Gewalt gegen Kinder

Es war ein heikles Thema, das am Wochenende auf einer Party immer wieder zur Sprache kam: Gewalt gegen Kinder. Ich muss – nicht nur als Lehrerin – natürlich nicht sagen, dass Schläge bzw. körperliche Züchtigungen in der Schule absolut so verboten sein müssen, wie sie es hierzulande sind. Auch verbale Gewalt sollte es aus Respekt vor dem Gegenüber nicht geben, doch ist das in einigen Fällen schon schwieriger einzuhalten.

Häusliche Gewalt gegen unsere Schüler ist ein unschönes Thema. Wir sind angehalten, Beobachtungen weiterzugeben und zwar wohl am besten jegliche Form der Gewalt gegen Kinder. Hiermit tut man sich als Lehrer schwer, weil man einerseits keinesfalls falsch beschuldigen möchte und sich sehr sicher sein muss, und andererseits eventuell auch für sich selbst nicht abgrenzen kann, wie viel (vorsicht, jetzt wird es unangenehm) Gewalt gegen Kinder erlaubt ist. KEINE!, werden jetzt einige rufen. Doch das, so der Tenor auf der Party, unterschreiben viele von uns 30-40-jährigen nur begrenzt.

Ich war die einzige Lehrerin in diesem Partykreis, der sich über das Thema unterhielt. Das andere waren Architekten, Manager, Ingenieure, Steuerberater und Freigeister sowie ihre weiblichen Pendats. Und zwei Sozialarbeiter, die als einzige vehement jede, auch die geringste Form von Gewalt gegen Kinder ablehnten. Alle anderen (und auch einer der beiden Sozialarbeiter) kannten durch die eigene Erziehung Schläge durch ihre Eltern. Meistens Klapse auf den Po oder mal eine Ohrfeige. (Bei zweien waren auch Kochlöffel zum Einsatz gekommen, wobei man sich einig war, dass der gezielte Gebrauch von Hilfsmitteln jeglichen Affekt ausschloss und darum eine Grenzüberschreitung war.)

Wir waren uns einig: Es hat uns nicht geschadet, wir fühlten uns nicht weniger geliebt, haben darum nicht die Achtung vor unseren Eltern verloren und aus allen von uns ist etwas geworden. Und ja, wir hatten diese Gewalt immer verdient, sagen wir heute. Aber klar, wo ist die Grenze? Welche Klapsstärke ist zu hoch? Ist die dritte Ohrfeige im Leben zu viel?

Würde ich meine Kinder ohne jegliche Form von Gewalt erziehen können? Wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – einen schlechten Tag habe und mein Kind gerade dann seine Grenzen so austesten möchte, dass mir die Hand ausrutscht, ein wie schlechter Mensch bin ich, sind wir dann?

Es gibt da diesen einen meiner Schüler (der erste von ca. 800 Schülern, die ich mittlerweile mehr oder weniger intensiv begleitet habe), der als Beispiel herhalten musste, weil ich bei ihm jedes Elternteil verstehe, das sich nicht komplett unter Kontrolle halten kann. Ja, er hatte es in seinem jungen Leben schon sehr schwer, aber wir (Lehrer und Eltern) kämpfen seit einem Jahr hart darum, dass er kein manipulatives kleines Arschloch wird, nach dessen Willen immer alles gehen sollte und der überhaupt keine Grenzen einhält.

Doch gerade heute, gerade heute morgen kam er mit einer Beule und einem Schnitt auf der Stirn zur Schule. Und ich glaubte ihm nicht, dass er zuhause hingefallen ist. Darum ist nun die Sozialarbeiterin darauf angesetzt, um auszuloten, was tatsächlich passiert ist. Denn meine Grenze, die mir vielleicht sowieso von euch vorgeworfen wird, wäre damit weit überschritten.

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4 Kommentare zu „Gewalt gegen Kinder

  1. Wir sind Menschen. In sich fehlerhaft. One can try and should… but to fail is normal. Außer das „mal im Affekt“ wird normal. Ohne Gewalt wird kein Kind aufwachsen. Erfährt es sie nicht bei uns, So spätestens im Kindergarten.
    Und auch wenn ich Gewählt nicht anwenden will wäre es doch weltfremd zu behaupten wir können sie für (unsere) Kinder vermeiden.
    Für den Rar gibt es eben gesetzliche Regelungen und Pflichten.

  2. Das Thema Gewalt an (japanischen) Schulen hatten wir letztes Jahr schon behandelt. In Japan gab und gibt es sie. Wobei das dort weniger körperlich ist. Worte können noch grausamer sein. Ich bin ohne elterliche Gewalt aufgewachsen. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, hatten mich an der langen Leine und doch im Griff, wie ich heute schmunzelnd eingestehe.

    Wer Kinder schlägt, wer es mit „einem schlechten Tag“ entschuldigt, der macht es sich zu einfach. Gestresste Kinder haben meist auch gestresste Eltern. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

    1. Ach, ich könnte dir nach gestern noch viel mehr dazu sagen. Lassen wir es dabei: Vermutlich sind es einfach für einen Moment oder für längere Zeit überforderte Eltern.

  3. Gewalt gegen Kinder ist nie richtig und wenn wir uns die Gewalt, die uns angetan wurde schön reden, indem wir sagen „wir hatten es verdient“, zeigen wir nur, dass es uns eben doch geschadet hat. Die meisten legitimieren ihren eigenen Erziehungsstil, den sie schon von zuhause kennen, damit, dass sie sagen“ mir hat es auch nicht geschadet“. Und das ist so traurig. Es zeigt, dass es eben doch geschadet hat, denn wir geben die Gewalt an unsere Kinder weiter, wenn wir nicht reflektieren und unserem inneren Kind zugestehen, dass es eben keine Schuld an der Gewalt hatte, die es erleben musste. Ich tue meinem Kind doch keine Gewalt an, nur um es aufs Leben vorzubereiten! Wie krank diese Vorstellung allein ist.

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