Im Schlafzimmer – Der Ungebundene VI

Aber sie ging unbeirrt, ohne auf sein Gemecker einzugehen, weiter. Und das machte ihn noch wütender: Wenn sie sich wenigstens verteidigt hätte, wenn sie wenigstens noch einmal ihre Gründe wiederholt oder sich für die Sache mit Alex entschuldigt und verunsichert gezeigt hätte … Nein, Isa nicht. Isa wusste ja immer auf alles die beste Antwort. Isa konnte nicht nur ihr Leben gestalten, sondern gestaltete am liebsten das von allen anderen direkt mit. Und Isa hatte immer Recht. Unangefochten. Immer.

Leider war es auch meistens so. Zumindest das, was sie eben über ihn gesagt hatte, waren Treffer ins Schwarze gewesen: Er sah schlecht aus, brauchte Erholung, wollte keine Art von Pärchenurlaub machen und er empfand es als unangenehm, irgendwo alleine zu sein, um sich zu entspannen.  Aber: Zwei Tage am Strand rumdösen könnten genau das sein, was er nötig hatte. Das machte ihn gleich noch eine Stufe motziger. Strand. Sand. Kitschige Sonnenuntergänge. Geld für Essen ausgeben. Zwei Tage Besserwisser-Isa am Stück. Hm: Zwei Tage mit Isa rumhängen, Clive Cussler lesen, schlafen, Sonne tanken, schlafen, Essen gehen, schlafen. Irgendwie klang das andererseits ziemlich gut. Der Aufzug brachte sie in den dritten Stock und Isa schloss 3c auf. Sie stieß einen kleinen Freudenjuchzer aus und huschte zur Fensterseite: „Wir haben Meerblick!“

Und das erste Mal an diesem Morgen musste er lächeln: Manchmal könnte er Besserwisser-Isa knuddeln. Er stellte sich neben sie und sah heraus. Das Meer erstreckte sich vor ihm, immer noch eher dunkel als in Blautönen, einige halbwegs bepflanzte Dünen lagen zu seiner linken, Wellenbrecher begrenzten bestimmte Strandabteilungen, zwei Containerschiffe waren am Horizont auszumachen und ein Mann führte seinen Hund am Wasser entlang aus.

„Schön, oder?“, fragte Isa mit Leuchten in den Augen und sah zum Meer hin.

Und obwohl er nichts besonders Spektakuläres am Ausblick erkennen konnte, konnte er es ihr nicht abschlagen, weiterhin zu lächeln und zu sagen: „Ja, schön.“  Dann wandte er sich um und besah sich das Appartement genauer. Er war nicht sonderlich überrascht, dass es etwas altmodisch schien, immerhin dürfte der Freund von Isas Großeltern wahrscheinlich bereits die 70 überschritten haben, aber es war doch einigermaßen annehmbar. Und das Bett war groß genug, um ihnen beiden Platz zu bieten, ohne dass sie zu nah aufeinander liegen mussten. Obwohl das kein Problem war. Anders als in amerikanischen Fernsehserien und Filmen, in denen der Mann selbst bei einem Kingsize-Bett züchtig auf dem Boden oder auf der unbequemen Couch schlafen musste, hatten Isa und er nie Schwierigkeiten gehabt, nebeneinander zu liegen. Auch dann nicht, als noch nie etwas zwischen ihnen gelaufen war.

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie und lugte ebenfalls ins Schlafzimmer hinein. – „Keine Ahnung… Eigentlich bin ich ziemlich sauer auf dich.“ – „Wie wär’s, wenn wir erst mal was pennen?“ – „Dass du eventuell mit mir deinen Plan hättest absprechen sollen, davon willst du nichts hören, oder?“ – „Da gab es nichts abzusprechen“, sagte sie, warf ihre Tasche aufs Bett und kramte T-Shirts hervor. Ohne ein weiteres Wort ging sie ins Bad, zog sich um, schob die Tasche vom Bett, stellte ihren Wecker auf zehn und wurschtelte sich unter die Decke.

Er seufzte halbwegs laut: Was blieb ihm denn übrig? Also ging auch er ins Bad. Sich unter den Halogenleuchten in einem großen Spiegel anzusehen, war um einiges erschreckender als sein Gesicht eben im Handspiegel zu betrachten. Wie konnte er eigentlich bei diesem Aussehen erwarten, dass irgendein vernünftiges Mädel ihn ansprach? Er erinnerte sich selbst an irgendwen. An wen? Hm, am ehesten an einen Gruftie. So leichenblass. Nur dass er ungeschminkt war. Schlaf. Er brauchte Schlaf. Ein schneller Toilettengang, dann zog er sich bis auf die Boxershorts aus und fiel aufs Bett.

Isas Atem ging ruhig und gleichmäßig, die Augenlider zuckten ab und an. Die Autofahrt musste sie geschafft haben. Hatte sie vorher überhaupt geschlafen? Seit wann war sie in Köln gewesen? Hatte sie wirklich nur eine halbe Stunde vor seiner Haustür gewartet oder länger? War sie …

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