Sagengestalten – Der Ungebundene X

Manchmal ging sie ihm mit ihrer unverfrorenen Art ziemlich auf den Piss. Und gerade war sie nahe dran. Immerhin hatte sie damals die Sache zwischen ihnen beendet, weil sie damit nicht umgehen konnte, wie es sich entwickelt hatte. Nicht er, weil sie nicht mehr auf ihn gewirkt hätte. Das würde sie vermutlich immer tun. Was schlecht wäre, wenn er sich in eine andere verlieben würde, dann dürfte sie nicht mehr wirken. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Verlieben noch in weiter Ferne lag. Richtig bereit dafür war er nämlich nicht. Wahrscheinlich musste er sein Leben erst zufriedenstellend sortieren. Und das konnte dauern.

Aber vielleicht wartete er auch bloß auf den Blitz, darauf, dass er ein Mädel sah und im ersten Moment wusste, dass er sie haben wollte. Dann würde er sich wohl auch wagen sie anzusprechen. Oder? So eine Chance würde er sich ja nicht entgehen lassen. Und in der Zwischenzeit wäre es eigentlich gar nicht verkehrt, wenn Isa und er ihre tiefere Beziehung wieder aufnehmen würden, denn der Sex war gut, ihr Körper auch und er mochte sie als eine seiner besten Freunde. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als mögen. Nicht lieben natürlich. Aber mögen war etwas schwach, denn im Gegensatz zu seinen anderen Freunden begann er sie zu vermissen, wenn er über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt mit ihr hatte. Mögen, begehren und vermissen rückte die ganze Sache ein wenig in die Liebesrichtung.

Aber verliebt war er auf keinen Fall. Verliebtsein war mit Flattern und andauernden Gedanken verbunden, mit Sehen-Wollen, mit Zukunftsplänen. OK, er konnte sich seine Zukunft nicht ohne Isa vorstellen. Wäre sie nicht mehr da, könnte er nicht mehr mit ihr sprechen, würde sie ihn nicht manchmal ab- oder auffangen oder ihn in den Arsch treten, würde er auf lange Sicht abdrehen. Oder er müsste sich eben bloß einen richtig guten Ersatz suchen. Pragmatiker, der er war.

Er wandte sein Gesicht von ihr ab und nuschelte in sein Handtuch: „Du willst doch gar nicht auf mich wirken.“ – „Ich will auf alle Männer wirken. Und wenn sie das dann zeigen, will ich sie als primitiv beschimpfen können“, sie schnappte sich ihr Buch und begann zu lesen.

„Ich geh schon mal  zum Wasser.“ – „OK. Soll ich Fotos machen, wenn du aus dem Wasser kommst, damit du Adonis spielen kannst?“ – „Und wer willst du sein?“ – „Die Schaumgeborene.“ – „Hä?“ – „Na, Aphrodite halt.“ – „Und was hat die mit Schaum zu tun?“

„Der Sage nach ist sie aus dem Schaum, den die Wellen auf dem Meer schlagen, geboren worden.“ Was sollte er dazu sagen? Es war mal wieder nur Isa-typisch, dass sie ganz nebenbei einen Brückenschlag zur griechischen Sagenwelt herstellte, so als ob jeder etwas mit ihrem Einwurf anfangen konnte. Ihr war bei solchen Sprüchen meistens gar nicht bewusst, dass sie von ihrem Vorwissen auf das der anderen Leute schloss und sich damit gründlich vertat. Er kannte fast niemanden, abgesehen von seinem Großvater, der mehr allgemeines Grundwissen als Isa hatte. Dafür haperte es bei ihr aber manchmal an vollkommen normalen Alltagsdingen. Wenn jemand hinflog, Sachen zerbrach, Dinge vergaß, Blumen ertränkte, Geld verlor, Schlüssel stecken ließ oder die Lesebrille suchte, die sie auf der Nase trug, dann war das immer Isa. „War Aphrodite nicht die Göttin der Schönheit?“

„Genau. Aber bevor du mich jetzt wieder für eingebildet hältst: Dich habe ich ja auch mit Adonis verglichen“, sie grinste. – „Na, zu Recht“, er grinste zurück, stand auf und reckte seinen Adoniskörper.

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5 Kommentare zu „Sagengestalten – Der Ungebundene X

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