentlich, dem körper lebensnotwendige nährstoffe zu liefern damit er funktionieren kann. auf der anderen seite bin ich leidenschaftliche köchin, da kommt nebenher natürlich auch der geschmack dazu. genieß dein frühstück. niemand schreibt dir vor wie du dich ernähren sollst. schließlich ist es dein körper.

  2. Ich finde es nicht verkehrt, auf die eigene Gesundheit, meine Mitmenschen (fairtrade Produkte) und die Umwelt (bio und regional) zu achten, weil ich sonst nicht lange was vom blauen Himmel habe 😉 Leider ist beim Thema Essen so ein „drüber reden“ Trend entstanden, der ja schon bei den Themen „Liebe“, „Erziehung“ allen auf den Wecker ging und niemanden animiert, sich wirklich mit Ernährung mal auseinanderzusetzen, sondern so trotzig macht, dass man am liebsten in Plastik eingepackte Babyrobbe essen würde – und das schlecht fotografiert postet.

    1. Es ist nie verkehrt, darauf zu achten. Es ist nur leider ein bisschen zu viel. Wenn ich vernünftig und normal esse, so wie meine Mutter früher (also vor 25 Jahren) für uns gekocht hat, so ist es eigentlich vollkommen ausreichend.
      Das Fleisch ging sie beim Metzger kaufen, der noch selbst Tiere aus der Gegend geschlachtet hat, Milch und Getränke kauften wir in Pfandflaschen (weil das damals einfach so war), jeden Tag kochte sie frisch, Reibekuchen, Minieis und Brokkolisuppe gab es allerdings von Bofrost. Sie machte Kirschen ein und kochte Marmelade selbst. Im Supermarkt waren keine Verpackungen ums Obst und Gemüse und Aldi mied sie lange, weil sie ein wenig versnobt war.
      Wir aßen, wenn die Essenszeiten waren und zwischendurch mussten wir für Süßes fragen. Obst durften wir aber immer haben. Ich glaube, das sind im Grunde ziemlich viele Grundlagen, die richtig sind.

      1. Aber genau diese gesunde Mitte und das Bauchgefühl sind ja verloren gegangen. Wir konsumieren Dinge, die so zusammengesetzt sind, dass wir sie nicht mehr verstehen (ich sag nur Analogkäse…). Mich nervt es auch, dass alles gelabelt werden muss. Und noch mehr nervt mich, dass so viel über Ernährung geredet wird und gleichzeitig so viele Lebensmittel weggeschmissen werden.

  3. Ich finde bewußte Ernährung sehr gut, denn nicht alles, was auf Masse von Großkonzernen produziert wird, tut uns gut. Das darf aber nicht dazu führen, dass man den Kontakt zu Menschen abbricht, weil sie z. Bsp. ab und zu Fleisch essen (ist mir tatsächlich passiert). Etwas gegenseitige Toleranz täte unserer Gesellschaft gut. Dann wären Gesetzte wir die Pflicht platzsparend zu parken oder das Verbannen von Schweinefleich aus der Kantine, nicht notwendig. Verbote sind typische deutsche Reaktionen. Aufklärung und Selbstverantwortung scheint mir der bessere Weg zu sein. Das sehen allerdings viele (zumindest die Gesetzgeber) anders.

  4. Ich finde, es ist nichts schlechtes dabei auf seine Ernährung zu achten. Vieles wird allerdings übertrieben. Gluten z.B. Oder aber auch Soja usw.
    Ernährung ist heute zu einem derartigen Streitthema geworden, dass sachlich darüber zu diskutieren teils unmöglich ist. Gerade Veganer sind da gerne mal nichts weiter als moralkeulen schwingende Nervensägen. So geht es dann gar nicht mehr um die Sachebene, sondern nur noch um die Emotionsebene (schlechte Erfahrungen, Genervtheit usw.)
    Alles hat im Endeffekt für irgendwas Folgen. Man muss sich nicht alles einreden lassen, sollte einfach differenzieren und für sich selbst entscheiden wie man mit etwas in der Konsequenz verfährt.

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