Nicht genug – Der Ungebundene – Ende

Nachdem sie im Wasser gewesen waren und frierend wieder auf ihren Handtüchern saßen mit Blick Richtung Meer, stellte er fest: „Es tut mir wirklich gut.“

Auch nun fragte sie nicht, ob er sich damit implizit meinte, so wie sie eben nichts zu seinem Kommentar über den entspannten Sex gesagt hatte. Vielleicht wäre es besser, sich in solchen Situationen mehr wie eine Frau zu verhalten, mehr den Erwartungen zu entsprechen und nach tieferen, weiteren Komplimenten zu graben. Aber so war sie nun einmal nicht. Sie wollte sich nicht immer in das allerbeste Licht rücken und um seine Zuneigung buhlen. Und was anderes war es doch nicht, oder? Wirklich, die normale Frauenfrage wäre hier gewesen „Was genau tut dir gut?“  Und frau hätte erwartet, dass die Antwort etwas mit ihr zu tun hätte. Eine isatypische Äußerung auf Marcs Feststellung wäre dagegen eher: „Nein, am meisten tu ich dir gut.“ – Und vermutlich wartete er genau darauf. Aber auch diesen Gefallen tat sie ihm nicht. Sie wusste, dass es diese Antworten waren, diese Unverblümtheit, dieses Zeigen von Selbstbewusstsein, was ihn ihr gegenüber oft unsicher werden ließ, was ihn glauben ließ, dass sie unnahbar und stark war.

Und sie hatte keine Lust mehr, einfach keine Lust mehr. Natürlich war sie stark. Sie hätte nichts anderes von sich behauptet, doch das hieß ja trotzdem nicht, dass sie unsensibel und gefühlskalt wäre, aber genauso glaubte sie, dass Marc sie insgeheim sah. Weil sie nicht immer direkt einknickte und Migräneanfälle bekam, weil sie noch nie zu jemandem „Ich liebe dich“  gesagt hatte, weil sie sich schon so lange nicht mehr richtig verliebt hatte, hatte sich anscheinend Marcs Bild von ihr verhärtet. Jemanden, der so war, wie sie glaubte, dass Marc glaubte, dass sie sei, würde sie an Marcs Stelle auch nicht lieben können. Oh je… Machte das eigentlich Sinn?

In Marcs Augen war sie absolut frei und unabhängig. Das gefiel ihm als ihr guter Freund. Doch als potentiellen Partner stieß ihn das ab. Und wen hätte dieses Wissen nicht abgestoßen? Wenn sie jemand gut fände, von dem sie annahm, dass er seine Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufgeben würde, dann würde sie auch ihr Möglichstes tun, um sich nicht stärker in ihn zu verlieben.

Er atmete tief ein: „Vielleicht sollten wir häufiger herkommen.“ – Sie unterdrückte einen Seufzer, der genervt geklungen hätte: „Du weißt, dass wir das nicht tun werden.“ – „Warum eigentlich nicht?“ – „Weil ich kaum Wochenenden frei habe, weil der Sommer bald um ist und weil du es gar nicht wirklich wollen würdest. Im Grunde willst du doch nicht auf dein richtiges Leben, wie du es immer nennst, verzichten. Du willst rausgehen, Party machen, dich müde flirten und eventuell mit einer bis dahin Fremden im Bett landen – immer die Hoffnung im Hinterkopf, dass du diese eine dann endlich interessant genug findest, um noch einmal eine deiner berühmten Vier-Wochen-Beziehungen zu beginnen.“ – OK, das war wieder isatypisch gewesen, und somit genau das, was sie eigentlich nicht hatte sagen wollen. Aber seine Unehrlichkeit sich selbst gegenüber ging ihr gehörig auf die nicht vorhandenen Eier.

„Ja, vermutlich hast du wie immer Recht. Aber es wäre schön.“ – „Wenn du es ehrlich schön fändest, dann könntest du ja was dran ändern. Aber das sehe ich nicht.“

Er schwieg eine Weile, ehe er dann vorsichtig meinte: „Selbst wenn ich es mir vornehmen würde, wenn ich mir sagen würde, dass mir solche Tage wie die letzten beiden so gut tun, dass ich sie öfters haben muss, würde ich nach ein paar Wochen wieder denken, dass mir was fehlt, dass ich rausgehen sollte. Ich … Ich bin noch nicht bereit, das Leben, das ich mir nach meiner Trennung von Susanne aufgebaut habe, wieder aufzugeben.“

Er wollte frei bleiben, das wusste sie längst. Und dennoch war es nicht die Art von Freiheit und Unabhängigkeit, die er an ihr bewunderte, sondern es war eine Freiheit, die ihn nicht wirklich frei machte. Der Unterschied zwischen ihm und ihr war, dass sie niemand anderen brauchte, um zufrieden zu sein. Er dagegen brauchte die Anerkennung, weil er sonst in Selbstzweifel verfiel. Und das hatte nichts mit Freiheit zu tun. Schwierig.

Aber sie hatten schon zu oft darüber gesprochen und sie hatte auch darauf keine Lust mehr. Vielleicht hatte sie die ganz leise, ganz minimale Hoffnung in sich gehabt, dass dieses Wochenende ihm zeigen würde, was er brauchte, um glücklich zu sein: Nämlich nur sie. Und wenn sie ihn so von der Seite ansah, wenn sie sein zufriedenes, sein ausgeglichenes Gesicht richtig deutete, war er dem Glücklichsein jetzt näher als in den gesamten letzten Monaten. Aber es reichte ihm nicht. Sie reichte ihm nicht. Und sie sollte aufhören, dieses kleinste aller Hoffnungsflimmern aufrecht zu erhalten. Vielleicht hatte Vicky Recht gehabt, als sie ihr vor ein paar Wochen sagte: „Ich denke, dass ihm irgendwann, wenn du ihn abgeschlossen hast, und ich meine komplett abgeschlossen hast, aufgeht, dass er bei dir eigentlich alles hatte, was er in einer Frau braucht. Aber dann wird es zu spät sein.“

Manchmal stimmt alles zwischen zwei Menschen – nur das Timing, das nicht.

– Ende – 

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10 Kommentare zu „Nicht genug – Der Ungebundene – Ende

  1. Mein erster Gedanke: Wie können Sie miteinander „abschliessen“, bitte? Wie soll das gehen? Immer wieder werden sie sich über den Weg laufen. Immer wieder aufs Neue. Timing…. Man kann erst mit etwas „abschliessen“, wenn man reell weiß, dass es nicht geht. Denken alleine genügt da nicht. Meiner Meinung nach… Menno. 🙂

    1. Nun, wie du dir vielleicht denkst, war ein Teil der Geschichte autobiographisch… Und ich kann dir sagen, dass das Einsehen, dass es nicht funktionieren wird, und damit meine ich das wirkliche Einsehen, nicht vor dem Schmerz geschützt hat, der mich drei Monate lang in einem ziemlich tiefen Loch gelassen hat.

      1. Ohjee. Von außen betrachtet ein Entschluss, der Dich Dein ganzes Leben begleiten wird. Die Entscheidung ist gefallen, nicht zu ändern. Wäre ich Vicky gewesen, hätte ich Dir geraten, es zu versuchen. :*

      2. Es zu versuchen ihn rumzukriegen? Wenn jemand nicht in einen verliebt ist und die Entscheidung nicht von alleine für einen fällt, wird er das auch später nur in Kitschsendungen tun… Im wahren Leben funktioniert das so gut wie nie.

  2. Wenn er dann aber wenigstens begreift, dass er vielleicht noch einmal so viel Glück haben wird und die eine Frau trifft, die ihm reicht, dann hat er ja was daraus gelernt 🙂

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