Der Alki und die Scheinheilige

Ein Mann, ungefähr 30 und stark alkoholisiert, der verhasste Biergeruch klebt an ihm, setzt sich im Bus neben mich. Weil ich mich für tolerant halte, rutsche ich keinen Platz weiter. Es reicht nicht, dass er riecht, als hätte man ihn mit Bier übergossen, nein, er muss sich auch noch eine Dose öffnen und zu trinken beginnen. Unverständliches Gemurmel kommt aus seinem Mund, aber ich mache Worte wie „unfair“ und „dumm“ aus. Scheinbar regt er sich über einige Menschen auf. Aber ja nicht über mich, denn ich bin schließlich tolerant.  ‚Ob andere Menschen sich einen anderen Platz gesucht hätten?‘, frage ich mich und klopfe mir insgeheim auf die Schulter. Ich brauche keinen anderen Platz, ich ertrag das schon.

Unbehaglich nehme ich meine Geldbörse heraus, in der sich eine Mark und drei Pfennige befinden, krame nach der Mark für ein Brötchen beim Studentenkiosk und stecke die Börse schnell wieder ein. ‚Frag mich jetzt bloß nicht, ob ich Geld für dich habe‘, fauche ich den Unwirschen in Gedanken an und füge hinzu: ‚Ein Freund von mir ist dabei sich wegen und mit dem Alkohol sein Leben zu verbauen, also frag mich bloß nicht, ob ich dir Geld für das Scheißzeug geben kann.‘ Und meine Gedanken fliegen zu diesem ‚Freund‘, der niemand anderes ist, als der Junge, den ich liebe und der mich verdrängt, versetzt, verletzt, benutzt.

„Hier“, höre ich eine Stimme neben mir. Ich sehe den Betrunkenen an. Er reicht mir eine gelbe, langstielige und gewiss von seinem Geld gekaufte Blume, als wolle er sich für denjenigen entschuldigen, auf dessen Entschuldigung ich eigentlich warte, an dessen Blick mich der seine erinnert. – „Womit habe ich die verdient?“, frage ich ihn und werde mir bewusst, dass ich nur Abwertendes über ihn gedacht habe. Ich, die ja ach-so-tolerante. – „Deine Ausstrahlung, die ist gut“, nuschelt der Mann. – „Aber willst du die Blume nicht deiner Frau mitbringen?“ – „Ich hab ja noch die eine hier. Behalt‘ die.“

Und ich denke daran, ihm die Mark zu geben. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass er Wert auf sie legen würde. Außerdem will er mir die Blume nicht verkaufen, sondern sie mir schenken. Darum nehme ich sie als Zeichen an. Und ich schäme mich dafür, dass ich ihn verurteilt habe, dass ihn meine Ausstrahlung belogen hat. Ich schäme mich für mich selbst: Mein Verhalten, meine Gedanken waren peinlich. Wer war asozial?

(2001)

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10 Kommentare zu „Der Alki und die Scheinheilige

  1. Eine schöne kleine Parabel hast Du da geschrieben.

    Wir machen uns immer schnell ein Bild im Kopf. Dabei vergessen wir, dass diese Bilder in unserem Gehirn entstehen – unsere eigenen Schwächen und Ängste projezieren. Der erste Eindruck ist ein Idiot. Und manchmal schenken uns diese selbstgemalten Idioten eben eine Blume oder auch nur ein Lächeln und wir sind plötzlich der/die Dumme.

  2. Vielen lieben Dank für deine tiefsinnige und so wahre Geschichte 😉
    Ich habe so viel zwischen den Zeilen lesen dürfen, eine Art die ich zu lesen liebe ❤
    Genau wie du, hätte ich auch diese Person sein können mit den gleichen Gedanken. Und das, obwohl ich mich auch absolut zu den toleranten Menschen zähle. Deine Geschichte zeigt mal wieder, dass wir tunlichst versuchen sollten, kein Türschwellen-denken aufkommen zu lassen. Ebenso sollten wir alle versuchen unsere Toleranzgrenze hin und wieder und immer öfter zu prüfen, ob sie ausreicht, dort wo sie der Toleranz bedarf 😉

    liebe Grüße und dankeschön für`s lesen lassen, sagt dir nun
    eine nachdenkliche
    Heike

      1. „Streicheleinheiten fürs Ego“ gebühren dem, der sie auch verdient. Und du hast sie allemal verdient mit deiner Art zu schreiben 😉
        liebe Grüße und Wünsche für einen schönen Rest- Abend
        Heike

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