Der Morgen danach – Der Ungebundene XV

Am folgenden Morgen hätte sie es vielleicht bereuen sollen, nachgegeben zu haben, aber als sie sich gerade aus seinen Armen lösen und aufstehen wollte, merkte sie, dass auch er schon wach war, und sie begannen ihr Spiel von vorne. Es war zu einfach, zu sehr, wie es sein musste. Wie furchtbar ist es eigentlich, jemandem sich so geben zu können, von dem man wusste, dass er einem mehr bedeutete, als man ihm? Sie hatte sich schon zu oft den Kopf darüber zerbrochen. Sie wollte nicht mehr, sie wollte nicht mehr nachdenken darüber.

Vor ein paar Tagen war sie zuhause in ihrem Bett aufgewacht, alleine, an einem Wochentag. Und der erste Gedanke, der ihr kam, war die Vorstellung, mit ihm zu schlafen. Da hatte sie gewusst, dass sie, obwohl sie ihm gesagt hatte, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen konnte, wieder mit ihm Sex haben würde. Viel zu intensiv, viel zu nah war ihr sein Körper in dieser Vorstellung, so nah, dass sie ihn beinahe fühlen konnte. Sie glaubte nicht an Übersinnliches und an den 6. Sinn – eigentlich. Aber sie glaubte daran, dass das Unterbewusstsein erahnen konnte, was passieren würde, weil es die Wahrscheinlichkeiten abwog und dabei die Wünsche mit berücksichtigte. Und bei ihr war das Unterbewusstsein an einer weniger unbewusste Stelle als bei anderen Menschen, daher ließ es manchmal solche intensiven Bilder vor ihrem inneren Auge hochsteigen, die ihr einen Moment in der Zukunft zeigten.

„Neben dir aufzuwachen hat mir gefehlt“, flüsterte Marc in ihr Ohr. Und sie sagte ihm nicht, dass es ihm nicht hätte fehlen müssen, weil es immerhin seine Entscheidung war, nicht mit ihr zusammen sein zu wollen und er das gemeinsame Aufwachen, wenn sie zusammen wären, regelmäßig haben könnte. Sie sagte nur: „Mir auch“, und pellte sich dann langsam aus dem Bett. „Ei?“ – „Nee, danke. Pfannkuchen.“ – „Dann müssen wir in das Bistro gehen, an dem wir gestern Abend vorbeikamen.“ – „Das ist der Plan“, sagte er und folgte ihr mit seinen Blicken, was sie ein bisschen nervös machte, weil er freie Sicht auf ihren Po und ihre Oberschenkel hatte und sie, so gut sie auch sonst mit ihrem Körper auskam, ihre Rückansicht im Tageslicht nicht wirklich mochte.

Im Badezimmer sah sie eine Weile ihr Spiegelbild an. Es war eigenartig, dass sie nach einer Nacht mit ihm immer ein wenig anders aussah – was nicht nur ihr selbst auffiel. Als sie das letzte Mal mit ihm eine Nacht verbracht hatte, war sie morgens durch die Stadt gegangen und die Köpfe zahlreicher Männer wendeten sich nach ihr um. Es war, als würde sie etwas ausstrahlen, als würde man ihr ansehen können, dass Marc fähig war, sie zu einer vollkommeneren Frau zu machen – was sicher Unsinn war. Oder bewegte sie ihre Hüften an einem Tag nach einer Nacht mit Sex anders? Aber es konnten nicht nur ihre Hüften und ihr Gang sein, es musste auch am Gesicht liegen. Waren es die Lippen, die voller aussahen, die Augen, die mehr strahlten? Hatte man nach einer Nacht voll Sex eine femininere Aura?

Sie sprang unter die Dusche, cremte sich ein, zog einen Bikini und dann ihre Strandkleidung an und scheuchte anschließend den wieder eingeschlafenen Marc ins Bad.

„Ich liebe frische Pfannkuchen.“ – „Morgens, mittags, abends, ich weiß.“ – „Na ja, vielleicht nicht dreimal am Tag“, schränkte er ein. – „Aber zweimal oder wie?“, sie grinste. – „Zweimal könnte ich sie schon aushalten. Oder einmal Pfannkuchen und einmal Waffeln.“

„Du bist ja so ein Kerl…“, sagte sie so spöttisch, damit er wusste, dass sie sich wieder über seine süße Ader lustig machte. Doch er zuckte nur mit den Achseln: „Das weißt du ja.“ – Natürlich. Erst letzte Nacht hatte er es ihr ausreichend gezeigt. Aber das war nachts. Über Tag … Nein, sie wollte nicht darüber nachdenken.

Die Bedienung kam und erkundigte sich, ob alles in Ordnung war, was sie nickend bestätigten, dann zog sie die freundliche Dame ein bisschen zu sich herunter und sagte leise auf englisch: „Ihre Bluse ist falsch geknöpft.“

Die Kellnerin sah an sich herunter, runzelte die Stirn und sagte: „Danke. Da arbeite ich heute schon zwei Stunden und meint ihr, wer anders hätte mir das mal gesagt?”, sie verließ den Tisch. Er: „Dass du immer alle Leute auf ihre Fehler hinweisen musst…“

„Das war ja kein Fehler, nur eine Unachtsamkeit. Und ich glaube, sie war froh, dass ich es ihr gesagt habe. Ich weiß gar nicht, wieso man immer mit falscher Höflichkeit leben muss. Macht das Leben doch nur schwer.“

„Und wenn dir jetzt jemand sagen würde, dass du aussiehst, als hättest du Sex gehabt?“

Sie musterte ihn. Hatte sie eben vor dem Spiegel laut gesprochen?: „Das wäre was ganz anderes, weil es viel persönlicher wäre.“ – „Und wenn ich dir das sage?“

„Ich nehme an, du hast den nicht so geheimen Wunsch, mich wieder mit ins Bett zu nehmen, weil ich gerade so unglaublich sexy aussehe?“ fragte sie, während sie einen Schluck Kakao nahm. – „Zumindest wäre ich dafür, dass wir uns heute ein bisschen mehr in die Dünen verziehen.“ – „Nicht, dass du doch unentspannter von diesen beiden Tagen zurückkommst, als du gewesen wärst, wenn wir zuhause geblieben wären…“ – „Das glaube ich kaum. Es gibt kaum etwas, das mich mehr entspannt als Sex mit dir“, meinte er.

‘Dann weißt du ja, wie du dein Leben umgekrempeln kannst, damit es besser wird.’ Sie sagte nichts. Natürlich nicht. Da er nicht dumm war, wusste er vermutlich eh, was ihr gerade im Kopf herumging.

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2 Kommentare zu „Der Morgen danach – Der Ungebundene XV

  1. Einfach klasse, klar dargestellt, bezaubernd, wehmütig und besessen vom ich. Ich bin schon auf die Fortsetzung gespannt.

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